Nordkorea: Ein nordkoreanischer Offizier blickt in der entmilitarisierten Zone, die die beiden Koreas trennt, durch ein Fernglas.
+
Abgeschottetes Nordkorea: Ein nordkoreanischer Offizier blickt in der entmilitarisierten Zone, die die beiden Koreas trennt, durch ein Fernglas.

Düsteres Reich

Kerkerstaat Nordkorea: Diktator Kim Jong-un schottet sein Land mehr denn je ab

  • Martin Benninghoff
    VonMartin Benninghoff
    schließen

Nur wenige Menschen schaffen es noch aus der abgeschotteten Diktatur Nordkoreas heraus. Die spärlichen internationalen Gesprächskanäle sind versiegt.

Das vier Minuten lange Video ist erschütternd. Es zeigt, wie mehrere Sicherheitskräfte zwei Männer in dunkler Kleidung und Turnschuhen über die Grenze nach Nordkorea schleifen. Der Ort, an Unwirklichkeit kaum zu überbieten, ist Panmunjom in der Demilitarisierten Zone. Die Wachposten und Militärs des stalinistischen Nordkoreas und der demokratischen Präsidialrepublik Südkorea stehen sich hier gegenüber, buchstäblich Auge in Auge, die Waffen im Anschlag.

Die schmale Linie zwischen den Baracken ist eine der wenigen Durchgänge an dieser Grenze, die so schwer bewacht wird wie keine andere. Auf den letzten Metern, noch auf Südkoreas Boden, leisten die beiden Männer Widerstand, doch der Druck der mutmaßlichen Geheimdienstler ist zu stark. Wenige Momente später stolpern die beiden Gefangenen über die Linie und betreten Nordkorea, ihr Heimatland, das keine Heimat bietet. Dann werden sie abgeführt, sie verschwinden in Kim Jong-uns düsterem Reich, ihr Verbleib ist bis heute ungeklärt.

Das Video, das in Südkorea seit Wochen für Aufsehen sorgt, aber im deutschsprachigen Raum kaum zur Kenntnis genommen wird, stammt aus dem Jahr 2019. Die beiden abgeführten Männer sollen nordkoreanische Fischer sein, die auf südkoreanischer Meeresseite festgenommen worden sind. Angeblich, so die Behauptung der Behörden, sollen sie 16 Crewmitglieder ermordet haben. Nachprüfen kann das niemand, zumal ihnen ausgerechnet im demokratischen Süden eine Anklage und ein rechtsstaatlicher Prozess verwehrt wurden. Ihre Absicht, in den Süden überzulaufen, wurde in Seoul als unaufrichtig bewertet.

Wenige Tage später hat Seoul die Männer in den Norden abgeschoben. In ein Land, das seine Bürger:innen in Konzentrationslager wirft, Sippenhaft anwendet – und Menschen hinrichtet. Auf die Regierung des früheren Präsidenten Südkoreas, des linksliberalen Moon Jae-in, wirft der Fall kein gutes Licht, gleich, ob es sich um Mörder oder Unschuldige handelt. Immerhin gibt es eine offizielle Untersuchung.

Zur Serie

Die vergessenen Konflikte: In dieser Serie lenken wir den Blick auf Regionen und Länder, die im Schatten stehen, in denen Mächtige gezielt unter dem Radar agieren und für sich ausnutzen, dass der Fokus der Weltöffentlichkeit auf dem Krieg in der Ukraine liegt. Sie treiben Krisen voran, schüren Missstände, schränken Menschenrechte ein.

In der neunten Folge am Montag, 22. August, schildert Marlene Förster Sorgen und Nöte der verfolgten jesidischen Minderheit im Nordirak.

Südkoreanische Menschenrechtsgruppen sind empört. Sie haben allerdings Schwierigkeiten, durchzudringen, denn der Ukraine-Krieg und auch die Corona-Pandemie absorbieren in unterschiedlicher Weise den ohnehin schwachen Nachrichtenstrom aus Nordkorea. Erwartungsgemäß hat sich Machthaber Kim Jong-un auf die Seite Wladimir Putins gestellt, einer seiner letzten verbliebenen Verbündeten in der internationalen Staatengemeinschaft.

Nordkorea: Kim Yong-un dürfte Lehren aus dem Schicksal der Ukraine ziehen

Die Zeiten, da selbst Russland und China im UN-Sicherheitsrat den Sanktionen gegen Kims Regime zugestimmt haben, sind längst vorbei. Zudem: Pjöngjang verfolgt seit langem aufmerksam, wie es Staaten ergehen kann, die sich nicht atomar bewaffnen und deshalb von anderen Mächten angegriffen werden. Nach dem Sturz des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi 2011, der sein nicht weit gediehenes Atomwaffenprogramm aufgegeben hatte, dürfte Kim auch aus dem Schicksal der Ukraine seine eigenen Schlüsse ziehen – und sein Atomprogramm weiter forcieren.

Pandemiebedingt sind die auch in gewöhnlichen Zeiten streng kontrollierten Grenzen Nordkoreas seit dem Frühjahr 2020 geschlossen, die Kontakte mit ausländischen Stiftungen und NGOs liegen fast auf Eis. Das Regime in Pjöngjang hat nach Aussage von Amnesty International Korea einen Schießbefehl erlassen, sollte jemand die Landesgrenzen von China und Russland nach Nordkorea übertreten, so wie es in den vergangenen Jahren vor allem viele Schmuggler:innen getan haben. „Die Menschenrechtslage verschlechtert sich jeden Tag“, sagt Choi Jae-hoon, Mitarbeiter von Amnesty in Seoul.

Die Kontrolle und Unterdrückung durch den Sicherheitsapparat sei deutlich angezogen worden, sagt er. Wer Nordkorea mehrfach bereist hat, weiß, was das bedeutet: totale Überwachung bis in die letzten Winkel des sogenannten Privatlebens. Seit niemand mehr einreisen darf und selbst ausländische Diplomat:innen das Land verlassen mussten, kann das Kim-Regime – noch unbehelligter als sonst – tun, was es will. Unbeobachtet und frei von Konsequenzen.

In diesem Jahr sind erst 19 Menschen aus Nordkorea geflohen

Für Menschen, die fliehen wollen, hat das schreckliche Folgen. Kaum einer, kaum eine schafft es noch über China und die Drittstaaten Thailand und Laos nach Südkorea oder in die USA. Die Flüchtlingszahlen sind nach Angaben des südkoreanischen Ministeriums für Wiedervereinigung in den vergangenen zwei Jahren eingebrochen. Während zuletzt 2019 mehr als 1000 Nordkoreaner:innen, darunter in der Mehrheit Frauen, den Süden erreichten, waren es 2021 nur noch 63. In diesem Jahr sind es erst 19 Menschen, Stand Juni. Das wiederum führt zu einem bedenklichen Paradoxon in der Wahrnehmung: Wegen dieser Zahlen könnte man dem fatalen Irrtum aufsitzen, dass es den Menschen in der Diktatur besser gehe, und sie deshalb seltener die Flucht ergriffen. Das Gegenteil ist der Fall, die Menschen sind an ihr Land gefesselt und gefesselter denn je. Sie kommen nicht mehr raus.

Staat mit zwei Freunden

Rund 26 Millionen Menschen leben in Nordkorea. Russland und China sind die letzten mächtigen Verbündeten des Landes, wenngleich auch sie in kritischer Distanz zur Atom-Politik Pjöngjangs stehen. Im Ukraine-Krieg rücken sie wieder enger zusammen.

Machthaber Kim Jong-un und Wladimir Putin sowie Dmitri Medwedew kennen sich gut. Sein Vater, der verstorbene Kim Jong-il, unternahm seine letzte Auslandsreise – per Zug – 2011 nach Sibirien, wo er den damaligen russischen Präsidenten Medwedew traf. In Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang gibt es eine russisch-orthodoxe Kirche.

China ist Nordkoreas wichtigster Handelspartner, der Warenverkehr wird in gewöhnlichen Zeiten größtenteils über die chinesische Grenzstadt Dandong abgewickelt. Wegen der Corona-Pandemie und der Sanktionen ist der offizielle Handel fast zum Erliegen gekommen. Fachleute rechnen mit einer vorsichtigen Öffnung im kommenden Jahr. mben

Neben der verstärkten Grenzsicherung nennt Amnesty-Experte Choi noch weitere Gründe: Die Schlepper, die Flüchtlinge nach China über die Grenzflüsse Yalu und Tumen (der ist weniger breit und tief) bringen, verlangten angesichts der größeren Risiken, geschnappt oder gar erschossen zu werden, viel mehr Geld. Zudem sei China eine noch größere Hürde als sonst, da es infolge der Pandemie die Bewegungsfreiheit seiner Bürgerinnen und Bürger eingeschränkt habe.

Unerkannt durchs Land reisen, das ist noch schwieriger geworden. Nordkoreanische Flüchtlinge warten deshalb oft monatelang in den Grenzgebieten auf chinesischer Seite, wo sie untertauchen können, weil viele Menschen Koreanisch sprechen, um bei nächster Gelegenheit auf einer der Fluchtrouten ins Ausland zu gelangen. Niemand weiß, wie viele von ihnen derzeit in China festhängen. In ständiger Sorge, nach Nordkorea abgeschoben zu werden, so wie es den Fischern in Südkorea ergangen ist. Und in Sorge um ihre Angehörigen in der Heimat, die unter der angespannten Versorgungslage leiden.

Der Kalte Krieg zwischen Süd- und Nordkorea währt nun seit Jahrzehnten

Der Kalte Krieg zwischen Süd- und Nordkorea währt nun seit Jahrzehnten, die Weltgemeinschaft hat sich längst mit der Existenz dieser anachronistischen, aber erstaunlich stabilen Diktatur in Pjöngjang arrangiert. Doch mit der Corona-Pandemie sind praktisch alle verbliebenen Gesprächskanäle versiegt. Eine deutsche Stiftung berichtet über eingeschränkten Kontakt in die Ministerien, die – anders als die ideologische Arbeiterpartei – vor allem an fachlichem Austausch und Hilfe interessiert seien, etwa bei der Wiederaufforstung des erodierten Bodens und der Mechanisierung der Landwirtschaft.

Die politischen Gesprächskanäle, die zuzeiten der Gipfeltreffen zwischen Ex-US-Präsident Donald Trump und Kim Jong-un fleißig genutzt wurden, liegen brach. Nach Auskunft eines deutschen Wissenschaftlers sei es unendlich mühsam, selbst einfache E-Mail-Kontakte wieder zum Laufen zu bekommen. Selbst der niedrigschwellige Versuch Seouls, mit Pjöngjang über Corona-Hilfen ins Gespräch zu kommen, lief ins Leere.

Angesichts der internationalen und innerkoreanischen Sprachlosigkeit sei „anzunehmen, dass das heikle Thema Menschenrechte derzeit gar nicht angesprochen werden kann“, sagt Korea-Forscher Hannes Mosler von der Universität Duisburg-Essen. Immerhin: Elizabeth Salmon, die neue Nordkorea-Menschenrechtsbeauftragte der Vereinten Nationen, will so bald wie möglich zu Gesprächen nach Seoul reisen und im Oktober vor der UN-Vollversammlung ihre Pläne vorstellen. Wie immer die ausgestaltet sein können, das Thema kommt immerhin wieder auf die Agenda und damit in die internationale Öffentlichkeit. Es ist zu wenig, wenn die koreanische Flüchtlingsmisere ausschließlich in Südkorea verhandelt wird: Dort geht es immer auch um die eigene Innenpolitik.

Denn das Video der zwangs-repatriierten Fischer ist nicht ohne Grund zu diesem Zeitpunkt aufgetaucht, wenige Monate nach Amtsantritt des neuen konservativen Präsidenten Yoon Suk-yeol. Yoon, ein Mann, der gegenüber Kim Härte zeigen will, definiert sich als personifizierter Gegenentwurf seines Vorgängers, des „Sonnenscheinpolitikers“ Moon Jae-in. Die Veröffentlichung des Videos wirkt deshalb wie ein kraftvolles Nachtreten – mit großer Wirkung. Die Kritik sei berechtigt, meint ein Stiftungsmitarbeiter in Seoul: Gemessen am eigenen Anspruch „hat die Moon-Regierung bei der Frage der Menschenrechte Nordkoreas insgesamt und in diesem besonderen Fall versagt“.

China schiebt nordkoreanische Flüchtlinge zurück in ihr Heimatland ab. Ein Junge protestiert in den USA vor Pekings Botschaft gegen diese international kritisierte Praxis.

Sollte Moon sich tatsächlich einen Kuhhandel ausgedacht haben und politische Zugeständnisse von Pjöngjang im Austausch für die beiden Fischer erhofft haben, so hat er sich gründlich verschätzt. Bekommen hat er dafür jedenfalls nichts. „Dadurch werden viele wichtige Fragen unnötig politisiert und die Beantwortung erschwert, einschließlich der Frage, was nun wirklich mit den beiden Männern aus Nordkorea passiert ist“, sagt Korea-Forscher Mosler.

Die Wirkung des Videos ist auch deshalb so groß, weil Flüchtlingspolitik in Korea zumindest medial oft eine unpersönliche Zahlenexegese ist – selten kommen Betroffene zu Wort oder zeigen ihr Gesicht. Namen tauchen immer dann auf, wenn prominente Nordkoreaner:innen überlaufen, wie der frühere Botschafter in Kuwait, Rye Hyeon-woo, der 2019 flüchtete und im September desselben Jahren nach Seoul kam. Er habe seinem „Kind eine bessere Zukunft ermöglichen wollen“, sagte er später der Agence-France Presse und dem US-Sender CNN.

Im Süden lernen

Bis 2021 sind mehr als 33.000 Flüchtlinge aus Nordkorea im Süden angekommen. Viele sind kaum in der Lage, sofort am konkurrenzorientierten und durchdigitalisierten Leben teilzunehmen. Geldautomaten, automatisch fahrende U-Bahnen, Apps und selbstbewusste Bewerbungsgespräche – den Umgang damit müssen viele erst lernen.

Die Regierung in Seoul hat deshalb vor Jahrzehnten Eingewöhnungszentren, Hanawon, eingerichtet. Wer ankommt, wird zunächst geheimdienstlich und medizinisch untersucht, danach stehen berufliche und alltägliche Kurse auf dem Plan, von Rhetorik bis – wer mag – Barista-Trainings.

Mehr als 400 Unterrichtsstunden dienen der Vorbereitung auf einen möglichen Beruf, mit Sprach- und Computerkursen, Freizeit- und Sportmöglichkeiten. Am Ende sollen die Menschen auf eigenen Füßen stehen – und Geld verdienen. Kritik gibt es immer wieder an dem paternalistischen Ansatz der staatlich verordneten Eingewöhnung. Die Frage ist nur: Was ist die Alternative? mben

Ein ähnliches Beispiel bot der frühere stellvertretende Botschafter in London, Thae Yong-ho, der 2016 aus ähnlichen Gründen überlief, als sich abzeichnete, dass er wieder zurück nach Pjöngjang hätte gehen müssen. Heute ist er in Seoul Politiker. Wohlgemerkt, beiden Diplomaten gelang die Flucht, weil sie im Ausland waren, Devisen und Kontakte hatten. Sie waren privilegiert – und sind es auch weiterhin als Flüchtlinge im Süden.

Geflüchtete aus Nordkorea: Viele haben Angst vor Abschiebung

Für die gewöhnlichen Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner ist der Weg in die Freiheit ungleich steiniger. Viele müssen sich erst mühsam zurechtfinden (siehe Kasten), andere scheitern und wollen sogar zurück nach Nordkorea. Dazu kommt ein neues Phänomen, das man nicht für möglich gehalten hätte: Amnesty International Korea hat zuletzt nach eigener Aussage Dutzende Flüchtlinge getroffen, die in den vergangenen beiden Jahren in den Süden gekommen sind.

Viele seien voller Sorgen, sagt Amnesty-Experte Choi, dass Südkorea sie in den Norden zurückschicken könnte, so wie die Fischer vor drei Jahren. „Die Entscheidung der Regierung in Seoul hat große Ängste in der nordkoreanischen Minderheit geschürt“, sagt Choi. Der Schaden sei immens und die Folgen noch gar nicht abzusehen. Für die Menschenrechtslage auf der koreanischen Halbinsel sind das alles schlechte Nachrichten. (Martin Benninghoff)

Kommentare