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Tell Tamer: Ein Soldat der kurdischen YPG an einem Kontrollpunkt im Norden Syriens.

Krieg in Syrien

Christen fürchten sich vor türkischer Offensive

Die letzten  Assyrer in Nordsyrien befürchten eine Vertreibung durch die Türkei.

Nur noch wenige Christen sind im Dorf von Tal Nasri im Norden Syriens zurückgeblieben, nachdem die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) die Region vor vier Jahren erobert hatte. Doch auch sie könnten nun zur Flucht gezwungen sein, wenn die türkische Armee weiter nach Süden vorrückt. "Wir fürchten, dass die letzten Mitglieder des assyrischen Volkes ins Exil gedrängt werden", sagt Sarkun Selio. Er ist als einer der letzten Assyrer in dem Dorf geblieben, um es gegen die Türken und ihre syrischen Verbündeten zu verteidigen.

Für die Assyrer in Nordsyrien ist es bereits das zweite Mal in wenigen Jahren, dass sie angegriffen werden. Schon im Februar 2015 hatte der IS die Region von Chabur besetzt, die sich entlang des gleichnamigen Flusses in der Provinz Hassakeh erstreckt. Vor dem Bürgerkrieg lebten dort rund 20.000 Assyrer. Wegen der Kämpfe und der Dschihadisten flohen fast alle ins Ausland, die meisten nach Kanada, Australien und in die USA.

Die türkische Besatzung so schlimm wie die Dschihadisten

Nur rund tausend assyrische Christen sind noch in der Region von Chabur geblieben. Viele Häuser im Dorf von Sarkun Selio wurden von den Dschihadisten zerstört, darunter auch die Kirche. Heute steht von ihr nur noch ein Betongerippe. In einer Ecke des Hofs steht ein großes Eisenkreuz, auf dem Boden liegen Seiten aus einem christlichen Gebetsbuchs.

Selio hat sich mit einigen anderen Männern der assyrischen Miliz "Wächter von Chabur" angeschlossen. Ihr Sprecher Nabil Warde fürchtet angesichts der Geschichte der "Auslöschung" der armenischen und assyrischen Minderheiten im Osmanischen Reich das Schlimmste. Für ihn unterscheidet sich die türkische Besatzung kaum von der Okkupation durch die Dschihadisten, die 220 assyrische Christen verschleppten, um Lösegeld zu erpressen.

Noch steht die türkische Armee einige Kilometer nördlich von Tal Tamr. Anfang Oktober hatte sie in einer einwöchigen Offensive die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) von der Grenze zur Türkei zurückgedrängt. Offiziell gilt seit Mitte Oktober eine Waffenruhe, doch gibt es immer wieder Gefechte zwischen den kurdischen Milizen und der türkischen Armee und verbündeten syrischen Rebellenmilizen, die Teile der Region kontrollieren.

Das Schicksal der Region bleibt ungewiss

"Die Türken drohen, unsere Dörfer anzugreifen, viele fliehen", sagt Aischo Nissan, ein 48-jähriger Assyrer in Tal Tamr. "Das Schicksal der Region bleibt ungewiss. Wir fürchten um unsere Kinder und Familien." Während viele arabische Muslime inzwischen in ihre Häuser zurückgekehrt sind, fürchten Kurden und Christen eine Rückkehr in Gebiete unter türkischer Kontrolle oder in Regionen, die von der türkischen Armee bedroht werden.

Auch Suad Simon musste kürzlich aus dem Dorf Tal Kefdschi fliehen, als die Kämpfe immer näher kamen. Die 56-jährige Christin hat nun bei Verwandten im nahegelegenen Tal Tamr Zuflucht gefunden. "Wir Frauen sind geflohen, weil wir Angst vor den Bomben hatten", sagt sie und entzündet im Hof des Hauses eine Kerze für ihren Mann, der sich ebenfalls der Miliz der "Wächter von Chabur" angeschlossen hat. "Ich habe viele Erinnerungen, meinen Mann, mein Haus, meine Familie und meine Nachbarn zurücklassen müssen", sagt Simon mit Bedauern. "Nun bleibt uns nur Gott." (afp)

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