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Vom Bürgerschreck zum Esoteriker: Rainer Langhans auf der Suche nach der steten Veränderung, unter der Armutsgrenze, ohne Hang zur Verklärung der 68er-Jahre.

Nirgends Halt

Der Altkommunarde Rainer Langhans werkelt noch immer am neuen Menschen in sich selbst - zwischen Kosmischem und 68ern

Von MARKUS BRAUCK

Alt ist er geworden und ruhiger auch, die Haare sind kürzer. Dennoch sitzt dort auf dem Stuhl kein Herr. Ein Herrscher sowieso nicht. Immerhin das hat er geschafft, Rainer Langhans, der einmal auszog, der Welt die Weisheit herrschaftsfreier Beziehungen zu verkünden. Menschen seines Alters, die interessant genug sind für ein Porträt, trifft man sonst meistens in schönen Häusern oder weitläufigen Hotellobbys, da sitzen sie dann in weichen Ledersesseln, tragen teure Anzüge, reden über guten Rotwein und von ihren Erfolgen.

Langhans indes hat in das kleine vegetarische Bistro "Gourmets Garden" gebeten, wo ihn die Wirtin kennt und der Gast die Wahl hat zwischen zwei Tagesmenüs zu 9 Euro 90. Kartoffelkürbisauflauf oder Gemüsepflanzerl, dazu Suppe und Nachtisch. Beim Essen, das sehr gut ist, gibt es Wasser und hinterher Tee. Langhans redet, den Blick meist gesenkt.

Gescheitert mit männlichen Zügen

Es geht um das Scheitern. Das ist nicht der liebevollste Einstieg in ein Gespräch, aber wer über die 68er reden will, über die Kommune I, die Revolution und solche Dinge, kommt um die Frage ohnehin nicht herum. Also: Sind sie erfolglos geblieben, die 68er und ihr Protagonist Rainer Langhans? Schon in der ersten Antwort ist dann alles enthalten. "Ihre politischen, das heißt männlichen Züge haben die 68er nicht erreicht. Sie sind verbittert und sehen sich als Gescheiterte. Sie sind blind angesichts dessen, was eigentlich dort passierte." Was, ohne lange Umschweife, sofort zum Kern dessen führt, was Langhans beschäftigt. Heute. Seit Jahrzehnten. Die Frage, wie das alles zu deuten ist, was damals geschah, 1968 und so.

Es passt ganz gut, dass dieser Tage ein Buch des Mitkommunarden Ulrich Enzensberger über "Die Jahre der Kommune I" erschienen ist. Ein faktensattes Werk, das ganz ohne Widmung und Danksagung auskommt und mit dem Satz beginnt: "Wir sind das Schlangenei, aus dem die Rote-Armee-Fraktion gekrochen ist." Ein deutliches Fazit zieht Enzensberger nicht, aber die Distanz zur Vorstellung, damals sei das künftige, befreite Leben schon einmal revolutionär vorgelebt worden, ist deutlich zu spüren. Es ist die Geschichte einer Niederlage. Auch die eines Irrwegs.

Schöne Idee. Hat nicht sollen sein. Danke und auf Wiedersehen. Rainer Langhans kann so nicht umgehen mit dem, was er erlebt hat. Kann vielleicht auch nicht lassen von dem Ruhm, ein Star der 68er zu sein, gewesen zu sein. Für ihn war es mehr als nur eine gute Zeit. Mehr als jugendlicher Leichtsinn. Mehr als eine Laune der Geschichte. Was auch immer, aber mehr! "Alle haben einen Augenblick lang das Göttliche in sich geschmeckt und gespürt. Und eigentlich wollte keiner mehr zurück in den Käfig des kleinen Arschs." Sagt er. Glühend und auch ein bisschen zornig. Denn die anderen, so sieht er das, sind doch mittlerweile alle zurückgekrochen ins Kleinbürgertum, in die Herrschaft von Menschen über Menschen, in den Alltag. Verleugnen ihre Träume. Nur er hat das nie gekonnt. Als eigentlich schon alles vorbei war, hat er erst versucht, mit Drogen den Rausch zu verlängern, dann lag auch er am Boden. Wie eigentlich alle.

Nirgends war da mehr ein Halt. Irgendwann war auch Uschi Obermaier weg, seine Ikone. Inbegriff des Weiblichen, des Neuen. "Uschi ist der neue Mensch", hatte er schon seinen Mitkommunarden zu erklären versucht. "Uschi, die sagte, ich kann nicht hassen." Doch von dieser Uschi-Kiste wollten die anderen immer weniger hören. Denn damals ging es noch um Revolution, Umwälzung der Verhältnisse. Männliche Ziele, wie Langhans sagt, der lieber von den Frauen lernen will. Da klingt nach einem Weichei, aber immerhin war er immun gegen die Faszination der Gewalt, der andere erlegen sind, seit er als Zeitsoldat bei der Bundeswehr gedient hatte. Aus ihm kroch keine RAF.

Woher die Macht kommt

Er hat sich nicht viel vorzuwerfen. Auch das erklärt, warum er hinter das Erlebte nicht mehr zurückwollte, warum er immer weiter suchte, nach einer neuen Theorie, die beides erklären kann: die Ekstase und das Scheitern. Schließlich fand er sie im Spirituellen, nachdem er das Buch eines indischen Gurus gelesen hatte. Doch was heißt das schon, spirituell? "Es geht um das Weibliche, das Innere, um noch feinere Ebenen, woher Macht kommt, wohin Macht fließt." Langhans geistert ein wenig herum. Aber er sieht darin den Sinn.

Die 68er waren auf dem richtigen Weg, die Erfahrung der Kommune I war wahr, nur wusste damals noch keiner, was dort eigentlich geschah. Kosmisches einerseits. Intimes andererseits. Das Göttliche und die Seele. "Die Philosophen haben die Welt immer nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sich zu verändern. Sich!" Langhans braucht beides. Die Gewissheit, dass es auf ihn selbst ankommt. Die Sicherheit, dass sich darin Größeres zeigt. Achtundsechzig, für ihn war das eine "globale Erregung, von der niemand erklären konnte, woher sie kam." Und in ihm zittert sie weiter.

Er weiß schon, dass die meisten milde lächeln, wenn sie dieses esoterische Zeug hören von ihm, dem einstigen Bürgerschreck. Der damals einem Richter entgegenschleuderte: "Wir können Leute, die das als Aufforderung zur Brandstiftung lesen, nur für sehr blöd halten - und da hat sich das Gericht ja sehr hervorgetan." Der das Symbol war für freie Liebe. Für eine neue Zeit.

Und jetzt hängt er nur noch der alten nach? "Ein trauriger Biograf seiner selbst, der immer die gleichen Geschichten anstimmt", schrieb die taz über ihn. Doch so ganz stimmt das nicht. Sein zerknittertes Gesicht, der tausendfach gestopfte Pullover, die Birkenstock-Latschen. Daraus ließe sich leicht die Karikatur eines Apo-Opas zeichnen. Aber genau das ist er eben nicht. Er nervt nicht mit Erzählungen aus der goldenen Vergangenheit, diesem "ganzen Zeug", verlangt den heute Jungen nicht ab, das Werk der Väter fortzusetzen und zu rebellieren, auch mal zu versuchen, so richtig links zu sein. Im Gegenteil. Einer der wenigen Menschen seiner Generation, von denen er mit Hochachtung spricht, ist ausgerechnet Joschka Fischer. Weil der sich weiterentwickelt habe, ohne sich untreu zu werden, sagt Langhans und rechnet sich selbst das gleiche Talent an.

"Fischer ist den Weg nach außen gegangen, und ich nahm den Weg nach innen", sagt er. Sie beide, so sieht Langhans das, konjugieren seit Jahrzehnten das Erlebte immer wieder neu durch, so lange, bis es in die Gegenwart passt. Die neue Zeit beginnt heute. Immer.

Für Langhans sind die 68er keine Arbeit am Mythos, sondern bis heute Arbeit an sich selbst. In seiner esoterischen Gemeinschaft mit vier Frauen, die er gewohnt provokant "Harem" nennt, obwohl es eher eine Jüngerrunde ohne Guru ist, werkelt er seit Jahren am neuen Menschen, der er so gern sein möchte.

Alle fünf leben für sich allein, treffen sich nur zur gemeinsamen Selbsterfahrungsdebatte. Zurzeit, sagt Langhans, presst die Fingerkuppen gegeneinander und blickt auf den Tisch, sei man wieder einmal in einer sehr schwierigen Phase. Deshalb treffe man sich wieder täglich. "Eifersucht, Neid, Stolz, Streit", murmelt er. "Immer dieselben Geschichten." Wie in der Kommune I. Für die Zukunft große Pläne, in der Gegenwart bloß Zoff. Nur, dass Uschi nicht mehr da ist, der erste neue Mensch.

Wider die 68er-Verächter

Er lebt unter der Armutsgrenze, sagt er. Wohnt immer noch im selben Einzimmerapartment in München-Schwabing. Liest viel. Redet. Hält immer noch wenig von produktiver Arbeit im engeren Sinn. Denkt oft über den Tod nach. Vor ein paar Monaten starb seine Mutter. Sie war demenzkrank. In einem Streitgespräch mit Frank Schirrmacher, dem großen Verächter der 68er, hat Langhans dazu gesagt: "Ist es wirklich wichtig, welcher Tag heute ist, wenn man sich mit seinem schwindenden Körper beschäftigen muss? Die Leute sagen, die Alte ist eben schon nicht mehr ganz bei Trost. Ich würde sagen, sie beschäftigte sich mit anderen Dingen." Das ist auch eine Selbstbeschreibung.

Auf der Hinfahrt hatte der Taxifahrer dem Kommunarden Langhans vor dem vegetarischen Bistro ein interessantes Geständnis gemacht: "Sie sind schuld, dass ich damals konservativ geworden bin. Aber heute, da würde ich ganz auf Ihrer Seite sein." Für eine Sekunde ist der sonst unentwegt Gedanken verfertigende Ex-Kommunarde da sprachlos.

Erst viel später, beim Nachtisch, kommt er darauf zurück. "Es braucht viel Zeit, Bewusstsein zu verändern", sagt er nachdenklich, plötzlich sternenweit entfernt vom 68er Glaube an die nahe Veränderung der Welt. Er bleibt auf der Suche, seit nun bald 40 Jahren, Rainer Langhans, der letzte Prophet der 68er. Vielleicht aber, so sieht er das, auch ihr erster.

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