Es ist beängstigend zu sehen, wie sehr die Politik an den gesellschaftlichen Mehrheiten und an den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Klimaforschung vorbeiregiert.
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„Es ist beängstigend zu sehen, wie sehr die Politik an den gesellschaftlichen Mehrheiten und an den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Klimaforschung vorbeiregiert.“

Fridays for Future

Mit Wut und Mut

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Warum Fridays for Future über neue Protestformen nachdenkt. Wie Menschen weltweit gegen die Erderwärmung kämpfen. Was die Corona-Krise uns lehrt.

Frau Marschall, nun soll es wieder eine große FfF-Demo geben. Im letzten Herbst nahmen bundesweit über eine Million Menschen teil. Kann ein Neuauflage in Corona-Zeiten denn überhaupt funktionieren?

Wir tun alles, damit es funktioniert. Wir sorgen dafür, dass Mundschutz getragen wird, dass die Abstände eingehalten werden, teils wird es Kreuze auf dem Boden geben, die zeigen, wo man stehen kann, wir machen aufgelockerte Sitzstreiks. Es werden natürlich nicht so viele physisch an den Streiks teilnehmen können wie im September – das wäre in der aktuellen Lage auch unverantwortlich. Es geht uns darum zu zeigen: Die Mehrheiten für Klimaschutz in der Bevölkerung sind nach wie vor da – und die Politik muss endlich umsteuern.

Ein halbes Jahr Corona hat FfF nicht zerlegt?

Bei uns gab es keinen Stillstand. Die Klimakrise als Bedrohung ist ja nicht weggegangen, und wir haben das durch unsere Aktionen immer wieder deutlich gemacht und schon im Juni wieder mit Aktionen draußen begonnen: Menschenketten, Fahrraddemos, Sitzstreiks. Wir haben eine große Nachfrage nach Mobilisierungsmaterial, und es gibt eine Riesenbereitschaft zu spenden. Das passt zu den Umfragen, die zeigen, dass die Klimakrise weiterhin die größte Sorge der Bürgerinnen und Bürger ist. Das wird sich auch bei der Demo zeigen.

Der Streiktag im Frühjahr, der wegen Corona ins Netz verlegt wurde, war ein ziemlicher Flopp.

Das sehe ich anders. Für die Leute, die damals schon FfF-Anhänger waren, war es eine super Sache. Man konnte sehen: Wir sind alle noch da, es geht weiter mit den Protesten. Nach außen hatte der Internet-Streik natürlich nicht die gleiche Wirkung. Dazu waren wir zu sehr in der eigenen Blase. Allerdings gab es auch physische Aktionen. Wir haben zum Beispiel 10 000 Protestschilder am Berliner Reichstag ausgelegt. Und wir haben gezeigt: Protest während Corona, das geht.

Helena Marschall.

Noch einmal: Killt Corona den Klimaprotest?

Durch Corona ist der Massenprotest eingeschränkt. Hinzu kommt, dass die Pandemie lange alle andere Themen medial in den Hintergrund gedrängt hat. Aber viel entscheidender als die Einschränkung des Protests ist der Stillstand in der Klimapolitik, den wir während Corona gesehen haben.

Mal abgesehen von Corona: Muss FfF sich nicht ohnehin neu erfinden? Die Dauerstreiks am Freitag hätten sich ohnehin irgendwann totgelaufen.

Natürlich muss sich „Fridays for Future“ weiterentwickeln, um die Entrüstung, die immer noch da ist, auf die Straße zu bringen. Wir müssen uns neue Protestformen ausdenken. Ein Schulstreik alleine erzeugt offensichtlich nicht mehr genügend mediale Aufmerksamkeit. Wir rasen auf eine Klimakatastrophe zu, und es werden nicht die nötigen Maßnahmen dagegen ergriffen. Das hat sich nicht geändert. Wir müssen immer weiter den Finger in die Wunde legen und sagen: So läuft das nicht.

Konkret?

Wir werden weiter Kampagnen zu bestimmten Themen fahren, es wird mehr um Lösungen gehen.

Wird FfF nicht radikaler werden müssen?

Wir sind eine dezentrale Bewegung, und über die Aktionsformen entscheidet jeweils die Basis. Die Politik hat nach eineinhalb Jahren Protest auf der Straße immer noch nicht die nötigen Handlungsschritte unternommen. Das zwingt uns dazu zu überlegen, wie wir mehr Druck aufbauen und den Protest eskalieren können. Denn wenn wir den Druck nicht eskalieren, eskaliert ihn die Natur. Wir sehen das ja gerade. Schauen Sie doch nach Kalifornien, wo es eine Brandkatastrophe gibt wie nie zuvor. Wir sind ja bereits mitten in der Klimakrise. Auch hier in Deutschland.

Sind Sie denn vor Resignation gefeit? Wie gehen Sie damit um, dass die Klimapolitik so langsam und zäh ist?

Resignation? Nein. Aber ich habe Angst vor der Klimakrise und was alles passieren wird. Und ich bin immer noch genauso entschlossen, etwas dagegen zu tun. Es ist beängstigend zu sehen, wie sehr die Politik an den gesellschaftlichen Mehrheiten und an den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Klimaforschung vorbeiregiert. Wir wissen, dass wir es noch reißen können, wenn wir schnell etwas tun. Wir dürfen aber keine Zeit mehr verlieren. Deswegen haben wir gar keine andere Wahl, als auf die Straße zu gehen. Ich und die Menschen in meinem Umfeld haben immer noch Entschlossenheit, Energie, auch Wut, genauso wie am Anfang, wenn nicht noch stärker. Wir haben einfach keine andere Wahl als weiterzumachen.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier von der CDU hat jüngst Besserung gelobt. Er hat eingeräumt, dass in der Klimapolitik 30 Jahre verloren wurden. Er will einen gesellschaftlichen „Klima-Konsens“, der den Weg zur Klimaneutralität absichern soll. Einverstanden?

Das ist ein Ablenkungsmanöver. Um die Klimakrise abzuwenden, brauchen wir nicht einen neuen nebulösen Konsens. Wir müssen konsequente Klimaziele setzen und Emissionen reduzieren. Das ist, was zählt. Peter Altmaier hatte viele Jahre Zeit, genau diese Politik zu machen. Hat er aber nicht, und aktuell legt er ein neues EEG vor, das wieder nicht diesen Zielen entspricht. Das ist grotesk.

Immerhin hat die EU reagiert. Sie will ihr Klimaziel für 2030 deutlich anheben, auf mindestens minus 55 statt 40 Prozent CO2. Also bewegt sich doch etwas.

Das ist richtig. Aber immer noch zu wenig. Die 55 Prozent sind nicht annähernd vereinbar mit dem 1,5-Grad-Ziel, und das ist, was zählt. Wenn wir die 1,5 Grad überschreiten, wird es immer wahrscheinlicher, dass die Klimakrise unaufhaltbar wird.

Ist das nicht Frust hoch zehn? Zur Eindämmung der Corona-Krise fährt der Staat einschneidende Maßnahmen und haut zig Milliarden Euro raus, und beim Klimawandel schnürt er kleine Klimapäckchen.

Ich freue mich darüber, dass Deutschland durch effektive Maßnahmen die Corona-Krise eindämmen konnte. Das zeigt aber auch, bezogen auf die Klimakrise: Der Staat ist nicht handlungsunfähig, er ist handlungsunwillig. Er muss beim Klima genauso auf die Wissenschaft hören wie bei Covid-19.

Tut er aber nicht. Warum? Was meinen Sie?

Erstens wird die Corona-Pandemie als wesentlich akuter wahrgenommen als die Klimakrise. Was ein Fehlschluss ist. Denn sie ist ja jetzt schon da. Sie fordert jetzt schon Opfer, vor allem im globalen Süden, und sie vernichtet zunehmend Lebensgrundlagen. Zweitens gibt es beim Klima Interessengruppen, die ihre große Macht einsetzen, um ihre überholten Geschäftsmodelle zu retten: die Autofirmen, die Energiekonzerne, die Industrieverbände. Und leider werden diese Interessen immer wieder vor den Interessen meiner Generation bedient.

Selbst die Grünen unterschreiben nicht alle Forderungen von FfF, zum Beispiel einen Umstieg auf 100 Prozent erneuerbarer Energien bis 2035. Denen sind Sie zu radikal …

Es gibt leider keine Partei in Deutschland, die konsequent Politik für die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels macht. Das ist so. Das hält uns aber nicht davon ab, es zu fordern. Denn es entspricht den Erkenntnissen der Klimaforschung.

CO2-Emissionen

Manche der Aktivisten wollen trotzdem in die Politik umsatteln, sie streben Bundestagskandidaturen bei den Grünen an, es gibt aber wohl auch Gespräche mit SPD und Linken. Ist das der Weg?

Unser Weg ist der Protest auf der Straße. Aber es müssen alle möglichen Wege beschritten werden, um die Klimakrise zu bewältigen. Das heißt: Wenn Parteien Menschen aus unseren Reihen aufstellen wollen, die konsequent für 1,5 Grad eintreten, kann ich das nur befürworten. Aber es wird unseren Protest nicht ersetzen.

Falls es im nächsten Bundestag FfF-Abgeordnete geben sollte, müssen Sie dann nicht auch gegen die protestieren? Die werden ja kein Klimaprogramm pur durchsetzen können.

Wir messen die Politik daran, ob sie das 1,5-Grad-Ziel einhält oder nicht. Wer da im Parlament sitzt, verändert das nicht.

FfF-Abgeordnete könnten ja sogar ein Feigenblatt für die Parteien sein. Motto: Seht doch, auch die machen bei uns mit. Keine Gefahr?

Ich glaube, wir haben in den letzten zwei Jahren oft genug gezeigt, dass wir uns von Personalpolitik nicht ablenken lassen.

Sie haben gerade Abitur gemacht, beginnen mit dem Studium von Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsrecht. Warum gerade diese Wahl?

Die Klimakrise betrifft die gesamte Gesellschaft, also auch die Wirtschaft. Genau zu verstehen, wie sie funktioniert, interessiert mich sehr – und wie Alternativen aussehen können. Dauerhaftes Wachstum in einer Welt mit begrenzten Ressourcen kann nicht funktionieren.

Und Sie wollen weiter bei FfF aktiv sein. Ist das auf die Dauer denn zu schaffen?

Während der Schule war es zu schaffen. Viele andere Aktive haben es auch geschafft, ohne dass sie schlechte Schüler geworden wären. Beim Studium wird das nicht anders sein. Mit FfF aufzuhören ist jedenfalls keine Alternative.

Interview: Joachim Wille

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