+
30. Mai 1968, Blick auf die Champs-Élysées: Nach den studentischen Unruhen in den ersten Mai-Wochen bekunden mehr als eine halbe Million Franzosen ihre Solidarität mit Präsident Charles de Gaulle.

68er-Bewegung

"Niemand wusste, wohin das alles führen würde"

  • schließen

Der Schriftsteller Hervé Hamon über die Unberechenbarkeit revolutionärer Kräfte und warum der Pariser Mai 1968 weder Rechten noch Linken zum Ruhm gereicht.

Das offene Lachen, der offene Hemdkragen, das vom Winde verwehte schlohweiße Haar, der Dreitagebart: Noch heute scheint Hervé Hamon von jener Aufbruchsstimmung beseelt, die er im Pariser Mai 1968 erlebt und in seinem kürzlich erschienenen Buch „L’Esprit de Mai 68“ beschrieben hat. 

Monsieur Hamon, Sie setzen sich in Ihrem jüngsten Buch mit den Pariser Mai-Unruhen auseinander. Ist darüber nicht längst alles gesagt und geschrieben worden? 
Also ich finde, es ist lange Zeit erstaunlich wenig darüber gesagt und geschrieben worden, zumindest wenig Seriöses. Gewiss, es haben sich Zeitzeugen zu Wort gemeldet, haben ihre Erlebnisse geschildert. Und dann gab es regelmäßig Versuche linker oder rechter Politiker, die Revolte in ihrem Sinne zu deuten und die Historie damit ganz gehörig zu verzerren. So hat etwa Nicolas Sarkozy kurz vor seiner Wahl zum Präsidenten versprochen, mit dem Mai 68 ein für alle Mal aufzuräumen, der, wie er behauptete, zwischen gut und böse, wahr und falsch, schön und hässlich keinen Unterschied mache. 

Woher rührt dieses Desinteresse an einem der markantesten Ereignisse der jüngeren französischen Geschichte? 
Frankreich tut sich einfach schwer mit seiner Geschichte. Die Kollaboration des Vichy-Regimes mit den deutschen Besatzern, das Ende der Kolonialzeit und der Algerienkrieg oder eben auch der Mai 68: Die ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte fällt schwer und ist zum Teil noch immer nicht geleistet. 

Wieso fällt es denn schwer, sich dem Mai 68 zuzuwenden? 
Die Mühsal beginnt damit, dass in den Mai-Unruhen kaum klare Strukturen auszumachen sind, sie sich weitgehend ohne Programme und ohne Anführer ausgebreitet haben. Hinzu kommt, dass der Mai 68 weder Rechten noch Linken zum Ruhme gereicht. Aus konservativer Warte breitete sich seinerzeit auf den Straßen, in den Hörsälen und Fabriken über Wochen hinweg das Chaos aus, ohne dass der damalige Staatschef Charles de Gaulle es hätte eindämmen können. Die Linke stand der Entwicklung seinerzeit nicht minder hilflos und feindselig gegenüber. Die damals das linke Lager dominierenden moskautreuen Kommunisten begegneten dem sich spontan entwickelnden, unberechenbaren Aufstand mit tiefstem Misstrauen. Nach Kräften versuchten sie unter Kontrolle zu bringen und einzudämmen, was sie als dem Marxismus zuwiderlaufende, historische Verirrung ansahen. Ich höre die Funktionäre der Kommunistischen Partei und der ihr verbundenen Gewerkschaft CGT am Ende der Massenkundgebung vom 13. Mai noch brüllen: „So, das war’s jetzt, ein jeder geht jetzt schön ruhig nach Hause.“ Die Vorstellung, dass wir Studenten die an jenem Tag erstmals ebenfalls demonstrierenden Arbeiter mit unserer unkontrollierbaren Aufsässigkeit anstecken könnten, war den Kommunisten ein Alptraum. 

Da war also niemand, der die Revolte angeführt, ihr den Weg gewiesen hätte, nicht einmal die Studenten, die sie ausgelöst hatten, und auch nicht die Arbeiter, die sich ihr Mitte Mai anschlossen? 
Nein, es gab keine Anführer. Auch Daniel Cohn-Bendit war keiner. Er spielte eine wichtige Rolle. Als Dany le Rouge war er Symbol des Aufstands, ergriff das Wort, fand Gehör. Aber den Weg gewiesen hat er nicht. Alles war damals außer Kontrolle geraten. Gerade das war es, was uns gleichermaßen frohlocken wie schaudern ließ. Niemand wusste, wohin das alles führen würde, auch wir Studenten nicht. Alles schien möglich. Alle durften mitreden, und alle redeten durcheinander. Unsere Debatten, das war oft die reine Kakophonie. Und weil man bis zum heutigen Tag schlecht damit leben kann, dass sich etwas herkömmlicher Einordnungen entzieht, versucht man eben bis heute, die Revolte wie auch uns Alt-68er in irgendwelche Schubladen zu stecken. So sagt man uns heute etwa nach, wir seien alle zu Emmanuel Macron übergelaufen, nur weil der Bruder Daniel Cohn-Bendits bei Macrons Bewegung En Marche von Anfang an dabei war. Wir werden in Klischees gepresst. 

Wenn der Mai 68 ein einziges Durcheinander war, kann man dann überhaupt von einer Revolution sprechen, von revolutionären Errungenschaften gar? 
Die Mai-Revolte war sicherlich keine Revolution im politischen Sinne. Gewiss, wir Studenten haben Barrikaden errichtet. Es gab Hunderte von Verletzten, es gab sogar ein paar Tote. Aber im tiefsten Innern waren wir Studenten uns darüber im Klaren, dass wir uns gegen die Regierung niemals gewaltsam würden durchsetzen können. Die damals regierende bürgerliche Rechte gebot über die Armee, rund um Paris waren bereits Panzer aufgefahren. Mehr noch. Ich glaube, 1968 haben wir Franzosen uns endgültig von der Vorstellung verabschiedet, dass das Land auf revolutionärem Wege zu verändern ist. Was zugleich auch heißt: Demokratie und Rechtsstaat, so sehr sie auch immer wieder erkämpft werden müssen, sind seit den Mai-Unruhen dauerhaft verankert. 

Gleichwohl verleihen Sie der Revolte in Ihrem Buch das Prädikat „revolutionär“.  
Ja, weil im Mai 68 zwar keine politische Revolution losbrach, wohl aber eine kulturelle. So haben wir etwa unser Konzept von Autorität gesellschaftlich durchgesetzt. Ob nun in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, Arzt und Patient, Lehrer und Schülern, Mann und Frau, überall brachen damals verkrustete, autoritäre Strukturen auf. Wir waren überzeugt, nur wenn Autorität in der Sache legitimiert ist, dann ist sie zu achten. So brachten wir im Mai 68 einem Professor großen Respekt entgegen, der sich durch Arbeitseinsatz, Wissen, ja Weisheit hervorgetan hatte. Was freilich damals gesellschaftlich revolutionär war, ist heute selbstverständlich. Das ist unser Sieg. 

Was unterscheidet den Pariser Mai 68 eigentlich von zur gleichen Zeit in Deutschland oder auch den USA aufgeflammten Protesten? 
Was mir einmalig vorkommt, ist diese totale Unberechenbarkeit der Pariser Revolte. Aus heiterem Himmel brach sie los, niemand hatte sie vorausgesehen, eine Überraschung folgt der anderen: Dass der Rektor der Pariser Sorbonne die Polizei ruft, um „ein paar Störer“ entfernen zu lassen, führt eine Woche später zur „Nacht der Barrikaden“ im Quartier Latin mit Hunderten von Verletzten. Drei Tage später nur rufen die Gewerkschaften zum Generalstreik auf, schließen sich Arbeiter der Revolte an, protestieren in Paris eine Million Menschen gegen de Gaulle. Oft habe ich mich damals gefragt: Ja, was machst du da gerade überhaupt, was passiert da gerade? Alle Leute fragten sich: Was geht da eigentlich gerade ab? Wir haben ständig improvisiert. Es gab keinerlei Skript. Spontane Eingebungen bestimmten das Geschehen. Viel Witz, Ironie, auch Selbstironie war im Spiel. Ich hatte den Eindruck, dass es in Deutschland 1968 an den Universitäten deutlich weniger lustig zuging. Und anders als in Deutschland folgten in Frankreich dann ja auch nicht bleierne, von Terror überschattete Jahre. 

Wie kam es, dass nach einem Monat alles  vorbei war, die Revolte in sich zusammenfiel? Am 30. Mai löste de Gaulle die Nationalversammlung auf, kündigte Neuwahlen an, bekundeten Hunderttausende von Franzosen auf den Champs-Élysées ihre Solidarität mit dem Staatschef. Der Widerstand war gebrochen. 
Die Angst vor uns hat Rechte und Linke geeint. Die Rechte stellte sich hinter de Gaulle, der mit Neuwahlen einen Ausweg aus dem Aufruhr wies. Frankreichs Linke schloss sich an, sprach sich ebenfalls für Neuwahlen aus. Dabei war offensichtlich, dass sie die Wahlen verlieren würde. Aber Kommunisten und Sozialisten sagten sich: Hauptsache, die das Land destabilisierende Studentenrevolte hört endlich auf. Hinzu kam, dass es Ministerpräsident Georges Pompidou gelungen war, die Situation an der Arbeiterfront zu entschärfen. Der Premier konnte die Unternehmer davon überzeugen, dass sie um des sozialen Friedens willen tief ins Portemonnaie zu greifen hätten. Pompidou trotzte ihnen eine Erhöhung des Mindestlohns um 35 Prozent ab, eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 43 auf 40 Stunden und ein früheres Renteneinstiegsalter. 

 
Zurzeit gärt es wieder in der französischen Gesellschaft. Ob bei Eisenbahnern, Air-France-Personal, Krankenhausbeschäftigten und nicht zuletzt auch bei den Studenten: Allseits regt sich Unmut. Der ehemals kommunistische Gewerkschaftsdachverband CGT hofft, dass sich der allseits aufflammende Protest zu einem Flächenbrand ausweitet. Entsteht da gerade eine neue, große Protestbewegung? 
Die CGT mag sich das wünschen. Aber das ist äußerst unwahrscheinlich. Unsere Gesellschaft ist heute schrecklich fragmentiert. Die große Herausforderung besteht darin, das gesellschaftliche Band neu zu knüpfen zwischen Leuten, die gänzlich unterschiedliche, wenn nicht einander zuwiderlaufende Interessen verfolgen. Das größte Hindernis dabei ist, dass Teile der Bevölkerung nicht akzeptieren wollen, dass Frankreich heute ein multikulturelles Land ist. In anderen Teilen der Zivilgesellschaft hat sich ein Bewusstsein dafür entwickelt. Ich denke da an das wunderbare Geflecht von integrationsfördernden Strukturen in meinem Wohnviertel. Ich lebe in einer Vorstadt östlich von Paris. Dort bemühen sich rund 200 Vereine und Hilfsorganisationen um den Zusammenhalt der Gesellschaft. Eine Art Parallelgesellschaft ist da entstanden. Aber die Politik hinkt hinterher. Und anstatt Brücken zu schlagen, vertiefen die Politiker diese Gräben noch, integrieren nicht, sondern grenzen aus. Der CGT-Chef Philippe Martinez bringt nichts anderes zustande, als auf der Straße auf die Pauke zu hauen und danach verbittert festzustellen, dass die Frontalopposition nichts gebracht hat. Auf der anderen Seite gibt Staatschef Emmanuel Macron zu verstehen, er sei im Besitz der alleinigen Wahrheit. Mit Martinez und Macron kommt der so wichtige gesellschaftliche Brückenschlag nicht voran. 

Macron predigt immerhin den Bruch mit Traditionen, fordert Mut, Neuland zu betreten, etwas zu riskieren, verkrustete Strukturen aufzubrechen – sind das nicht Worte, wie man sie auch 1968 gehört hat? 
Da klaffen Wort und Tat auseinander. Macron ist ein Kind des Provinzbürgertums. Er ist ein reines Produkt der Grandes Écoles, der französischen Elitehochschulen. Sie sind eine Katastrophe. Ein Sonderweg für Privilegierte. Er beginnt in den Schulen und setzt sich fort in den Grandes Écoles. Macron regiert Frankreich zusammen mit anderen Elitehochschulabgängern. Sie teilen dieselben Werte, hängen denselben Lehren an. 

Daran wird sich bis zum Ende der Legislaturperiode 2022 wohl nichts ändern. 
Wer weiß. Ich habe im Pariser Mai 68 gelernt: Eine depressive, leblose, unterwürfig schweigende oder herumjammernde Gesellschaft kann von einem Augenblick auf den anderen erwachen und sagen: So, jetzt ist Schluss! Und dann gerät alles aus den Fugen.

Interview: Axel Veiel

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion