Rechtsextremismus

„NSU 2.0“: Schreiber drohen mit einem „doitschen Herbst“

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Eine neue „NSU 2.0“-Mail ist bei der FR eingegangen. Der Täter solidarisiert sich mit einem Drohbrief-Schreiber, der vor Gericht steht.

Frauen und queere Personen wie Hengameh Yaghoobifarah werden in rechtsextremen und sexistischen Schreiben mit der Unterschrift „NSU 2.0“ bedroht.

Neue „NSU 2.0“-Mail ist bei der FR eingegangen. Der Täter solidarisiert sich mit einem Drohbrief-Schreiber, der vor Gericht steht.

  • „NSU 2.0“ verschickt neue Drohmails - unter anderem an „taz“-Autorin Hengameh Yaghoobifarah
  • Die Täter versuchten über Anrufe bei der „taz“-Chefredaktion an Privatdaten zu kommen
  • In einer Rundmail solidarisiert sich der „NSU 2.0“ mit einem Drohbriefschreiber vor Gericht

Wiesbaden – Der rechtsextreme Täter oder die Tätergruppe, der oder die hinter den „NSU 2.0“-Drohmails steckt, nutzt offenbar unterschiedliche Wege, um an persönliche Daten von Opfern zu kommen. Bereits 2018 versuchte ein Mann, der anscheinend in Verbindung mit den späteren Drohungen steht, durch Anrufe bei der Tageszeitung „taz“ an Auskünfte über die Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah zu gelangen. Das berichtete die Zeitung am Wochenende.

Schon 2018 bedroht: „taz“-Autorin Hengameh Yaghoobifarah im Fadenkreuz des „NSU 2.0“

Demnach gab sich ein Mann am 22. August 2018 als Polizist aus, fragte bei der taz-Chefredaktion vergeblich nach Kontaktdaten und beendete das Gespräch mit der Drohung: „Ihrer Kollegin blüht noch einiges.“ Am 23. Juni 2020 sei zum wiederholten Mal eine „NSU 2.0“-Mail mit Drohungen gegen Yaghoobifarah in der Redaktion eingegangen, diesmal mit Bezug auf das Telefonat von vor zwei Jahren, so die „taz“. Er habe „schon am 22.8.2018 telefonisch höchstpersönlich klargemacht“, dass „wir Hengameh Yaghoobifarah ... ganz besonders zutreffend betreuen werden“, habe es darin geheißen.

Seit zwei Jahren werden Frauen und queere Personen wie Yaghoobifarah in rechtsextremen und sexistischen Schreiben mit der Unterschrift „NSU 2.0“ bedroht. Täter wurden bisher nicht gefasst, obwohl allein in Hessen eine 30-köpfige Ermittlungsgruppe sowie seit Juli ein Sonderermittler fahnden.

„NSU 2.0“ verschickt mehr als 80 Drohmails mit persönlichen Daten

Die mittlerweile mehr als 80 Drohschreiben richten sich auch gegen Familienmitglieder und enthalten in einigen Fällen persönliche Daten, die nicht öffentlich zugänglich sind. Solche Daten waren vor Drohungen gegen Yaghoobifarah, die hessische Linken-Fraktionschefin Janine Wissler, die Kabarettistin Idil Baydar und die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz von Polizeicomputern in Frankfurt, Wiesbaden, Berlin und Hamburg abgerufen worden.

Die betroffenen Frauen gehen aber davon aus, dass Angaben auch aus anderen Quellen stammen. „Da werden Personen verfolgt und ausgespäht“, sagte die Linken-Bundestagsabgeordnete Martina Renner, die ebenfalls Opfer von „NSU 2.0“-Drohungen ist, in einem FR-Interview.

In einer Mail mit einem breiten Verteilerkreis prahlte „NSU 2.0“ am Wochenende mit den Privatanschriften von Wissler, Renner, der Berliner Linken-Fraktionschefin Anne Helm und Basay-Yildiz. Dabei verwendete er die neue Adresse der Anwältin. Zuvor hatte der Täter die „taz“ auf die Tatsache hingewiesen, dass er über diese Adresse verfüge, und die Zeitung hatte darüber berichtet. Nach Angaben des hessischen Innenministers Peter Beuth (CDU) hat es zumindest in Hessen keine weitere Datenabfrage zu Basay-Yildiz von Polizeicomputern gegeben.

„NSU 2.0“ fordert Freilassung von Drohbriefschreiber

Zum Empfängerkreis der aktuellen „NSU 2.0“-Mail zählen Medien, darunter die FR, Polizei- und Justizstellen und ein Rechtsanwalt, der mehrere Rechtsextremisten vor Gericht vertreten hat. Außerdem macht sich der Drohbriefschreiber für André M. stark, der wegen einer rechtsextremen Drohbriefserie in Berlin vor Gericht steht. M. soll seine Hassbotschaften unter dem Absender „Nationalsozialistische Offensive“ verschickt haben. In der aktuellen E-Mail schreibt „NSU 2.0“, wenn „unser Jungmann“ M. nicht sofort freigelassen werde, „so blüht euch Schweinen bald der nächste doitsche Herbst“.

Mit dem Kürzel beziehen sich der Täter oder die Tätergruppe auf den rechtsterroristischen „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU), der mindestens zehn Menschen ermordet hat. (Von Pitt von Bebenburg)

Rubriklistenbild: © Stefan Boness/Ipon/Imago Images

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