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Südkoreanische K-Pop-Bands wie die „Brave Girls“ erfreuen sich auch in Nordkorea steigender (und geheimer) Popularität.

Südkoreanische Einflüsse

Feindbild K-Pop: Kim Jong-un führt Kulturkrieg um nordkoreanische Jugend

  • VonMirko Schmid
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Für Kim Jong-un werden Einflüsse südkoreanischer Popkultur in Nordkorea zunehmend zum ernsten Problem. Dabei geht es um nicht weniger als die Zukunft der Diktatur.

Pjönjang – Kim Jong-un ist kein Fan südkoreanischer Popmusik. Im Gegenteil unternimmt sein Regime in Nordkorea alles, um jeden popkulturellen Einfluss aus dem kapitalistischen Nachbarstaat zu unterbinden. Und doch fällt es der Diktatur trotz aller Restriktionen und Strafandrohungen immer schwerer, die eigene Jugend von Musik, Filmen und Dramen aus Südkorea fernzuhalten.

Nach Meinung von Kim Jong-un ist es schlicht ein „bösartiger Krebs“, der aus dem Süden ins Land dringt. Seine Staatsmedien lässt er verkünden, dass dieser „Tumor“ die „Kleidung, Frisuren, Sprache und Verhaltensweisen“ junger Nordkoreaner:innen „korrumpiere“. Apokalyptisch heißt es dort auf allen Kanälen, dass die „Volksrepublik wie eine feuchte Mauer zerbröckeln“ würde, wenn der kulturelle südkoreanische Einfluss nicht „kontrolliert“ werde.

Gefahr für Kim Jong-un: Südkoreanische Popkultur erreicht Jugend in Nordkorea

Das Wort „kontrolliert“ ist wie so viel aus dem Vokabular der Kim-Diktatur als Euphemismus zu verstehen. Tatsächlich heißt es: auf jeden Fall und unter der Androhung drakonischer Strafen verboten. Erst kürzlich berichteten nordkoreanische Quellen dem Internetmagazin NK News von einer öffentlichkeitswirksamen Hinrichtung. Das Medium, das als wichtigstes Sprachrohr der nordkoreanischen Exil-Opposition gilt, erzählte die Exekution eines Mannes vor den Augen seiner engsten Familie nach.

Sein Verbrechen: Er soll dabei erwischt worden sein, wie er USB-Sticks mit südkoreanischen Medieninhalten in der nordkoreanischen Provinz verkauft haben soll. Zum Verhängnis wurde ihm das neue „anti-reaktionären Gedankengesetz“, wonach bereits eine unterlassene Meldung solcher „antisozialistischer“ Aktivitäten sieben Jahre Straflager nach sich ziehen kann.

K-Pop-Kultur gelangt auch über Datenträger nach Nordkorea

Und doch hat die südkoreanische Popkultur, die weltweit immer mehr Fans für sich gewinnt, nun auch die letzte Grenze erreicht: Nordkorea. Der wachsende Einfluss der nur im geheimen gehandelten und konsumierten südkoreanischen Popkultur hat Kim Jong-un und seine Machtzirkel in einen „Kulturkampf“ gezwungen. An dessen Ende könnte es tatsächlich darum gehen, ob die Kim-Diktatur auch zukünftig einen de facto uneingeschränkten Zugriff auf die Menschen im Land behält.

Kims Problem besteht in der schieren Menge der über die südliche Grenze ins Land gelangenden Kulturerzeugnisse. Selbst eine dermaßen straffe und penibel organisierte Diktatur wie die des Kim-Clans kann kaum garantieren, jederzeit und überall im gut 120.000 Quadratkilometer umfassenden Staat ein Auge auf die Endgeräte seiner Jugend zu haben. Erst recht dann, wenn die Inhalte nicht über das staatlich zensierte Internet, sondern mittels Datenträgern wie CDs, USB-Sticks und externe Festplatten gehandelt werden.

NationNordkorea
HauptstadtPjöngjang
StaatschefKim Jong-un
Bevölkerung25,67 Millionen (Stand 2019)
Fläche120.538 km²

Nordkorea unter Kim Jong-un bekämpft Schmuggel von Medieninhalten aus Südkorea

Und so ist in den letzten Monaten in Nordkorea kaum ein Tag vergangen, an dem Kim oder seine staatlichen Medien, die sich in seinem Land ausbreitenden „antisozialistischen und nichtsozialistischen“ Einflüsse nicht verteufelt hätten. Im Fokus der staatlichen Zensur stehen vor allem südkoreanische Filme, sogenannte K-Dramen und K-Pop-Videos. Im Zuge eines zunehmend als verzweifelt wahrgenommenen Bestrebens, diese Einflüsse zurückzudrängen, soll Kim Jong-un seinem Staatsapparat befohlen haben, die laut New York Times „kulturelle Invasion auszurotten“.

„Junge Menschen in Nordkorea finden nicht, dass sie Kim Jong-un etwas schulden“

Kims Zensur ist mithin alles andere als das Wüten eines verstimmten Diktators. Sie fällt in eine Zeit, in der sich der Zustand der seit langem maroden nordkoreanischen Wirtschaft weiter verschärft. Die Gründe für diesen Zustand sind so vielfältig wie in ihrer Zusammenstellung giftig für die Dynastie der Kims. Die Corona-Pandemie, eine konsequente Abriegelung des Landes, eine kaum noch stattfindende Diplomatie mit westlichen Nationen: Der jüngsten nordkoreanischen Generation werden genügend Gründe geboten, empfänglich für Einflüsse von außen zu sein.

„Die jungen Menschen in Nordkorea finden nicht, dass sie Kim Jong-un etwas schulden“, erklärt Jung Gwang-il. Jung, ein in Südkorea ansässiger Exil-Nordkoreaner, betreibt ein Netzwerk zum Schmuggel von K-Pop in seine alte Heimat. „Er ist jetzt gezwungen, seine ideologische Kontrolle über die Jugend wieder geltend zu machen, wenn er die Zukunft der dynastischen Herrschaft seiner Familie nicht aufs Spiel setzen will.“

Vorbild Südkorea: Millennials in Nordkorea entfremden sich von Kim Jong-un

Die Loyalität der Millennials im Land gegenüber der seit drei Generationen herrschenden Kim-Dynastie wurde mehr als einmal auf die Probe gestellt. Sie wurden während einer Hungersnot in den späten 1990er Jahren erwachsen. Sie erlebten mit, wie das Regime keine Nahrungsrationen bereitstellen konnte und Millionen Menschen starben. Sie wurden von klein auf mit einem System vertraut, in dem Familien nur überlebten, indem sie ihre Lebensmittel auf inoffiziellen Märkten erstanden.

Neben den aus dem kommunistischen Schwesterstaat China ins Land geschmuggelten Nahrungsmitteln, kamen die heranwachsenden Leistungsträger:innen der „Volksrepublik“ so schon früh in Kontakt mit unter dem Tisch gehandelten Unterhaltungsmedien aus südkoranischer Produktion. Für das Narrativ des Regimes, wonach Südkorea ein verarmter Staat von Bettler:innen sei, ist diese Entwicklung brandgefährlich. Setzt sich die Überzeugung durch, dass diese vom Nachbarn behauptete Armut tatsächlich zwischen den eigenen Landesgrenzen beheimatet ist, muss Kim Jong-un ein zunehmendes Aufbegehren seiner Bevölkerung fürchten.

Alle Informationen finden Sie auf unseren Themenseiten Nordkorea-News und Kim-News.

Und genau diese Wahrheit erzählen die über die südliche Landesgrenze geschmuggelten Dramen. Die nordkoreanischen Millennials sehen Geschichten von Südkoreaner:innen, die freiwillig Diät halten, um Schönheitsansprüchen zu genügen, während sie selbst im täglichen Kampf ums Überleben und inmitten eines ständigen Nahrungsmangels aufwuchsen. Um eine flächenbrandartige Verbreitung dieser Anschauung zu verbreiten, reagiert die Kim-Diktatur mit Gesetzen, die beispielsweise zwei Jahre Zwangsarbeit für jene bereithalten, die „im südkoreanischen Stil sprechen, schreiben oder singen“.

Kim Jong-un lässt in Nordkorea penibel nach Einflüssen aus Südkorea suchen

„Für Kim Jong-un hat die kulturelle Invasion Südkoreas ein erträgliches Maß überschritten“, sagte Jiro Ishimaru, Chefredakteur von Asia Press International. Seine Webseite wirft von Japan aus einen kritischen journalistischen Blick auf Nordkorea. „Er befürchtet, dass sein Volk anfangen könnte, den Süden als alternatives Korea zu betrachten, wenn es nicht mit harter Hand handelt.“

Und so lässt er seine Behörden nun auch nicht mit dem Internet verbundene Datenträger nach Inhalten und gar Akzenten durchsuchen, die auf einen Konsum südkoreanischer Medien hinweisen. Die jungen Frauen im Land sind angewiesen, von ihren männlichen Bekanntschaften als „Genossen“ zu reden. Finden sich Formulierungen wie „Honey“, einer in Südkorea üblichen Bezeichnung für den eigenen Liebhaber, folgen Verhöre und unangenehme Fragen. Dies kann so weit führen, dass die gesamten Familien derjenigen, die den „Marionettenakzent“ des Südens „nachahmen“, aus ihren Städten vertrieben und in die äußerste Provinz geschickt werden.

Nordkorea: Südkoreanische Einflüsse bedrohen die Diktatur von Kim Jong-un

Und doch könnte es für Kim Jong-un und seine Staatspropaganda bereits zu spät sein, die entstandenen Risse zu kitten. Pop-Schmuggler Jung Gwang-il beispielsweise nennt den südkoreanischen Film „Eifersucht“ als einen Grund für seine Flucht aus dem Norden. Das K-Drama über junge Liebe sei ein „Kulturschock“ für ihn gewesen: „Im nordkoreanischen Fernsehen drehte sich alles um die Partei und den Führer“, erinnert er sich. „Wir haben dort nie eine so natürliche Darstellung menschlicher Emotionen gesehen. Nicht einmal einen Mann und eine Frau, die sich auch nur küssen.“

Mit seiner Erfahrung steht Jung nicht allein. Im Rahmen einer Umfrage der Seoul National University wurden 116 Menschen befragt, die in den Jahren 2018 und 2019 aus Nordkorea geflohen waren. Fast die Hälfte gab an, im Norden „häufig“ südkoreanische Unterhaltung gesehen zu haben. Im Moment besonders beliebt, so erzählt es Jung, sei die Serie „Crash Landing on You“. Dort dreht es sich um eine südkoreanische Erbin, die beim Paragleiten von einem Windstoß über die Grenze getragen wird und sich in einen nordkoreanischen Armeeoffizier verliebt. (Mirko Schmid)

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