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Oliver Stuenkel

Internationale Abhängigkeiten

Wer nimmt Einfluss auf Lateinamerika?

Ein Blick auf internationale Abhängigkeiten unter der Regierung Trump

Lateinamerika spielt in Washington selten eine große Rolle, und in der Regel nur dann, wenn es um illegale Einwanderung oder die Bekämpfung des Drogenhandels geht. So sprach der ehemalige venezolanische Handelsminister Moises Naím einmal vom „American Airlines Syndrom“. Genau wie die Fluggesellschaft, die bekanntlich nur ihre ältesten Maschinen für die Strecken nach Caracas, Rio oder Buenos Aires nutzte, würde das amerikanische Außenministerium die einfältigsten Diplomaten nach Lateinamerika schicken, mutmaßte der Politiker.

Doch selbst vor diesem bescheidenen Hintergrund ist die Strategie der Trump-Regierung in Lateinamerika beachtlich ideenlos und wirklichkeitsverneinend. Denn jedes Mal, wenn hochrangige Vertreter aus Washington Lateinamerika besuchen, ist ihre Botschaft die gleiche. Trumps ehemaliger Außenminister Rex Tillerson warnte während seines letzten Besuchs vor dem Aufstieg Chinas und bemerkte, dass Lateinamerika „keine neuen imperialen Mächte brauche“.

Im selben Vortrag bezeichnete er die in Lateinamerika verhasste Monroe-Doktrin aus dem Jahre 1823, die Washingtons Vormachtstellung in der Region formalisierte, als „einen Erfolg“. Die Vereinigten Staaten seien seitdem die etablierte Macht in Lateinamerika. Warum sollte sich die Region auf eine andere einlassen?, schien Tillerson zu sagen.

Im August vergangenen Jahres warnte US-Verteidigungsminister James Mattis sein brasilianisches Publikum vor der „Raubökonomie“ Chinas – das seit 2009 Brasiliens wichtigster Handelspartner ist. Zwei Monate später war es der US-Vizepräsident Pence, der die Rolle Chinas in Lateinamerika kritisierte. Er warf China vor, mehrere zentralamerikanische Regierungen unter Druck gesetzt zu haben, um ihre diplomatischen Beziehungen mit Taiwan abzubrechen und stattdessen Peking anzuerkennen. Daneben kritisierte er China, Venezuela trotz einer anhaltenden humanitären Katastrophe fragwürdige Kredite anzubieten.

Während solch eine Kritik nicht unbegründet ist, ist es bemerkenswert, wie viel ideenreicher die Strategie Chinas in Lateinamerika heutzutage im Vergleich zu den Vereinigten Staaten ist. Während die Chinesen Handel und Investitionen bieten, verhalten sich die USA wie „ein eifersüchtiger Ex-Freund“, bemerkte ein zentralamerikanischer Diplomat kürzlich: „Alles, worüber sie sprechen, ist China.“

All das lässt Washington ängstlich und nicht bereit erscheinen, eine neue globale Realität mit China als wichtigem wirtschaftlichen und politischen Akteur zu akzeptieren. Dabei hat Washington Lateinamerika sehr viel zu bieten, und trotz Trump sind die USA auch weiterhin populär in Lateinamerika. Aber die Forderung, sich vom reichen China abzuwenden, wird sogar Jair Bolsonaro, der „Trump der Tropen“, ablehnen müssen. Denn selbst er weiß, wie stark Brasilien und die ganze Region mittlerweile von chinesischer Nachfrage, Darlehen und Investitionen abhängen.

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