Ein Artillerist der „Verteidigungskräfte von Karabach“ feuert sein Geschütz auf aserbaidschanische Stellungen ab.
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Ein Artillerist der „Verteidigungskräfte von Karabach“ feuert sein Geschütz auf aserbaidschanische Stellungen ab.

Berg-Karabach

Kaukasisches Martyrium: Armenien und Aserbaidschan hetzen ihre Völker aufeinander

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Seit drei Jahrzehnten schwelt der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan. Nun könnte aus den Gefechten in Berg-Karabach ein internationaler Konflikt werden.

  • Seit mehr als 30 Jahren gibt es Unruhen zwischen Armenien und Aserbaidschan
  • EU versucht zwischen den beiden Ländern zu vermitteln – doch keiner will verhandeln
  • Kommt es zu einem Krieg zwischen Russland und der Türkei?

Der Gegenangriff rolle erfolgreich, versichert der aserbaidschanische General Mais Barchudarow in einer Presseerklärung von der Frontlinie. „Die Einheiten, die ich kommandiere, werden bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, um den Feind zu vernichten.“

Die genaue Zahl der Opfer im Kampf um die südkaukasische Region Berg-Karabach lässt sich bisher nicht beziffern. Die Armenier meldeten bereits am Sonntag 200 getötete Feinde, am Montag zehn abgeschossene Feindpanzer und am Dienstag einen abgeschossenen Kampfjet. Die Aserbaidschaner konterten mit Meldungen von 550 gefallenen Armeniern und einem komplett vernichteten Regiment, das wären über tausend Tote.

Ein transkaukasischer Teufelskreis: Auch nach mehr als 30 Jahren keine Lösung in Sicht

Die armenische Seite berichtete am Montag von 59 gefallenen Soldaten, am Dienstag von 53 weiteren und sowie bisher vier Zivilisten. Die Aserbaidschaner vermeldeten nur ihre zivilen Opfer: zehn Tote und 30 Verletzte. „Märtyrer“ nennt sie Staatschef Ilcham Alijew.

Nach Angaben des armenischen Außenministeriums wurde dieses zivile Haus im Ort Martuni, Berg-Karabach, von aserbaidschanischem Militär zerstört.

Armeniens Premier Nikol Paschinjan bezeichnet auf Facebook seine Kriegsfreiwilligen als „mächtige, mächtige Männer, die unbesiegbar sind“. Die Rhetorik dieses Konflikts stammt wie er selbst aus dem vergangenen Jahrhundert, es ist ein ethnischer Konflikt. Auch nach 32 Jahren ist keine Lösung in Sicht. Ein transkaukasischer Teufelskreis.

Grausame Gemetzel, Plünderungen und Menschenraub

Die Unruhen in der armenischen Enklave in Aserbaidschan begannen 1988, eskalierten zu einem Kleinkrieg und 1992 zu offenen Feldschlachten.

Auf beiden Seiten gab es grausame Gemetzel, Plünderungen und Menschenraub. Etwa im Dorf Maraga, wo 1992 über 50 Armenier getötet und 53 verschleppt wurden. Oder in dem Städtchen Chodschali, wo im gleichen Jahr über hundert aserbaidschanische Zivilisten ermordet wurden.

Bis zum ersten Waffenstillstand 1994 kamen zwischen 18.000 und 35.000 Menschen um, darunter Tausende Zivilisten, in der Mehrheit Aserbaidschaner. Über 45.000 Aserbaidschaner wurden aus Berg-Karabach vertrieben, insgesamt mussten über eine Million Menschen aus Aserbaidschan oder Armenien fliehen.

Die Konfliktparteien

Noch vor Auflösung der Sowjetunion erklärte sich Armenien im September 1991 unabhängig. Das kleine Land – knapp drei Millionen Einwohner – hat aber enge militärische Beziehungen zu Russland. So kontrolliert Russland etwa die Grenze zum Iran und der Türkei.

Ende August 1991 rief Aserbaidschan seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion aus. Das Land ist fast drei Mal so groß wie Armenien und hat mehr als drei Mal so viele Einwohner (mehr als zehn Millionen). Kulturell enge Beziehungen pflegt es zur Türkei. Ankara unterstützt Baku auch militärisch. vf

Armenier redeten damals von einem Videofilm, der zeigt, wie Aserbaidschaner eine schwangere Armenierin ermordeten. Aserbaidschaner wiederum erzählten, in Armenien habe man Rekruten solch einen Film gezeigt, danach hätten sie aserbaidschanische Gefangene totgeprügelt.

Premier Paschinjan: „Die Türkei ist eine Gefahr für die Sicherheit Armeniens und der ganzen Region“

Anfang 1988 waren bei einem Pogrom in Sumgait, einer Vorstadt von Baku, Hunderte Armenier umgekommen. Danach gab es auch Stimmen, der sowjetische Geheimdienst KGB habe das Blutbad angezettelt. Aber jedenfalls weckten diese Gewalttätigkeiten bei den Armeniern traumatische Erinnerungen an den Völkermord im Osmanischen Reich, dem im Ersten Weltkrieg Hunderttausende Armenier zum Opfer gefallen waren.

Und jetzt antwortet der armenische Parlamentarier Alen Simonjan auf die Frage des unabhängigen russischen Senders TV Doschd, ob er Kanäle zu aserbaidschanischen Kollegen besitze, um Gespräche zu führen, „Ich bin mir nicht sicher, dass am anderen Ende, ein Aserbaidschaner und kein türkischer Offizier den Hörer abnimmt.“ Auch Premier Paschinjan winkt mit dem Zaunpfahl Richtung Moskau: „Die Türkei ist eine Gefahr für die Sicherheit Armeniens und der ganzen Region“, warnt Nikol Paschinjan.

Militärexperte glaubt nicht an Krieg zwischen Russland und der Türkei

Schon spekulieren westliche Medien über Krieg zwischen der Türkei und Russland. Eriwan ist militärisch mit Moskau verbunden. Aserbaidschan bediene sich dagegen türkischer und israelischer Ausbilder, sagt der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin. Und Präsident Ilcham Alijew habe die Kämpfe losgetreten. „Er hat Unsummen für die Aufrüstung seiner Armee ausgegeben, muss der Öffentlichkeit beweisen, dass er Berg-Karabach nicht nur mit Worten befreien will.“

Obwohl beide Seiten offiziell mobilisieren, glaubt Litowkin nicht an einen großen Krieg. „Das sind noch Grenzgefechte um kleine Dörfer und Hügel.“ Wollte Alijew Berg-Karabach zurückerobern, müsste er mindestens die Hälfte seiner Truppen in Bewegung setzen. „Das ist nicht der Fall.“

Russland ruft zu einer Waffenruhe auf

Dennoch könnten sich die lokalen Feuerwechsel ausweiten. Das armenische Verteidigungsministerium warf dem Gegner am Dienstag den Einsatz schwerer Flammenwerfer vor und einen Kampfdrohnenangriff auf armenisches Staatsgebiet, drohte seinerseits mit den Einsatz flächendeckender Langstreckengeschosse. Die Agentur Eurasia Daily glaubt, damit seien Iskander-Mittelstreckenraketen-Raketen gemeint. Beide Seiten haben all diese Waffensysteme in Russland gekauft.

Russland, seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts die Ordnungsmacht im Südkaukasus, ruft jetzt zu einer Waffenruhe auf. Ansonsten ist der Kreml eher passiv, auch gegenüber der eifrig mitmischenden Türkei.

EU versucht zwischen Armenien und Aserbeidschan zu vermitteln

Dafür versuchten gestern und vorgestern Emmanuel Macron und Angela Merkel telefonisch zwischen Alijew und Paschinjan zu vermitteln. Aber keine wirkliche Friedenslösung ist in Sicht.

Einerseits hält Armenien mit Berg-Karabach und dem breiten „Sicherheitskorridor“ zur eigenen Grenze über 20 Prozent des aserbaidschanischen Staatsgebietes besetzt. Andererseits sind die jetzt knapp 150.000 Einwohner der Rebellenrepublik nahezu alle Armenier, und wollen auf keinen Fall wieder Untertanen Bakus werden. (Von Stefan Scholl)

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