+
Norbert Blüm.

Nachruf

Norbert Blüm: Das soziale Gewissen der Bonner Republik

Der CDU-Politiker Norbert Blüm, langjähriger Arbeitsminister unter Helmut Kohl, ist jetzt 84-jährig gestorben.

Es ist erst ein paar Wochen her, dass Norbert Blüm in der Wochenzeitung „Die Zeit“ einen berührenden Text veröffentlichte. Darin machte der 84-Jährige publik, dass er infolge einer Sepsis fast vollständig gelähmt sei, und schrieb dann einen ebenso wahren wie melancholischen Satz: „Die ‚normalen Verhältnisse‘ bieten ein Potenzial an Lust, das wir erst zu schätzen wissen, wenn wir es verloren haben.“ Es klang wie ein Kommentar zur damals einsetzenden Corona-Krise, war jedoch ein sehnsuchtsvoller Blick zurück auf das eigene Leben.

Nun ist Norbert Blüm gestorben – ein Mann, von dem man mit Fug und Recht sagen darf, dass es keinen Zweiten seiner Art geben wird. Diesem Land ist Blüm bekannt geworden als derjenige, der als einziger Minister Mitglied in allen Kabinetten von Helmut Kohl war – und zwar als der sprichwörtliche „Bundesarbeitsminister“ von 1982 bis 1998. Er galt den meisten als „soziales Gewissen“ der Union, manchen aber auch als „Feigenblatt“. Blüm hob die Pflegeversicherung aus der Taufe. Und er prägte die umstrittene Formel: „Die Rente ist sicher.“ Markant waren an dem quirligen Arbeitersohn und gelernten Werkzeugmacher aus Rüsselsheim nicht nur sein hessisch geprägter Tonfall, sondern mehr noch die Gabe, sich aus dem Stand in Rage zu reden – bis er einen roten Kopf hatte.

Blüm war ein Mann aus dem Volk. Und er war ein Mann der Grundsatztreue. Das zeigte sich nach dem Ende der Ära Kohl. Denn Blüm brach mit seinem Weggefährten und Förderer im Zuge der CDU-Spendenaffäre und der Weigerung des langjährigen Parteichefs, die Namen jener anonymen Spender zu nennen, die die Parteikasse mit Schwarzgeld befüllt hatten. Der Bruch währte bis zu Kohls Tod 2017 – was Blüm nicht daran hinderte, gemeinsam mit seinem Bruder im Geiste, dem ehemaligen CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, zu Kohls Trauerfeier nach Speyer zu fahren. „Am Grab hören alle Gefechte auf“, sagte er damals. Geißler starb wenige Monate später.

Sein wohl berühmtester Ausspruch hing Blüm (hier 1986 in Bonn zu sehen) für die Dauer seines Lebens nach. 

Die Grundsatztreue zeigte sich nicht minder, als Kohls Nachfolgerin Angela Merkel Anfang der Nullerjahre versuchte, die CDU mit dem sogenannten Leipziger Programm auf einen neoliberalen Kurs zu zwingen – unter anderem mit der „Kopfpauschale“ in der Krankenversicherung, die für den Chefarzt genauso hoch hätte ausfallen sollen wie für die Krankenschwester. Blüm zog dagegen zu Felde – ziemlich einsam und verlassen, teilweise belächelt. Manche stellten ihn als Mann von gestern hin. Dabei war er der Mann von morgen. Blüm behielt nämlich Recht. Von der Kopfpauschale war bald keine Rede mehr. Der Neoliberalismus in der CDU ging so schnell, wie er gekommen war – ohne dass einer in der Merkel-CDU den Irrtum je offen eingestanden hätte. Die Kanzlerin ließ am Freitag erklären, dass sie Blüms Tod „mit großer Betroffenheit“ zur Kenntnis genommen und dass Blüm ihre Arbeit in den 1990er-Jahren „stark geprägt“ habe.

Im Sommer 2018 rief Blüm augenscheinlich schweren Herzens Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) zur Ordnung, als der sich in der Flüchtlingspolitik mit teils kalter Gehässigkeit vergaloppierte. Seehofer war einst Blüms Staatssekretär gewesen. „Seehofer hat große Verdienste“, sagte er. „Ohne ihn hätte ich es nicht geschafft, die Pflegeversicherung durchzusetzen. Und sein Widerstand gegen die Kopfpauschale in der Krankenversicherung war richtig. Aber was er jetzt gemacht hat, war kein Meisterstück.“ Er könne jedenfalls „nicht so fortfahren wie zuletzt“. Blüm machte es mit Seehofer, wie er es mit Kohl gemacht hatte: Er zog in der Sache eine klare Grenze, verzichtete indes auf Schärfe und blieb auf seine Weise loyal.

Im Übrigen sagte Blüm, der ganze Flüchtlingsstreit sei „für eine christliche Partei eine Schande“. Das ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Was in all den Nach-Kohl-Jahren ohnehin auffiel und Norbert Blüm mit Heiner Geißler verband: Je älter sie wurden, desto mehr wurden sie zu Kronzeugen jener politischen Linken, mit der sie zuvor nicht selten im Clinch gelegen hatten – egal ob sie sich für Flüchtlinge oder Klimaschutz engagierten. Unterdessen war beiden auch das Talent zur Selbstdarstellung nicht fremd, Blüm auch das zum Humor bis an den Rand des Klamauks. Er konnte heiter sein. Er konnte traurig sein. Blüms emotionale Palette war breit.

Im Umgang war Blüm so, wie ihn sich die meisten Menschen wohl vorstellen: überwiegend umgänglich – und überwiegend liebenswürdig. Meistens ging er in seinen letzten Jahren in Bonn selbst ans Telefon und meldete sich mit einem sehr ruhigen, weichen und langgezogenen: „Blüüm“. Nicht immer war „Blüüm“ zum Reden aufgelegt. Zuweilen behagte ihm auch das Thema nicht. Doch meistens sprudelte es nach kurzer Zeit aus dem jovialen Wahl-Rheinländer mit der nimmer versiegenden Leidenschaft heraus. Die Sätze waren druckreif – und oft waren mehrere unter ihnen so wunderbar pointiert, dass man keine Mühe hatte, ein Zitat für die Überschrift zu finden. Auf die sonst übliche Autorisierung von Interviews verzichtete „Blüüm“ – vorausgesetzt, er hatte Vertrauen gefasst. Dann nahm er sich auch Zeit.

Mit anderen Worten: Es war eine Freude, mit ihm zu arbeiten. Der Katholik Norbert Blüm – seit 1964 verheiratet und Vater von drei Kindern – war einer, den man gern haben konnte und den viele gern hatten. Die Reaktionen auf seinen Tod zeigen es. Und er war für viele ältere Bewohner der Bonner Republik eines ihrer Möbelstücke, unverrückbar. Man könnte auch sagen: ein Lebensbegleiter.

Der eingangs beschriebene Text in der „Zeit“ – der wie Blüm selbst sehr gefühlvoll, ja sinnlich war – war rückblickend betrachtet so etwas wie ein Abschiedsgruß. „Wie ein Dieb in der Nacht brach das Unheil in Gestalt einer heimtückischen Blutvergiftung in mein Leben ein“, schrieb der nun Gestorbene, der seine Lage mit einer Marionette verglich, der die Fäden gezogen wurden, so dass ihre Teile zusammenhanglos in der Luft baumelten. „Mir ist das Glück abhandengekommen, ungehemmt durch die Gegend zu streifen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion