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Angst oder Atemnot bräuchten Patienten nicht zu fürchten, sagt Palliativarzt Radbruch.

Corona-Behandlung

„Niemand muss qualvoll ersticken“

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Über die Angst vor qualvollem Sterben an Covid-19 und die Möglichkeiten der Palliativmedizin. Ein Gespräch.

Lukas Radbruch , 61, ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin.

Herr Radbruch, noch nie seit dem Ende des 2. Weltkrieg wurde die deutsche Bevölkerung so massiv mit dem Tod konfrontiert wie jetzt in der Corona-Krise. Viele Menschen haben Angst, insbesondere auch vor einem qualvollen Ersticken. Denn Covid-19 ist schließlich eine Lungenentzündung. Was können Sie und Ihre Kollegen leisten?

Zunächst einmal: Wir sind in Deutschland glücklicherweise in einer deutlich besseren Lage als in Italien oder den USA. Dazu ein Vergleich: Wir haben in Deutschland pro 100.000 Einwohner 30 Intensivbetten, in Italien sind es selbst nach der Aufstockung der Kapazitäten gerade einmal zehn.

Allerdings haben die medizinischen Fachgesellschaften, darunter auch der von Ihnen geführte Verband, bereits Leitlinien für den Fall erarbeitet, dass die Behandlungsplätze nicht reichen.

Lukas Radbruch.

Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Ich glaube nicht, dass wir tatsächlich in die dort beschriebene Extremsituationen kommen und reihenweise Menschen sterben, weil es keine ausreichenden Behandlungsmöglichkeiten mehr gibt. Gleichwohl müssen wir damit rechnen, dass auch in Deutschland immer mehr Menschen, die Hochbetagt sind oder an zusätzlichen Krankheiten leiden, trotz einer Intensivbehandlung an dem Virus sterben.

Deshalb nochmals die Frage: Was können die Palliativmediziner für diese Menschen tun?

Niemand muss qualvoll ersticken. Wer auf der Intensivstation liegt und beatmet wird, ist in der Regel in Narkose. Diese Patienten leiden nicht unter Luftnot, sie haben keine Angst. Bei Patienten, die nicht mehr zu retten sind, können die Palliativmediziner ein schmerz- sowie angstfreies und damit würdevolles Sterben gewährleisten. Die Palliativmedizin hat extrem große Erfahrungen im Umgang mit vergleichbaren Krankheitsverläufen.

Im Zusammenhang mit der Debatte um die Sterbehilfe wurde aber gerade mit Blick auf Atemnot argumentiert, die Palliativmedizin könne vieles, aber leider nicht alles leisten.

Bei solchen Einschätzungen sind wir schon immer wütend aufgesprungen. Gerade die Luftnot bekommen wir mit Morphium und ähnlichen Opioiden sehr gut in den Griff. Das gilt auch für Covid-19, wie unsere Kollegen aus Italien berichten. Und sie haben ja nun leider schon ausreichend Erfahrung.

Aber dazu müssen sie einen Patienten sicherlich so stark sedieren, also in ein tiefes künstliches Koma versetzen, dass er keine Chance hat, Abschied von seinen Angehörigen zu nehmen.

Wir können erreichen, dass der Patient schmerzfrei und ohne Luftnot ist, obwohl er wach ist und sich sogar unterhalten kann. Opioide mildern die Angst, die viel zur Luftnot beiträgt. Außerdem verändern Opioide das Atemmuster: Statt zu hecheln, wobei nur wenig Sauerstoff in die Lunge kommt, atmet man langsamer und tiefer. Und drittens sorgen Opioide dafür, dass Rezeptoren im Blut einen zu hohen Kohlendioxidgehalt nicht mehr ans Gehirn melden. Man empfindet diesen Zustand dann nicht mehr als Luftnot.

Kann ich mich als Patient darauf verlassen, dass es genügend Ärzte mit Erfahrung in der Palliativmedizin gibt?

Wir tun derzeit alles, um die Kollegen, die keine Spezialisten auf dem Gebiet sind, mit den nötigen Informationen zu versorgen. Darin beschreiben wir detailliert die möglichen Behandlungsoptionen und weisen darauf hin, welche Medikamente unbedingt vorrätig sein müssen. Der Unsicherheitsfaktor ist nur eines: Haben wir genug Schutzausrüstungen? Derzeit ist das leider immer noch nicht der Fall.

Viele Menschen fragen sich, ob sie jetzt doch besser eine Patientenverfügung machen oder ihre vorhandene anpassen sollten. Eine gute Idee?

Wir begrüßen es, wenn sich Menschen gerade vor dem Hintergrund der Corona-Krise Gedanken darüber machen, welche Therapien sie noch akzeptieren wollen und wo die rote Linie ist. Habe ich das alles so geregelt, wie es für mich gut ist? Wer zum Beispiel in einem Pflegeheim ist, kann sich durchaus überlegen, ob er bei einer Verschlechterung seines Gesundheitszustandes ins Krankenhaus will, wo die Gefahr einer Corona-Infizierung vielleicht größer ist. Das muss aber jeder für sich abwägen, möglichst in Gesprächen mit anderen. Ich warne vor Schnellschüssen.

Und wenn jemand das Gefühl hat, er sollte auf eine Intensivtherapie verzichten, um das Gesundheitswesen zu entlasten?

Vor so einer altruistischen Entscheidung ziehe ich den Hut. Aber eine derartige Rücksichtnahme ist angesichts der Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitswesens nicht notwendig. Auch in der jetzigen Situation hat jeder das Recht zu sagen: „Ich will weiterleben. Ich will alles, was die Medizin hergibt.“ Das ist weder unmoralisch noch unsolidarisch.

Als Palliativmediziner gehört das Sterben für Sie zum Alltag. Bedrückt Sie gleichwohl etwas in diesen verrückten Zeiten?

Wir hatten Patienten auf der Palliativstation, bei denen eigentlich noch eine Chemotherapie geplant war, um die Lebensqualität bis zum Sterben zu erhöhen. Sie haben aber darauf verzichtet, weil sie die derzeit notwendige Isolation in der Klinik zu Recht als unerträglich empfanden und lieber bei ihren Angehörigen sein wollen. Dass Menschen vor so einer Entscheidung stehen müssen, ist furchtbar. Und schlimm ist auch, was mit Bewohnern von Pflegeheimen gemacht wird.

Wovon sprechen Sie?

Wir hören davon, dass selbst im Fall von Sterbenden restriktive Besuchs- und Kontaktverbote durchgezogen werden. Dabei lassen praktisch alle entsprechenden Vorschriften Ausnahmeregelungen zu. In einem Fall wollte ein Heimbewohner seine im Sterben liegende Ehefrau ein letztes Mal in der Klinik besuchen. Doch die Heimleitung teilte ihm mit, dass er nicht ins Pflegeheim zurück dürfe, wenn er seine Frau besuchen würde. Er ist dann aus lauter Verzweiflung im Heim geblieben. So etwas darf es nicht geben. Das ist unmenschlich.

Interview: Tim Szent-Ivanyi

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