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An allen Fronten erprobt: Der Schriftsteller Norman Mailer.

Der Nonkonformist

Norman Mailer hat ein neues Buch geschrieben, hält Bush für einen Lügner und wird heute achtzig

Von Eva Schweitzer

Der weißhaarige Mann mit der Stimme, die nach mindestens einem halben Jahrhundert Trinken und Rauchen klingt, hat mit Die Nackten und die Toten einen aufrüttelnden Bestseller über den Zweiten Weltkrieg geschrieben und mit Armies of the Night und Why are we in Vietnam Bücher über den Krieg verfasst, den Amerika verlor. Was also denkt Norman Mailer über den Krieg, der vor der Tür steht? Wenige Tage vor seinem heutigen achtzigsten Geburtstag stellte er sich bei einem seiner seltenen Auftritte seinen Lesern in Downtown Manhattan. Und deren erste Frage galt, natürlich, dem Krieg gegen den Irak.

Mailer räuspert sich, eigentlich will er sein neues Buch vorstellen, Spooky Art, es handelt von der Kunst des Schreibens. Aber das Interesse der Besucher gilt erst einmal dem politischen Kommentator Mailer. "Es geht den USA im Irak um mehr als den Kampf gegen den Terrorismus oder um Öl", erklärt er. "Selbst wenn Saddam Massenvernichtungswaffen hätte, würde er sie nicht benutzen, denn das wäre sein Ende, und das weiß er. Und dass Saddam radikal-islamische Terroristen in seinem Land duldet, ist völlig unvorstellbar."

Aber worum geht es dann? Der Schriftsteller holt aus. "Es gibt zwei Arten von Konservativen, Wertkonservative und Machtkonservative, und die letzteren sind bei uns jetzt an der Regierung. Die wollen, dass Amerika die Welt nicht nur ökonomisch, sondern auch militärisch regiert. Der Irak ist dabei die erste Stufe, wir zeigen damit dessen Nachbarn, was wir können, aber es geht auch um künftige Konkurrenten, vor allem um China. Denen senden wir die Botschaft: Eure Schüler sind vielleicht schlauer als unsere, aber wir halten euch machtlos. Ihr dürft die Griechen sein, wir sind das Römische Reich."

Und Bush? Mailer guckt verächtlich. "Wer fünfzehn Mal pro Stunde das Wort ,böse' benutzt, der lügt. Der ist wie ein Drogendealer, der dauernd das Wort ,ehrlich' im Munde führt." Bush, sagt er, gehe es um eine Militarisierung der US-Zivilgesellschaft. Gleiche Rechte für Schwule, Black Power, Frauenrechte - das alles solle abgebaut werden. Zurück also in die fünfziger Jahre.

Mailer steht für alles andere als die fünfziger Jahre. Er ist der Bad Boy der amerikanischen Literatur, und es ist bezeichnend, dass der Achtzigjährige im Land von George W. Bush so progressiv wirkt. Seit fünfundfünfzig Jahren ist er Schriftsteller - "veröffentlichter Schriftsteller", sagt er - er hat McCarthy überlebt, die Beatnik-Generation begleitet, eine imaginäre Biographie von Marylin Monroe geschrieben, Bücher über Schwarze in der Todeszelle, über Jazz, Stierkämpfe und die CIA verfasst. Eine seiner Ehen endete, als er mit einem Messer auf seine Frau einstach.

Norman Mailer durchlebte Affären, Trinkorgien, Drogen. Er erhielt zwei Pulitzerpreise, und er hat immer wieder die Grenze zwischen Literatur und Journalismus überquert. Der Vater von neun Kinder und Großvater von acht Enkeln lebt mit seiner fünften Frau Norris Church in Brooklyn. Man merkt ihm das Alter an. Er hört schlecht, sieht schlecht, läuft schlecht. Aber er ist immer noch leidenschaftlich.

Geboren wurde Mailer in New Jersey, aufgewachsen ist er in Brooklyn. Nach einem Studium in Harvard wurde er 1944 an die Pazifikfront geschickt. Hier sammelte er das Material für den Roman Die Nackten und die Toten, der von einen Kampf auf einer japanische Insel handelt. 1947 veröffentlicht, machte ihn das Buch über Nacht zum Star. Mailer ging an die Pariser Sorbonne, trat in die Progressive Partei ein, erklärte sich zum Marxisten, zum Trotzkisten, zum Anarchisten, und überwarf sich mit seinem Verlag, der eine drastische Sexszene nicht drucken wollte. Er wurde zur Zielscheibe von Feministinnen, die ihm gewalttätige Männerphantasien vorwarfen, und von fundamentalistischen amerikanischen Christen. Mailer schrieb für die Village Voice und kandidierte für das Amt des New Yorker Bürgermeisters. Ohne Erfolg. Mehr Wirkung dagegen hatte sein Kampf für den Rückzug der US-Truppen aus Vietnam.

Zahllose Bücher und, Artikel hat Mailer veröffentlicht, und nun, als sein eigenes Geschenk zum achtzigsten Geburtstag, schrieb er über das Schreiben. "Wie viele von euch", fragt er in die Runde, "sind Autoren?" Die Hälfte der rund 500 Besucher hebt die Hand - das ist New York. "Einen Roman zu schreiben", sagt er, "das ist, als ob man heiratet. Der Roman wird zu einer lebendigen Kreatur, die einen ständig begleitet." Die New York Times fand Spooky Art albern und selbstbezogen, andererseits: Die Zeitung straft alle US-Intellektuellen ab, die sich gegen den Krieg äußern.

Der nächste große amerikanische Roman, glaubt Mailer, wird über den Fall der Twin Towers geschrieben werden. "Hunderte von Schriftstellern haben das miterlebt", sagt er. "Und selbst, wenn sie nicht direkt darüber schreiben, wird das in ihre Arbeit einfließen." Ob er selber einer dieser Schriftsteller ist, verriet er nicht.

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