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Warnfried Dettling ist freier Publizist und Berater.

Ehrenamt

Noch nicht in allen Köpfen

Manche sprechen von einem Wellental, andere von einer Talsohle, einig sind sich die Akteure der Bürgergesellschaft darin, dass nach dem Aufbruch vor bald

Von WARNFRIED DETTLING

Manche sprechen von einem Wellental, andere von einer Talsohle, einig sind sich die Akteure der Bürgergesellschaft darin, dass nach dem Aufbruch vor bald zehn Jahren sich nun die Mühen der Ebene zeigen. Gewiss, einiges ist erreicht worden, aber all das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Thema noch weit davon entfernt ist, vom Rand in die Mitte von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vorgestoßen zu sein. Belege dafür findet man an allen Ecken und Enden.

Keines der großen Themen der Zeit, vom Kampf gegen Armut und Arbeitslosigkeit über die Bildungs- und Gesundheitsreform bis hin zur Pflege wurde und wird unter dem Aspekt debattiert, ob ein Fortschritt in der Sache ohne eine intelligente Einbeziehung des freiwilligen Engagements überhaupt zu erzielen ist. Die Bürokratien in den Wohlfahrtsverbänden wie in den Sozialverwaltungen haben sich an die Rhetorik angepasst, aber von einem neuen Geist und einer neuen Praxis ist oft wenig zu spüren. In den Städten und Gemeinden hängt es an einzelnen Bürgermeistern und Landräten, ob in diese Richtung etwas geschieht oder nicht.

Wenn es nicht gelingt, in drei Richtungen voranzukommen, werden die Hoffnungen schwinden, kaum dass sie richtig erblüht sind. Hart an den Problemen, mitten in den Institutionen und im Kraftzentrum der Politik wird sich die Zukunft nicht nur des Bürgerschaftlichen Engagements entscheiden. Warum bleibt Hartz IV auf die Erwerbsarbeit fixiert und lässt ehrenamtliche Tätigkeit unberücksichtigt? Schulen und Universitäten liefern täglich Beispiele, wie sie durch freiwilliges Engagement besser werden können. Neben Ernährung und Bewegung sind soziale Aktivitäten die dritte Säule für ein gesundes Leben. Die Zukunft der Pflege ist ohne ein "kooperatives Dreieck" zwischen Familien, Hauptamtlichen und Freiwilligen nicht einmal zu denken, geschweige denn zu bezahlen.

Es geht um die soziale Entwicklung des Landes. Es geht darum, soziale Ziele zu erreichen und soziale Übel zu bekämpfen. Dazu braucht es einen starken Staat, eine starke Wirtschaft und eine starke Gesellschaft. Es ist eine öffentliche Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die positiven sozialen Ressourcen der Gesellschaft von Anfang an mitbedacht und mobilisiert werden. Deshalb kann die Maxime nur lauten: keine Gesetzgebung auf Bundesebene zu Gesundheit, Arbeitsmarkt und Pflege, ohne im Gesetzestext und in der Begründung sich darüber Rechenschaft zu geben, wie und was Bürgerschaftliches Engagement beitragen kann zu Aufgabe und Ziel des Gesetzes und welche Türen vom Bund aufgestoßen werden können. Wie der Finanzminister zu den finanziellen Auswirkungen, die Verfassungsressorts zu den Verfassungsfragen, so könnte und sollte das zuständige Ministerium Stellung nehmen zu den positiven oder negativen Folgen eines Gesetzes für das Ehrenamt und das Bürgerschaftliche Engagement.

Die Bundesländer haben, nach dem Beispiel von Baden- Württemberg, für ein landesweites Netzwerk Sorge zu tragen, das die Qualifizierung sowie Personal- und Organisationsentwicklung vorantreibt und die "weißen Flecken" auf der Landkarte aufspürt. Es gibt Ministerpräsidenten wie zum Beispiel Roland Koch, die mit Kommunalpolitikern einen systematischen Dialog über die Förderung des Bürgerschaftlichen Engagements pflegen. Es ist an der Zeit, dass sich die Kommunen über die kommunalen Spitzenverbände selbst verpflichten, handfest und praktisch eine neuartige Kooperation zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen zu befördern.

Eine solche Engagement-Politik, die entsprechende Mentalitäten und Infrastrukturen schaffen will, ist nicht umsonst zu haben. "Freiwillige" Aufgaben und Ausgaben, die am falschen Ende eingespart werden, melden sich jedoch später als "Pflichtaufgaben" mit massiven finanziellen und sozialen Kosten wieder. Ganz davon abgesehen, dass Einrichtungen in den Städten und Gemeinden vom Kindergarten über die Schulen bis hin zu den Lebensräumen für alte Menschen durch freiwilliges Engagement besser werden und den Kommunen auf diese Weise einen Standortvorteil verschaffen.

Nur wenn die Bürgergesellschaft über sich hinausweist und eine Vorstellung davon hat, wie eine gute Gesellschaft aussehen könnte, wird sie sich vom Rand in die Mitte: in das Herz der Politik bewegen.

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