+
Medikamentöse Behandlung eines CoVid-19-Patienten: Remdesivir soll die Dauer der Erkrankung verkürzen, so jedenfalls zeigen es erste Studien.

Interview

„Niemand rechnet mit großen Profiten“

  • schließen

Pharma-Verbandspräsident Han Steutel über die Entwicklung von Corona-Impfstoffen, deren Preise und fehlende Produktionskapazitäten.

Herr Steutel, es ist sicherlich in dieser Krise die Frage aller Fragen: Wann wird es ein wirksames Corona-Arzneimittel und wann einen Impfstoff geben?

Es macht Mut, dass innerhalb kürzester Zeit schon ein erfolgversprechendes Arzneimittel zur Verfügung steht, und zwar das in den USA in einem Rekordtempo zugelassene Remdesivir. Wir gehen davon aus, dass das Präparat bald auch in Europa zugelassen wird. Studien zeigen, dass es die Dauer der Covid-19-Erkrankung verkürzt.

Und wie ist mit einem Impfstoff?

Es gibt mindestens drei unterschiedliche Wege, wie wir zu einem wirksamen Impfstoff kommen können. Niemand weiß heute, welcher Weg am erfolgreichsten sein wird. Konsens in der Pharmabranche ist, dass wir im Laufe des kommenden Jahres die ersten Impfstoffe haben werden. Schrittweise werden weitere dazukommen, wahrscheinlich mit unterschiedlichen Wirkmechanismen.

Viele Menschen fragen sich, warum das so lange dauert.

Lange? Wenn wir im nächsten Jahr einen Impfstoff hätten, wäre das rasant schnell. Das dauert normalerweise mehrere Jahre. Wir sind jetzt aber in einer Situation, die es vorher noch nie gegeben hat: Derzeit arbeiten weltweit mehr als 100 Unternehmen und akademische Institutionen gleichzeitig an der Entwicklung von Impfstoffen. Das bedeutet geradezu eine Explosion von Wissen.

Welche Bedeutung hat die deutsche Pharmaindustrie dabei?

Han Steutel.

Die Pharmabranche ist global aufgestellt und weltweit mit den wissenschaftlichen Institutionen vernetzt. Aber es wäre natürlich schön, wenn wir am Ende vorne liegen. Die Chancen dafür sind auch gut. Hierzulande laufen neun Projekte, was überproportional viel ist. Und zwei Firmen sind, wie bekannt, bereits an der Spitze der Impfstoffentwicklung: Das Mainzer Unternehmen BionTech und der Kooperationspartner Pfizer haben bereits klinische Tests begonnen, bei CureVac in Tübingen sollen sie bald starten.

Bei dem Rennen geht es ja wohl nicht nur ums Prestige, sondern vor allem auch ums Geld.

Die Pharmaindustrie weiß um ihre Verantwortung. Niemand in der Branche geht ernsthaft davon aus, dass er mit einem Corona-Impfstoff große Profite einfahren wird. Klar ist vielmehr, dass sehr viele Unternehmen Geld verlieren werden, wenn sich der von ihnen verfolgte Ansatz nicht als erfolgreich herausstellen sollte.

Zur Person

Han Steutel ist seit 2019 Präsident des Verbandes der forschenden Arzneimittelhersteller.

Die Pharmaindustrie als Samariter? Klingt nicht überzeugend.

Wir sind alle darauf konzentriert, eine Lösung zu finden. Der beste Beweis dafür ist die Tatsache, dass die Unternehmen schon vor Wochen ihre Moleküldatenbanken für eine externe Nutzung freigegeben haben, um die Suche nach Präparaten und Impfstoffen zu beschleunigen. Damit haben die Unternehmen gewissermaßen ihre Schatztruhen geöffnet.

Auch angesichts der Tatsache, dass viel Steuergeld in die Forschung fließt, gibt es die Forderung, dass ein Corona-Impfstoff ein frei verfügbares, globales Gut sein soll. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Ich muss Sie korrigieren. Bisher ist in die Entwicklung kaum öffentliches Geld geflossen. Und das ist auch nicht nötig. Denn das stemmen die Firmen weitgehend allein, ohne öffentliche Unterstützung. Richtig ist, dass die Grundlagenforschung in den Universitäten und Instituten geleistet wird. Das ist die schon seit Jahrzehnten praktizierte Arbeitsteilung. Zu Ihrer Frage: Es muss dabei bleiben, dass die Unternehmen Eigentümer ihrer Entwicklungen bleiben, schließlich haben sie Millionen dafür investiert.

Aber sie haben in den vergangenen Jahren auch Milliarden in den Gesundheitssystemen verdient. Deshalb nochmal: Wie kann gewährleistet werden, dass ein Impfstoff allen Ländern zu bezahlbaren Preisen zur Verfügung stehen wird?

Diese Pandemie muss so schnell wie möglich gestoppt werden und darf auch nicht zurückkommen. Abgesehen vom menschlichen Leid bricht ansonsten die Weltwirtschaft immer stärker ein, und auch die Pharmaindustrie wird kein Geld mehr verdienen. Einige große Pharmaunternehmen haben bereits zugesichert, dass sie einen Impfstoff quasi zum Selbstkostenpreis abgeben werden. Das haben nicht alle getan, aber die Richtung ist damit vorgegeben.

Über welche Preise sprechen wir eigentlich?

Der größte Impfstoffhersteller der Welt, eine Firma aus Indien, geht davon aus, dass eine Impfstoffdosis ohne Gewinnmarge für zehn Dollar herstellbar sein wird. Das klingt wenig, kann aber für einige ärmere Länder noch zu viel sein. Es ist eine Aufgabe der WHO und von Organisationen wie der Impfallianz Gavi, hier Lösungen zu suchen. Das gilt auch für die weltweite Verteilung eines Impfstoffes. Das ist auch eines der Ziele der Geberkonferenz der WHO mit der Europäischen Kommission.

Wie sieht es mit den Produktionskapazitäten aus?

Weltweit können derzeit etwa 1,5 Milliarden Dosen Impfstoff jährlich produziert werden. Angesichts einer Weltbevölkerung von fast acht Milliarden Menschen ist die riesige Lücke zu erkennen. Hier sind öffentliche Hilfen wie Investitionszuschüsse nötig, um die Produktions-Kapazitäten sehr schnell massiv auszuweiten.

Interview: Tim Szent-Ivanyi

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion