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Niederlande und der Sklavenhandel: Die stumme Entschuldigung

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Von: Peter Riesbeck

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Das nationale Mahnmal gegen die Sklaverei im Amsterdamer Oosterpark. imago images
Das nationale Mahnmal gegen die Sklaverei im Amsterdamer Oosterpark. imago images © IMAGO/ANP

Der niederländische Regierungschef Mark Rutte möchte eine Debatte über die Verwicklung seines Landes in den Sklavenhandel anstoßen – zu deutlich will er aber auch nicht werden

Amsterdam - Der Premier mag immer noch nichts bestätigen. Auch auf seiner wöchentlichen Pressekonferenz am vergangenen Freitag schweigt der niederländische Regierungschef Mark Rutte vornehmlich. Nur eines stellt er klar: „Ein Entschädigungsfonds steht nicht zur Debatte.“

Den Niederlanden und ihren ehemaligen Kolonien bleibt da nur Rätselraten. Für diesen Montag hat Rutte zu einer Grundsatzrede ins Nationale Archiv in Den Haag eingeladen. Allgemein wird mit einer Entschuldigung für die Beteiligung der Niederlande am Sklavenhandel bis ins 19. Jahrhundert gerechnet. Offiziell ist aber nichts. Immerhin: Ein Kabinettsmitglied wird eigens nach Surinam entsandt. Vizepremierministerin Sigrid Kaag ist just erst aus der einstigen Kolonie zurückgekehrt.

Rutte hatte am 8. Dezember für Betroffenen-Organisationen ein Runder-Tisch-Gespräch ausgerichtet. In Surinam empfand man das als wenig sensibel. Das Land gedachte genau an dem Tag der „Dezembermorde“ von 1982, als Desi Bouterse, der damalige starke Mann einer Putschistenregierung, sich 15 namhafter Kritiker entledigte. Bouterse hat immer noch Einfluss auf Surinams Politik: Von 2010 bis 2020 war er Präsident und sitzt jetzt weiter im Parlament. Durch solche politische Aktualität droht Ruttes verbale Geste an diesem Montag zur stummen Entschuldigung degradiert zu werden.

Niederländische Hafenstadt Vlissingen hat von Sklaverei profitiert

Andere in den Niederlanden sind offener und deutlicher: „Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Vlissingen in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung niederländischer Plantagenkolonien in der Karibik geleistet hat, in denen Siedler zunehmend indigene und afrikanische Sklaven für die Arbeit auf ihren Plantagen einsetzten“, heißt es in einer Studie der Gemeinde Vlissingen. Die niederländische Hafenstadt hat im vergangenen Jahr in einer kleinen Studie ihre Rolle im internationalen Sklavenhandel aufarbeiten lassen. Detailliert wird festgehalten, wie Stadt, Reeder, Kaufleute und Auswanderer vom System der Sklaverei profitierten. Zum Segler „White Lion“ wird notiert: „Das Schiff soll 1619 unter einem niederländischen Kaperbrief und einer vagen Verbindung mit Vlissingens Bürgermeister Jan de Moor die ersten 20 afrikanischen Sklaven in Virginia verkauft haben.“

150. Jahrestag des Endes der Gewaltherrschaft durch Niederländer

Geschätzt an die 600 000 Menschen sollen niederländische Schiffe vom 17. bis ins 19. Jahrhundert in die Sklaverei verbracht haben. Auch in einstigen niederländischen Kolonien wie Tobago und Surinam kamen Sklav:innen zum Einsatz. Erst am 1. Juli 1873 wurden die letzten in Surinam in die Freiheit entlassen. Auch deshalb hatten viele für eine Entschuldigung der Niederlande am 1. Juli 2023 plädiert, dem 150. Jahrestag des Endes der Gewaltherrschaft. Aber Rutte geht seinen eigenen Weg.

Schuld ohne Sühne

Die Niederlande verbieten erst 1814 (nach ihrer Unabhängigkeit vom napoleonischen Empire) den Handel mit Menschen, den sie für die eigenen Kolonien wie auch andere Sklavenhalter betrieben hatte. Schrittweise wird die Sklaverei abgeschafft. 1863 folgt als letzte Kolonie Surinam – mit einer Übergangsfrist von zehn Jahren.

Die ehemaligen Sklavenhalter erhalten vom Staat 16 Millionen Gulden Kompensation. Eine Entschädigung der Nachfahren der Sklav:innen lehnt die niederländische Regierung bis heute ab. rp

Rutte lehnt weiterhin Entschuldigung für Sklaverei ab

Der Premier tut sich mit der Diskussion ohnehin schwer: Vor zwei Jahren noch lehnte Rutte jedwede Stellungnahme des Staates zur Sklaverei ab. Begründung: „Das sorgt nur für neue Spannungen.“ Auch in der Debatte um den Schwarzen Piet, den dienenden Gesellen des niederländischen Sinterklaas (Nikolaus), mochte er lange keine postkolonialen Strukturen erkennen. „Der ist nun mal so, da können wir wenig dran ändern“, beschied der Premier noch 2013.

Die Niederlande können dieser schwierigen Debatte aber nicht entkommen. Das weiß auch Cynthia McLeod. Die Tochter des ersten surinamesischen Präsidenten Johan Henri Eliza Ferrier beschrieb 1987 in ihrem historischen Roman „Wie teuer war der Zucker?“ aufs deutlichste die ausbeuterischen Verhältnisse auf den Plantagen in der Karibik. Das Buch löste eine Diskussion über das Gewaltsystems der Sklaverei aus. Aber in den mehr als drei Jahrzehnten seitdem ist wenig weiter geschehen. Der Zeitung „Volkskrant“ sagte McLeod nun: „Ich bin jetzt 86. Mehr als 70 Jahre meines Lebens habe ich mich mit dem Thema Sklaverei beschäftigt. Diese Entschuldigung jetzt muss ernsthaft sein. Aber was passiert? Wegen des Zögerns und Zauderns verkommt die Geste des Staates zu einer billigen Kontroverse um den richtigen Zeitpunkt.“

Sklaven bekommen keine Entschädigung

Anton de Kom, der als linker Aktivist aus Surinam nach Holland verwiesen wurde, hat in seinem Buch „Wir Sklaven von Surinam“ schon 1934 die Strukturen der Sklaverei in den einstigen Kolonien seziert. Das Buch wurde in den Niederlanden umgehend verboten, de Kom während des Zweiten Weltkriegs von der deutschen Wehrmacht ins KZ verschleppt, wo er 1945 umkam. Mitchell Esajas von den „Black Archives“ in Amsterdam hat das Buch vor zwei Jahren neu herausgebracht. Gerade begleitete er Ministerin Kaag zu ihrer Vermittlungsreise nach Surinam. Er notiert: „Wir erinnern uns an die 16 Millionen Gulden, die Holland den wenigen Sklavenbaronen gab. Aber die Sklaven und jetzigen Freien bekamen keinen Cent. Ihre einzige Belohnung sind die Arbeitslosigkeit, das Elend und der Hunger.“

Niederlande will kein Entschädigungsfonds für Sklaverei einrichten

Auch anderthalb Jahrhunderte nach dem Ende der Sklaverei in den Niederlanden möchte Rutte keinen Entschädigungsfonds einrichten. Angedacht sind stattdessen rund 200 Millionen Euro für Erinnerungsarbeit. Die aber ist nicht einfach. Roger van Boxtel bekundete 2001 als niederländischer Integrationsminister auf einer UN-Konferenz in Südafrika das „tiefe Bedauern für die Rolle der Niederlande in Sklaverei und Sklavenhandel“. In der Heimat löste das eine heftige Debatte aus. Geht es um Bedauern oder um Entschuldigung? Und welche juristischen Konsequenzen hat das? Bedauern ist moralisch und rechtlich folgenlos; eine Entschuldigung aber ist ein Schuldeingeständnis und auch juristisch bindend.

Van Boxtel erinnert sich nun im Rückblick an die Vorbereitung für seine Rede vor 20 Jahren. Er blätterte damals auch in seinen eigenen alten Schulbüchern. Zur niederländischen Rolle bei der Sklaverei fanden sich nicht mehr als fünf Zeilen darin. Ein bisschen mehr dürften es künftig werden. Selbst wenn Mark Rutte seine Erklärung verdrucksen sollte. (Peter Riesbeck)

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