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Menschen zollen dem 67-jährigen Stabschef Nigerias Respekt bei dessen Beerdigung in Abuja.

Ansteckung in Deutschland

Nigerianischer Stabschef stirbt an Covid-19

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Der 67-jährige Abba Kyari, einer der einflussreichsten Politiker des Kontinents, soll sich in München angesteckt haben. Die Virusinfektion gilt in Afrika als Krankheit der Reichen.

Abba Kyari, einer der einflussreichsten Politiker Afrikas, ist der Corona-Epidemie zum Opfer gefallen. Der 67-jährige Nigerianer starb am Freitag nach einem wochenlangen Kampf gegen die Virusinfektion in einem Privatkrankenhaus der Hafenstadt Lagos und wurde am Samstag in der Hauptstadt Abuja begraben. Kyari diente dem nigerianischen Staatschef Muhammadu Buhari als Stabschef und kontrollierte den Zugang zum Präsidenten der bevölkerungsreichsten Nation des Kontinents.

Dem in der Schweiz und Großbritannien ausgebildeten Manager wurde ein entscheidender Einfluss auf die nigerianische Politik zugeschrieben: Der Advokat einer dominierenden Rolle des Staates in der Volkswirtschaft des Landes soll de facto als Premierminister der größten afrikanischen Wirtschaftsmacht gewirkt haben.

Kyari hatte sich vermutlich im Rahmen eines Besuchs beim deutschen Siemens-Konzern Mitte März in München angesteckt. Dort sei es um Lösungsmodelle für die marode Elektrizitätsversorgung Nigerias gegangen, heißt es in Abuja. Nach seiner Rückkehr unterwarf sich Kyari allerdings nicht der eigentlich vorgeschriebenen zweiwöchigen Quarantäne, sondern traf sowohl mit dem 77-jährigen Präsidenten wie außerdem mit zahlreichen ebenfalls hochrangigen Politikern zusammen.

Nach Kyaris Erkrankung Ende März wurde auch Buhari auf Covid-19 getestet: Im Unterschied zu seinem Berater allerdings mit negativem Ergebnis. Zunächst schien Kyaris Erkrankung eher mild zu verlaufen, verschlechterte sich jedoch offenbar auch wegen der Zuckerkrankheit des 67-Jährigen zusehends.

In normalen Zeiten wäre der Stabschef zur Behandlung nach Europa oder Asien ausgeflogen worden – wie sein Chef Buhari, der sich vor drei Jahren mehr als fünf Monate lang in Großbritannien zur Behandlung einer nicht bekanntgegebenen Krankheit aufgehalten hatte. Auch Buharis Vorvorgänger Umaru Musa Yar’Adua war wegen einer Herzerkrankung monatelang in Deutschland und Saudi Arabien behandelt worden, bevor er zwei Monate nach seiner Rückkehr im Frühjahr 2010 starb.

Dass sich die Eliten afrikanischer Staaten zur medizinischen Betreuung ins Ausland begeben, ist in weiten Teilen des Kontinents wegen der schlechten Gesundheitsversorgung in ihrer Heimat gang und gäbe. Vor zwei Jahren wurde Gabuns Präsident Ali Bongo nach einem Schlaganfall nach Saudi Arabien ausgeflogen, sein simbabwischer Amtskollege Robert Mugabe starb in einem Hospital in Singapur.

Selbst Angehörige des gehobenen afrikanischen Mittelstands pflegen sich für kompliziertere medizinische Eingriffe nach Europa, den Mittleren Osten oder Indien abzusetzen.

Abba Kyari (links) bei einem Treffen mit Vertretern der US-Regierung in Abuja im April 2016.

In Nigeria gab die Regierung in den vergangenen Jahren nur rund fünf Prozent des gesamten Staatsbudgets für die Gesundheitsversorgung aus, obwohl die Afrikanische Union (AU) ihren 54 Mitgliedsstaaten mindestens 15 Prozent empfiehlt.

Nigeria verfügt lediglich über fünf Krankenhausbetten pro 1000 Einwohner: Rund die Hälfte der in Nigeria registrierten 75 000 Ärzte und 180 000 Krankenschwestern sind im Ausland tätig. Das Gesundheitssystem des rund 200 Millionen Einwohner zählenden Staats sei wegen mangelnder Finanzierung völlig geschwächt, klagt der Chef der Medizinischen Vereinigung Nigerias, Francis Faduyile.

„Unter der Last der Corona-Pandemie wird es vermutlich ganz zusammenbrechen“, warnt Faduyile. In dem westafrikanischen Land wurden bislang rund 550 Infizierte gemeldet, von denen 20 bereits gestorben sind: Wie überall auf dem Kontinent steht der Zenit der Pandemie allerdings erst noch bevor.

Im Gegensatz zu anderen Infektionskrankheiten gilt Covid-19 in Afrika als Krankheit der Reichen, die meisten Infizierten haben sich in Europa angesteckt. In Nigeria wurden vier von 36 Gouverneuren der Bundesstaaten positiv getestet, außerdem der Sohn des ehemaligen Vizepräsidenten Atiku Abubakar sowie der ehemalige Chef der staatlichen Erdölgesellschaft Suleiman Achimugu. In dem westafrikanischen Unruhestaat Burkina Faso haben sich allein sechs Minister angesteckt und in Libyen erlag der ehemalige Premierminister Mahmud Dschibril kürzlich seiner Covid-19-Erkrankung.

Die Corona-Epidemie sei daher „eine Lektion für alle, die gedacht haben, das Gesundheitswesen ihrer Staaten vernachlässigen zu können“, meint Francis Faduyile: „Selbst die höchsten Mitglieder der Regierung haben in dieser Situation keine andere Chance mehr, als sich zu Hause behandeln zu lassen.“

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