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Spanien

Noch immer ein Desaster

  • Martin Dahms
    vonMartin Dahms
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Spaniens Regierung hat den Notstand beendet, doch das Chaos im Land ist weiterhin groß.

Pedro Sánchez konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich noch einmal von jeder Schuld reinzuwaschen: „Wir alle wussten es nicht“, sagte der spanische Ministerpräsident am Samstag bei einer Fernsehansprache, „aber ein unbekanntes Virus war schon vor einiger Zeit still in unsere Leben getreten. Es hatte, von Asien kommend, die Grenzen überschritten, ohne dass die Vorsorgesysteme des gesamten Kontinents in der Lage waren, es zu entdecken. Niemand wusste, dass wir an der Schwelle zur größten sanitären, sozialen und wirtschaftlichen Erschütterung der vergangenen 80 Jahre standen.“

Die Zeit der Märchenonkelreden, die Sánchez in diesen Wochen allsamstäglich gehalten hat, ist vorerst vorüber. Am 14. März hatte seine linke Koalitionsregierung wegen der Coronavirus-Pandemie den „Alarmzustand“ ausgerufen, den das Parlament danach noch sechsmal um jeweils zwei Wochen verlängerte. In dieser Zeit gab es tägliche Pressekonferenzen der Minister und wöchentliche des Regierungschefs. Seit diesem Sonntag ist Schluss damit, ab sofort sind wieder die 17 Autonomen Regionen für die Gesundheitspolitik und also auch den Kampf gegen das Virus zuständig.

Die Bilanz der vergangenen knapp 100 Tage ist katastrophal. Die Gesundheitsbehörden registrierten in dieser Zeit rund 28 000 Verstorbene. Die Übersterblichkeitsstatistik zählt etwa 43 000 Tote mehr, als in diesen Monaten zu erwarten gewesen wären. Auch der wirtschaftliche Schaden ist enorm. Die Banco de España rechnet für dieses Jahr mit einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um bis zu 15 Prozent.

Das spanische Gesundheitssystem war auf eine Epidemie dieses Ausmaßes nicht vorbereitet. Dramatisch versagt wurde vor allem bei der Datenerhebung, die schnelleres und gezielteres Handeln möglich gemacht hätte. Ein Beispiel: Auf dem Rechner des Nationalen Epidemiologiezentrums (CNE) in Madrid waren am 9. März nur 140 von damals schon 1000 bekannten Infektionen registriert, eine Woche später waren es 700 von 10 000. Zum Systemversagen infolge jahrzehntelanger Vernachlässigung der Epidemievorsorge kam eine bewusste Politik der Schönfärberei und des Nichtwahrhabenwollens der verantwortlichen Fachleute und Politiker.

Und das Chaos bei den Datenerhebung ist noch immer nicht beseitigt: Das Gesundheitsministerium konnte am Sonntag nicht darüber informieren, wie viele Krankenhausbetten in Spanien zurzeit mit Covid-19-Patienten belegt sind und wie viele von ihnen intensivmedizinisch betreut werden müssen. Immerhin so viel: In der vergangenen Woche seien 101 Patienten neu ins Krankenhaus eingewiesen worden. Auch die Gesamtzahl der „rastreadores“ ist dem Ministerium unbekannt – das sind die Mitarbeiter der Gesundheitsämter, die sich um die Nachverfolgung der Infektionsketten kümmern sollen. Gebraucht würden in Spanien rund 15 000. Der Tageszeitung „El País“ zufolge gibt es allerdings lediglich 1554.

Mit dem Ende des Notstands öffnet Spanien auch seine Grenzen für Ausländer; doch wie groß deren Reisefreude ist, kann keiner absehen. Sämtliche Großveranstaltungen fallen aus, die spanischen Schulen sollen erst wieder im September öffnen. Hygiene- und Abstandsregeln gelten weiter. Der „Alarmzustand“ ist zu Ende, doch alarmiert sind die meisten Spanier immer noch. Wegen der Corona-Pandemie gibt es bei Regionalwahlen in Nordspanien strenge Auflagen.

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