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Die progressive Demokratin Nina Turner will für den US-Kongress antreten.
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Die progressive Demokratin Nina Turner will für den US-Kongress antreten.

Wahl zum US-Komgress

Nina Turner – eine wütende schwarze Frau kandidiert für den US-Kongress

In Deutschland weitgehend unbekannt, ist Nina Turner unter progressiven US-Demokraten aus eine Galionsfigur. Jetzt tritt sie für einen Sitz im US-Kongress an.

  • Die progessive Nina Turner tritt für den US-Kongress an.
  • Auch die US-Wahlen 2024 hat sie im Visier.
  • Ob Turner womöglich gegen Donald Trump antritt?

USA - Eine schwarze Frau betritt die Bühne, ihr Markenzeichen: sehr kurze Haare, auffällige Kleider und eine große Cateye-Brille. Aber auch in einem biederen Hosenanzug wäre sie eine auffallende Erscheinung. Nina Turner hat Präsenz. Regelmäßig auf Wahlkampfbühnen war sie zuletzt bei den demokratischen Vorwahlen als Einheizerin für Bernie Sanders zu sehen.

USA: Nina Turner - progressive Demokratin will in den Kongress

Doch Nina Turner war für Bernie Sanders‘ Präsidentschaftswahlkampf 2019 und 2020 noch viel mehr: Sie war Co-Vorsitzende seiner Wahlkampagne, als leidenschaftliche und angriffslustige Fürsprecherin regelmäßig in Nachrichtensendungen zu sehen und sie war und ist eine enge Vertraute des Senators aus Vermont.

Im Jahr 2021 wird Nina Turner wieder Wahlkampf machen, aber diesmal für sich selbst: Kürzlich hat sie ihre Kandidatur bekannt gegeben und zwar für Ohios 11. Wahlbezirk im Repräsentantenhaus des US-Kongresses. Es handelt sich dabei um eine außerordentliche Wahl, die nur deshalb stattfindet, weil der künftige Präsident, Joe Biden, die bisherige Amtsinhaberin, Marcia Fudge, als designierte Bundesministerin für Wohnen und Stadtentwicklung in sein Kabinett holt. So wird möglicherweise
der Weg frei für Nina Turner in die Bundespolitik zu wechseln.

Turner-Kandidatur von Bill Clinton unterstützt

Auf Landesebene im US-Bundesstaat Ohio hat Turner bereits Regierungserfahrung gesammelt. Beginnend 2001 nach ersten kleineren Stellen in der Politik, wurde Turner 2006 in den Stadtrat von Cleveland gewählt, dem sie bis 2008 angehörte. Im Jahr 2008 wurde sie als Senatorin in den State Senate berufen, in Deutschland mit dem Landtag vergleichbar, in dem sie bis 2014 tätig war.

Anschließend kandidierte Nina Turner – wenn auch erfolglos – als Ohios Secretary of State, als Staatssekretärin, wobei ihre Kandidatur von Bill Clinton offiziell unterstützt wurde. Turner zog sich daraufhin zunächst aus der Politik zurück und widmete sich ihrer Lehrtätigkeit an einem Community College, an dem sie seit 1998 als Professorin für afroamerikanische Geschichte tätig ist.

Im Anschluss an Bernie Sanders‘ erste Präsidentschaftskampagne, in der er gegen Hillary Clinton in den Vorwahlen unterlag, wurde Nina Turner ab 2016 Präsidentin von Our Revolution – einer Graswurzelorganisation, aus dem Kampagnenapparat von Sanders entstanden, mit dem Ziel, fortan progressive Demokraten im ganzen Land mit Freiwilligen und Wahlspenden zu unterstützen. Nach ihrer zusätzlichen Funktion als Co-Vorsitzende der Sanders-Wahlkampagne, die im Frühjahr 2020 endete, startete Turner zuletzt einen Podcast und gründete eine Beraterfirma für progressive Politik und PR.

Mehr als 50 Prozent Schwarze im Wahlbezeirk von Turner

Noch am selben Tag, an dem Nina Turner ihre Kandidatur offiziell bekannt gab, verkündete Bernie Sanders seinerseits „stolz“ seine Unterstützung für die Kandidatin Turner. Somit kann sie nicht nur auf die Strahlkraft des progressiven Schwergewichts Bernie Sanders zählen, sondern auch auf die Organisation Our Revolution. Ein offizielles Wahlprogramm existiert noch nicht, aber Nina Turner hat bereits angekündigt, sich u.a. für eine allgemeine Krankenversicherung, einen $15 Mindestlohn, gebührenfreie öffentliche Universitäten, eine Strafjustizreform und den „Green New Deal“ stark machen zu wollen – die politischen Ziele also, für die sich auch Bernie Sanders seit langem einsetzt. Die Vorwahl wird voraussichtlich im März, die endgültige Wahl dann im Mai stattfinden.

Der Wahlbezirk, für den Nina Turner kandidiert und in dem über 50% Afroamerikaner leben, befindet sich in und in der Nähe der Großstadt Cleveland, am Eriesee gelegen. Die 53-jährige ist als ältestes von sieben Kindern in einer Arbeiterfamilie in Cleveland geboren und aufgewachsen. Aufgrund der Krankheit und des frühen Todes der Mutter mit 42 Jahren, musste Turner bereits früh Verantwortung übernehmen und sich um ihre Geschwister kümmern.

Turner verspricht, Leidenschaft, Engagement und eine humanitäre Gesinnung in den Kongress einzubringen und dafür zu kämpfen, dass es den Arbeiterfamilien des Landes besser ergeht. Denn sie verdienten mehr, als sie bislang erhielten. Seit der Corona-Pandemie, unter deren wirtschaftlichen Folgen auch die Menschen ihres Wahlbezirks leiden, hat sich die ohnehin desolate Situation noch verschlechtert.

Schon als Bernie Sanders‘ oberste Wahlhelferin prangerte Nina Turner unermüdlich die Missstände in den USA an. Bei öffentlichen Auftritten spricht sie nicht nur, sie predigt – und auf einer Bühne tut sie dies mit vollem Körpereinsatz: Sie schreitet über die gesamte Bühne, breitet beide Arme aus, schüttelt ihre Fäuste. Sie spricht mit dem für Afroamerikaner typischen Akzent und wird für ihre energiegeladenen Auftritte von den Progressiven gefeiert.

Forderungen Turners gelten in den USA als sehr links - in Deutschland nicht

Doch sie führen auch dazu, dass ein gängiges Klischee über schwarze Frauen bemüht wird: Das der „angry black woman“, der wütenden schwarzen Frau. Viele selbstbewusst auftretende schwarze Frauen wurden schon mit diesem Stigma versehen, unter ihnen Michelle Obama und die künftige erste schwarze Vizepräsidentin Kamala Harris. Oftmals versucht die rassistisch Gebrandmarkte dann, dem entgegenzuwirken, indem sie sich stets ruhig, besonnen und angepasst gibt. Nicht so Nina Turner: Sie sagt von sich selbst, sie sei eine wütende schwarze Frau – sie sei sogar höllisch wütend, „mad as hell“, über die Zustände, die in den USA herrschen und sie lädt alle ein, mit ihr gemeinsam wütend zu sein und für dringend benötigte Reformen zu kämpfen.

Die politischen Forderungen Turners, die auch von den anderen progressiven Demokraten im US-Kongress vertreten werden, gelten in den USA als radikal und sehr weit links. Um dies jedoch aus deutscher Sicht richtig einordnen zu können, muss man wissen, dass die politische Mitte sich in den USA um einiges weiter rechts befindet, als in Deutschland. In Amerika sozialdemokratische Reformen zu fordern und überhaupt eine umfassende soziale Absicherung schaffen zu wollen, lässt das
amerikanische Schreckgespenst „Sozialismus“ durch die Köpfe spuken. Auf Deutschland übertragen, sind die progressiven Demokraten indes irgendwo zwischen Merkel-CDU, konservativer SPD und gemäßigten Grünen anzusiedeln – jedenfalls sind sie nicht linksradikal und niemand der gewählten Progressiven hat vor, den Kapitalismus abzuschaffen.

Würde Nina Turner die Vorwahl der demokratischen Kandidaten gewinnen, würde sie in den Kongress einziehen, da ihr Wahlbezirk mit rund 80 % fest in demokratischer Hand ist. Sie würde dort die sog. „Squad“, also die Riege um die progressive Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez ergänzen – und nicht nur das: Laut Briahna Joy Gray, ehemals Pressesprecherin von Bernie Sanders‘ Wahlkampagne, wäre Nina Turner im Kongress die neue Leitfigur der progressiven Bewegung, die momentan führerlos sei.

Eine wütende Schwarze will US-Präsidentin 2024 werden

Nina Turner hat kein Problem damit, sich mit den führenden Demokraten anzulegen, die einen tiefgreifenden Wandel mit ihrer konservativen Haltung mit verhindern. Nicht einmal vor dem künftigen Präsidenten Joe Biden macht sie halt. Vor der Präsidentschaftswahl sagte sie in einem Interview, für Biden statt für Trump zu stimmen, sei als würde man „nur eine halbe Schüssel Sch*** essen, anstatt einer ganzen. Es ist immer noch Sch***.“ Eine Kongressabgeordnete Turner könnte also
für das demokratische Establishment unangenehm werden. So sagte sie jüngst: „Hoffnung und politischer Druck gehören zusammen.“


Mit ihrer Kandidatur für diese Kongresswahl gerät Nina Turner allerdings auch selbst unter Druck: Sie hatte, kurz nachdem Joe Biden die Präsidentschaftswahl Anfang November gewonnen hatte, angegeben, womöglich 2024 selbst als demokratische Präsidentschaftskandidatin antreten zu wollen. Vor diesem Hintergrund ist die anstehende Wahl für sie ein Lackmustest, um ihre Chancen für das höchste politische Amt auszuloten. Eine wütende schwarze Frau als US-Präsidentin, die soziale und wirtschaftliche Reformen predigt, von der sich die vielen Abgehängten des Landes repräsentiert fühlen? Ein wütender alter weißer Mann ohne jegliche politische Kompetenz wurde 2016 zum Präsidenten gewählt. (Johanna Soll)

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