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Muhammadu Buhari könnte neuer Präsident von Nigeria werden.

Zeitenwechsel

Nigeria schreibt Geschichte

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Ein früherer Militärdiktator hat in Afrikas bevölkerungsreichstem Land den ersten demokratischen Machtwechsel geschafft. Der 72 Jahre alte Muhammadu Buhari ist der neue Präsident Nigerias.

Erstmals in der Geschichte ihres 55 Jahre jungen Staates haben die Nigerianer am Dienstag die Erfahrung gemacht, eine Regierung mit demokratischen Mitteln aus dem Amt entfernen zu können. Bei der Präsidentschaftswahl vom Wochenende hat Oppositionskandidat Muhammadu Buhari den amtierenden Präsidenten Goodluck Jonathan überraschend eindeutig geschlagen.

Schon bevor der letzte noch ausstehende Bundesstaat, die von der Boko-Haram-Sekte heimgesuchte Unruheprovinz Borno im Nordosten, ausgezählt war, lag Buhari mit fast 15 Millionen Stimmen deutlich vor Jonathan mit knapp 12 Millionen. Und Borno gilt als Hochburg der Opposition.
Es ist der erste demokratische Machtwechsel in der seit 1960 unabhängigen Nation. Zuvor hatte der westafrikanische Riesenstaat (mehr als 170 Millionen Einwohner) vor allem Putsche und seit 1999 eine ununterbrochen regierende „Volksdemokratische Partei“ (PDP) erlebt.

Noch vor der Bekanntgabe des vorläufigen Wahlergebnisses räumte Präsident Jonathan in einem Telefonat mit Buhari seine Niederlage ein – auch das zur Überraschung Vieler, die Widerstand gegen die Resultate seitens der Verlierer befürchtet hatten. „Mit diesem Schritt hat sich Jonathan wie ein Held verhalten“, sagte ein Sprecher des siegreichen Oppositionsbündnisses „All Progressive Congress“ (APC): „Jetzt werden die Spannungen erheblich zurückgehen.“

Gewalt befürchtet

Bereits am Nachmittag kam es in weiten Teilen des Landes zu volksfestähnlichen Freudenfeiern. Vor allem in den nördlichen Provinzhauptstädten Kano und Kaduna gingen Zigtausende von jubelnden Menschen auf die Straßen. Erwartungsgemäß errang Buhari im muslimisch dominierten Norden besonders viele Stimmen, während der Christ Jonathan in seinen Hochburgen im Süden Nigerias zum Teil atemberaubende Ergebnisse von über 98 Prozent erzielte. Entscheidende Bundesstaaten zwischen Nord und Süd – wie die westliche Hafenmetropole Lagos – gingen dieses Mal allerdings an Buhari.

Experten befürchten, dass es in den südlichen Zentren in den kommenden Tagen doch noch zu Gewalt kommen könnte: Dort hatten militante Anhänger Jonathans einen „Krieg“ angedroht, falls ihr Kandidat unterlegen würde. Bei der letzten Wahlniederlage Buharis vor vier Jahren war es in dem vornehmlich muslimischen Bundesstaat Kaduna zu blutigen Unruhen mit um die 800 Toten gekommen.

Der Hauptgrund für Jonathans Niederlage sei, dass „die Wahlen dieses Mal nicht gefälscht waren“, glaubt Wirtschaftsberater Antony Goldman. „Wenn man es den Nigerianern selbst überlässt, sind sie bereit, wichtige Entscheidungen zu treffen und das Land wie eine normale Demokratie aussehen zu lassen.“ Und so war auch die Stimmabgabe deutlich ruhiger als erwartet. Vor allem der von der Boko-Haram-Sekte im Norden angezettelte Bürgerkrieg hatte Befürchtungen von blutigen Unruhen genährt, aber es kam lediglich zu einzelnen Überfällen.

Dass die Nerven bei der seit 16 Jahren ununterbrochenen regierenden PDP blank lagen, zeichnete sich bereits Montagnachmittag ab. Vor laufenden Kameras warf Ex-Minister Godsday Orubebe dem Chef der Unabhängigen Wahlkommission (IEC), Attahiru Jega, „Parteilichkeit“ und „Unglaubwürdigkeit“ vor. Gefasst erwiderte der Kommissionspräsident: „Lasst uns mit unseren Worten vorsichtig sein, und den Prozess, der so friedlich begonnen hat, nicht mit unbegründeten Anschuldigungen gefährden.“ Seitdem wird Jega in den Sozialen Netzwerken als Star gefeiert.

Dem Professor wird auch die Einführung der umstrittenen Lesegeräte zu Gute geschrieben, die zwar am Wahltag für erhebliche Probleme sorgten, denen aber nachgesagt wird, grobe Wahlfälschungen verhindert zu haben. Die bisherigen Urnengänge in dem bevölkerungsreichsten Staat Afrikas standen stets unter dem Verdacht, massiv manipuliert worden zu sein. (mit rtr)

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