Szene aus Pjöngjang, der Hauptstadt von Kim Jong Un beherrschten Nordkorea.
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Szene aus Pjöngjang, der Hauptstadt von Kim Jong Un beherrschten Nordkorea.

Bericht von Human Rights Watch

Nordkorea unter Kim Jong Un: „Als sei man weniger wert als ein Tier“

Aus einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch geht hervor, dass Häftlinge in Nordkorea unter unmenschlichen Bedingungen leben müssen.

  • Ex-Gefangene berichten von Gewalt und Strafen in den Haftanstalten Nordkoreas.
  • Geflohene Polizisten geben an, dass sie Geständnisse aus den Häftlingen geprügelt haben.
  • Human Rights Watch fordert die Regierung von Nordkorea auf, der Grausamkeit ein Ende zu setzen.

Pjöngjang/New York - Schläge, Tritte und kaum Nahrungsmittel. Die Häftlinge in den Untersuchungsgefängnissen von Nordkorea leben dort unter unmenschlichen Bedingungen. Das geht aus einem Bericht von Human Rights Watch hervor. Das 88-seitige Dokument der Menschenrechtsorganisation mit Sitz in New York City wurde am heutigen Montag, 19. Oktober, veröffentlicht. Darin beschreiben ehemalige Gefangene die Zustände in den nordkoreanischen Haftanstalten. Sie sprechen unter anderem von systematischer Folter, unhygienischen und gefährlichen Bedingungen sowie sexuellen Übergriffen.

Nordkorea: Willkürliches und grausames System der Untersuchungshaft

„Nordkoreas System der Untersuchungshaft und der Vorverfahrensermittlung ist willkürlich, grausam und herabwürdigend“, so Brad Adams, Direktor der Asien-Abteilung von Human Rights Watch.  „Viele Nordkoreaner sagen, sie lebten in der ständigen Angst, einem System ausgeliefert zu werden, in dem offizielle Prozeduren übergangen werden, die Schuld des Verdächtigen von vornherein angenommen wird und Bestechungsgelder und Kontakte den einzigen Ausweg bilden.“

Human Right Watch befragte 22 ehemalige Gefangene, die seit dem Amtsantritt von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un in Haft- und Verhöreinrichtungen untergebracht waren. Außerdem kommen in dem Bericht acht Regierungsbeamte zu Wort, die mittlerweile aus Nordkorea geflohen sind. Laut den Ex-Häftlingen, habe man sie nach ihrer Ankunft im unklaren darüber gelassen, was mit ihnen passieren werde. Der Kontakt zu Rechtsanwälten sei nicht möglich gewesen. Immer wieder seien Schläge mit einem Stock oder Tritte verteilt worden.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un lässt Gefangene in Untersuchungshaft foltern und bestrafen.

„Manche Wärter zwangen uns, die Köpfe zwischen die Gitterstangen zu stecken, oder sie schlugen uns durch die Stangen mit einem Stock oder ihrer Waffe auf die Finger“, berichtete ein Soldat, der Nordkorea bereits 2017 verlassen hatte, nachdem er zuvor mehrere Male wegen Schmuggels und Fluchtversuchen nach Südkorea verhaftet wurde. „Wenn sie wirklich wütend waren, kamen sie in die Zelle und verprügelten uns. Dies geschah jeden Tag – wenn nicht bei uns, dann bei den anderen. Wir konnten es hören, es sollte für eine angespannte Atmosphäre sorgen“, so der Soldat weiter.

Gefängnis in Nordkorea: Häftlinge müssen tagelang still sitzen

In dem Bericht von Human Rights Watch ist zu lesen, dass die Gefangenen in Nordkorea dazu gezwungen wurden tagelang auf dem Boden still zu sitzen, kniend oder mit überkreuzten Beinen, die Hände auf dem Schoss, den Kopf nach unten geneigt. Wenn sich ein Häftling nur minimal bewegte, habe er eine körperliche Strafe durch die Wärter bekommen oder alle Gefangenen seien gemeinsam bestraft worden.

Die befragten Gefangenen wurden durch Schläge mit Händen, Stöcken oder Ledergürteln bestraft, wenn sie sich rührten, oder die Wärter zwangen sie, bis zu 1.000 mal im Kreis um einen Hof zu laufen. Ein Ex-Häftling sagte der Menschenrechtsorganisation: „Dort wird man einfach so behandelt, als sei man weniger wert als ein Tier, und das ist es, was man am Ende wird.“

Eine weibliche Befragte erzählte, dass es in den Gefängnissen zu sexuelle Gewalt gekommen sei. Ein Vernehmungsbeamter habe sie vergewaltigt. Außerdem sei die Frau durch einen anderen Polizisten sexuell missbraucht worden. Er habe sie während eines Verhörs unter der Kleidung berührt. Die Geschädigte sei „machtlos gewesen, sich zu wehren“, wie sie selbst berichtete.

Nahrungsmittelknappheit in Nordkoreas Gefängnissen

Die Ex-Gefangenen sprachen außerdem vom Nahrungsmittelknappheit, überfüllten Zellen mit zu wenigen Schlafmöglichkeiten und kaum Waschgelegenheiten in den Gefängnissen von Nordkorea. Es mangele an Decken, Seife und weiteren Hygieneprodukten. Gefangene seien mit Bettwanzen, Läusen sowie Flöhen übersät gewesen.

Vier ehemalige Regierungsbeamte gaben an, die regierende Partei der Arbeit Koreas betrachte Häftlinge als minderwertige Menschen, die keines direkten Blickkontakts mit dem Vollzugspersonal würdig seien. Die Häftlinge werden mit einer Nummer bezeichnet und nicht mit ihrem Namen angesprochen. „Die Vorschriften besagen, dass es keine Schläge geben sollte, aber wir brauchen Geständnisse während der Untersuchung und in der frühen Phase der Voruntersuchung“, so ein ehemaliger Polizeibeamter. Also müsse man schlagen, um ein Geständnis zu bekommen.

Human Rights Watch fordert Nordkorea dazu auf, die Folter zu beenden

In dem Bericht wird die Regierung von Nordkorea dazu aufgefordert, „der Folter und der grausamen, unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung in der Haft ein Ende zu setzen.“ Außerdem sollen Südkorea, die USA und weitere UN-Mitgliedsstaaten „öffentlich und privat Druck auf die nordkoreanische Regierung ausüben.“ „Nordkorea sollte seine Justiz aus dem finsteren Mittelalter holen. Es sollte internationale Unterstützung anfordern, um professionelle Polizei- und Ermittlungsbehörden zu schaffen, die Straftaten mithilfe von Beweisen und nicht durch Folter aufklären“, so Brad Adams. (Tobias Ketter)

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