FR von Juni 1967

"In Notwehr" wurde Benno Ohnesorg von hinten erschossen

Der Student Benno Ohnesorg starb durch einen Kopfschuß. Das ist alles, was die Berliner Behörden über diesen Fall glaubhaft machen können.

Der Student Benno Ohnesorg starb durch einen Kopfschuß. Das ist alles, was die Berliner Behörden über diesen Fall glaubhaft machen können. Die amtlichen Darstellungen über den Tod des Studenten haben weithin Mißtrauen gegenüber dem Vorgehen und der Aufrichtigkeit der Berliner Behörden ausgelöst. Innerhalb von drei Tagen verbreiteten die amtlichen Stellen fünf Versionen über die Umstände des Todes. Sie reichen vom "ermordeten Polizisten" über einen "verirrten Querschläger" bis zum "in Notwehr" abgefeuerten Schuß.

Von all diesen unwahren Darstellungen bleibt als offizielle Version übrig: Ein Kriminaler gab einen Warnschuß ab, der zufällig Ohnesorg traf. Die Obduktion ergibt: Ohnesorg ist durch direkten Schuß in den Hinterkopf getötet worden, "in Notwehr", behauptet die Staatsgewalt. Aber nicht genug damit. Ein Knochenstück mit der Einschußöffnung verschwindet, behandelnde Ärzte vernähen die Einschußwunde, die Gerichtsmediziner werden nicht darüber informiert. Noch mehr Merkwürdiges wird bekannt.

Ärzte sagen aus, man habe sie seitens der Polizei an Hilfeleistung für verletzte Demonstranten gehindert. In der Nähe der Oper gelegene Krankenhäuser kommen durch die Menge der Opfer in Raumnot, aber die Polizei verhindert die Einlieferung in bereits vorbereitete Privatkrankenhäuser. Benno Ohnesorg ist aller Wahrscheinlichkeit nach erst nach längeren Verzögerungen in ein weiter entferntes Krankenhaus gebracht worden. Dort starb er. Kostbare Minuten gingen jedenfalls verloren.

Über die Umstände des Todes von Benno Ohnesorg haben Anwälte der Studentenschaft inzwischen zahlreiche Personen gefragt. Fünfzehn Aussagen stimmen in den entscheidenden Punkten überein. Der Vorfall muß sich danach etwa folgendermaßen abgespielt haben: Auf der Flucht vor der prügelnden Polizei suchte eine Gruppe von etwa 20 Demonstranten Unterschlupf in dem frei zugänglichen Parkplatzerdgeschoß eines auf Pfeilern stehenden Hauses an der Krummen Straße.

Sie eilten dort einem jungen Mann zu Hilfe, der von zwei oder drei Polizeibeamten mißhandelt wurde. Zwei Beamte wurden eingekreist, und die Demonstranten sollen versucht haben, ihnen die Mützen vom Kopf zu schlagen. Die Beamten hätten mit ihren Knüppeln um sich geschlagen und die Demonstranten auf etwa einen Meter Distanz halten können. Die Dauer dieser Szene wird verschieden eingeschätzt, und zwar zwischen wenigen Sekunden und zwei Minuten.

Es näherte sich dann eine Gruppe von zehn bis fünfzehn Uniformierten, worauf die Demonstrantengruppe die Flucht ergriff. Zwei oder drei Jugendliche hätten nicht entkommen können und seien von Polizisten umringt worden. Von einigen der anderen wurde, als sie bereits draußen waren, ein Knall gehört. Es war noch nicht genau zu klären, ob Ohnesorg, als er getroffen wurde, bereits entkommen oder ob er umringt oder gar auf den Boden geworfen war. Nach Aussagen von Zeugen, die noch nicht eingehend befragt worden sind, hörte man mehrmals den Ruf: "Bitte, bitte, nicht schießen."

Aus der FR-Sonderausgabe von Anfang Juni 1967

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