1. Startseite
  2. Politik

Putins Jahr endet mit vielen Niederlagen

Erstellt:

Von: Nadja Austel

Kommentare

Für Wladimir Putin endet das Jahr 2022 nicht, wie er es erwartet hatte, sondern mit weiteren Rückschlägen für Russland. Die Wurzel des Übels: der Ukraine-Krieg.

Moskau – Wladimir Putin hatte einen Plan: Die Ukraine mit einer militärischen „Spezialoperation“ von ihrem vermeintlichen „Nazi-Regime“ befreien. Oder anders ausgedrückt: Am 24. Februar 2022 marschierte Russland in das Nachbarland ein – der Start des noch immer andauernden Ukraine-Kriegs.

In einem TV-Auftritt hatte Putin zu diesem Zeitpunkt noch zuversichtlich verkündet, der Umsturz in der Ukraine werde innerhalb weniger Wochen vonstattengehen. Zum Ende des Kriegsjahres äußerte er sich allerdings einigermaßen pessimistisch: „Natürlich, es kann ein langer Prozess werden“, sagte Putin laut Redaktionsnetzwerk Deutschland (rnd) bei einer Konferenz Anfang Dezember.

Zweifel an Putins Armee: Verluste im Ukraine-Krieg

Es ist unbestreitbar, dass Putins Krieg gegen die Ukraine weitaus länger andauert, als Moskau es erwartet hatte. Der enorme Widerstand aus Kiew unter Präsident Wolodymyr Selenskyj und die Verluste aufseiten der russischen Armee lassen sowohl unter politischen Beobachter:innen als auch in der russischen Bevölkerung Zweifel daran aufkommen, ob ein militärischer Sieg Putins in der Ukraine überhaupt möglich ist – und wenn ja, zu welchem Preis.

Der Zukauf iranischer Kampfdrohnen und die Stationierung russischer Soldaten und militärischer Ausrüstung in Belarus können Hinweise darauf geben, wie es um Putins Armee steht. Auf belarussischem Gebiet werden zudem regelmäßig gemeinsame Übungen der Truppen beider Länder abgehalten. Daher wird auch nach wie vor darüber gemutmaßt, ob ein belarussischer Einstieg in den Konflikt wahrscheinlich – und aus russischer Sicht nötig – ist. Der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko gilt als einer der wichtigsten Verbündeten Putins.

Wladimir Putin, hier bei einem Gottesdienst in Moskau, muss im Ukraine-Krieg herbe Verluste einstecken.
Wladimir Putin muss im Ukraine-Krieg herbe Verluste einstecken. (Archivbild) © Sergei Fadeichev/imago

Alle Strategien Putins im Ukraine-Krieg scheitern – Russland in Aufruhr

Im Dezember gab es ein weiteres mögliches Zeichen dafür, wie schlecht der Krieg für Russland läuft. Putin sagte seine alljährliche Pressekonferenz zum Ende des Jahres ab. Die Absage der Veranstaltung – das erste Mal seit zehn Jahren – führte zu Spekulationen darüber, ob der Staatschef nicht mit heiklen Fragen der Reporter:innen zum Krieg in der Ukraine konfrontiert werden sollte. Während von russischer Seite Berichte über angeblich unbegrenzte Munitionsvorräte publiziert werden, sieht John Spencer, pensionierter Major der US-Armee, alle militärischen Strategien Russlands als gescheitert an.

Auch nehmen Meldungen von „massenhaft“ desertierenden russischen Kämpfern zu. Die Bevölkerung in Russland äußert laut einer Studie im vergangenen Jahr in russischen Medien und sozialen Netzwerken mehr als doppelt so viel Angst und Besorgnis wie zuvor – wegen des Krieges in der Ukraine. Moskaus ehemaliger Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt hat die jüdische Gemeinde in Russland nun sogar zur Flucht aufgerufen und warnt vor einem „zunehmenden Antisemitismus“.

Putin verliert durch Ukraine-Krieg wichtige Verbündete: China auf Distanz

Putin ist in seiner jetzigen Lage nach Einschätzung eines Berichts der Washington Post isolierter denn je. Über 300 Tage Krieg gegen die Ukraine hätten demnach die jahrzehntelang sorgfältig gepflegten wirtschaftlichen Beziehungen Russlands zum Westen zerstört. Gleichzeitig geraten die Bemühungen des Kremls, diese Beziehungen durch eine engere Zusammenarbeit mit Indien und China zu ersetzen, ins Stocken.

Der Präsident „spürt den Verlust seiner Freunde“, zitiert die Washington Post einen russischen Staatsbeamten mit engen Verbindungen zu diplomatischen Kreisen. Die Autorität des Kremls werde zudem insgesamt immer schwächer. So habe etwa der chinesische Präsident Xi Jinping bei einer Videokonferenz mit Putin zwar eingeräumt, die strategische Zusammenarbeit verbessern zu wollen. Jedoch fügte er hinzu, dass die internationale Lage kompliziert und sehr kontrovers sei. Bereits im September hatte Xi „Besorgnis“ bezüglich des Ukraine-Krieges geäußert.

Putin erntet für Ukraine-Krieg offene Kritik von Indien und Ex-Sowjet-Staat

Indien äußerte im Dezember auf indirekte, jedoch unmissverständliche Weise, Kritik am Ukraine-Krieg. In einem Gastbeitrag für die russische Zeitung Kommersant forderte Premierminister Narendra Modi das Ende der „Epoche des Krieges“. Er kritisierte dabei insbesondere den Kampf um „Territorien oder Ressourcen“.

Seiner ausländischen Verbündeten kann sich Putin auch in den „eignen“ Reihen der Postsowjetunion offenbar nicht mehr sicher sein. Das zeigte sich unlängst bei einem Gipfeltreffen sechs ehemaliger Sowjetstaaten im November, wie Newsweek berichtet. Bei der Konferenz des Militärbündnisses OVKS (Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit), das unter russischer Leitung steht, habe Armenien offen Kritik an dem Bündnis geäußert und sich geweigert, eine Gipfelerklärung zu unterzeichnen.

Russische Elite durch Ukraine-Krieg von Putin entfernt

Auch die inländischen eigenen Reihen sind laut Washington Post nicht mehr zu 100 Prozent mit der Führung von Russland einverstanden. Es zeichne sich eine Kluft zwischen Putin und einem Großteil der Elite des Landes ab, wie Interviews mit russischen Ökonomen, Beamten und Analysten zeigten. Die zunehmende Spaltung stellt für Putin ein weiteres Risiko auf dem Weg ins Jahr 2023 dar, dem letzten Jahr vor den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2024.

In einem Interview mit der russischen Tageszeitung RBK etwa stellte Michail Zadornow, Vorsitzender einer der größten Banken in Russland, fest: „Im Großen und Ganzen wissen die Mitglieder der russischen Wirtschaftselite, dass dies nicht gut ausgehen wird“. Die wachsende Distanz ist öffentlich sichtbar: Sein jährliches Silvestertreffen mit den Milliardären des Landes sagte Putin ab – offiziell wurde dies mit Infektionsrisiken begründet.

Putin könnte mit dem Ukraine-Krieg „Sargnagel“ ins russische Reich getrieben haben

Etwas Gutes könnte dem Übel allerdings doch entspringen: Der Ukraine-Krieg könnte der „Sargnagel“ für Putins Reich sein, sagte der in Moskau geborene Wirtschaftswissenschaftler Michael Alexeev in einem Interview mit der Kyiv Post. Der Krieg sei „monströs“ und ein „Fehler für alle Beteiligten“, könne aber langfristig positive Auswirkungen für die Ukraine haben – indem Russland einen großen Teil seiner globalen Macht verliert. „Das einzig Positive, das mir zu diesem Krieg einfällt, ist, dass er vielleicht endlich den Nagel in den Sarg der Idee des russischen Imperiums schlägt“, so Alexeev. „Vielleicht wird es endlich ein normales Land.“ (na)

Auch interessant

Kommentare