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Nichts Neues bei Merkel auf Youtube

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Von: Steven Geyer

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Von links: Lisa Sophie, Mirko Drotschmann, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Ischtar Isik, Moderatorin Lisa Ruhfus und Alexander Böhm.
Von links: Lisa Sophie, Mirko Drotschmann, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Ischtar Isik, Moderatorin Lisa Ruhfus und Alexander Böhm. © Wolfgang Kumm (dpa)

Die Überraschung war, dass es keine Überraschung gab - das Gespräch von Kanzlerin Angela Merkel mit Youtube-Stars erinnerte an ein ZDF-Sommerinterview.

Da draußen, wie man im Internet gern mal sagt oder schreibt, kursieren offenbar etliche veraltetete Vorurteile. Zum Beispiel, dass Politiker-Interviews frischer oder zumindest jugendgerechter werden, wenn man die Politiker mal mit jüngeren Fragestellern quält.

Oder, apropos jugendgerecht, dass man als Politiker irgendwas im Internet machen muss, wenn man junge Wähler erreichen will, weil ja das Internet so’n Ding für junge Leute ist. Oder auch, dass man die Bundeskanzlerin mal so richtig aus der Reserve lockt, wenn ihr ganz normale Bürger mal Fragen stellen dürfen.

Um es vorweg zu nehmen: Das Internet-Event, das auf diesen Vorurteilen aufgebaut war und das an diesem Mittwoch von bis zu 56.000 Nutzern der Video-Plattform YouTube live verfolgt wurde, widerlegte alle diese Thesen. Jüngere Fragesteller spielen auch nur die Profi-Journalisten nach, die sie aus dem altmodischen Fernsehen kennen. Die Internet-Gemeinde interessieren am Ende dieselben Fragen wie den Zeitungsleser. Und mit ganz normalen Wählern kann Angela Merkel sogar ziemlich gut, zumal auch die sie längst nicht mehr mit unerwarteten Fragen überraschen.

So kam in der guten Stunde am frühen Nachmittag, in der vier prominente und eher jugendliche Youtube-Stars nacheinander ihre ganz persönlichen und – wie einer von ihnen vorab betonte „vorher nicht abgesegnete Fragen“ – an Merkel richten konnten, am Ende ein solides  ZDF-Sommerinterview heraus.

Eine neue Facette entlockten Technikexperte „AlexiBexi“, Modefachfrau Ischtar Isik, Nachrichtenerklärer „MrWissen2go“ und Alltagsbloggerin Lisa „ItsColeslaw“Sophie der Kanzlerin nicht, eine Neuigkeit auch nicht. Und selbst, dass Merkel ihre bekannten Äußerungen zu  Themen wie sozialer Gerechtigkeit, Flüchtlingskrise oder Homo-Ehe via Youtube zumindest einer neuen Zielgruppe übermitteln konnte, darf bezweifelt werden.

Dafür sprachen jedenfalls die Fragekomplexe, die zwar nicht abgesegnet, aber offensichtlich vorab einstudiert und  von der Produktionsfirma Studio71 mit aufwendigen Einspielfilmchen eingeleitet wurden. Lisa Sophie muss das Eis allen Ernstes mit der Einstiegsfrage brechen, wie Merkel die Schere zwischen Arm und Reich schließen will. Die beruft sich auf niedrige Arbeitslosenzahlen und Mindestlohn.

Kurz wird es sympathisch, als die Fragerin nach abstrakten Fragen zur Bildungspolitik über ihre eigenen Erfahrungen beim Abitur spricht. Unfair sei doch zum Beispiel, dass sie in Bayern viel höhere Anforderungen habe erfüllen müssen als die Schüler anderso.

„Seien Sie doch froh, dass es streng war“, pariert Merkel, „vielleicht hilft Ihnen das ja später.“ Ab und zu fühlt sich zumindest die Kanzlerin verpflichtet, dem besonderen Veranstaltungsort „Internet“ gerecht zu werden  – und fügt den drei wichtigsten Sachen, die man in der Schule lernen müsse (danach hatte Lisa Sophie gefragt), nach „Rechnen, Schreiben, Lesen“ flugs an: „Und dann vielleicht  Programmieren.“

Merkels Lieblings-Emoji

Und im Anschlussgespräch mit „AlexiBexi“, der sich vorgenommen hatte, sich durch  Merkels Standardantworten zum Dieselskandal und zum Netzausbau zu quälen, verrät sie immerhin ihre Lieblings-Emojis: „Der Smily“, sagt sie, nun selbst lächelnd, „und wenn’s besonders gut geht, auch mal mit Herzchen dran. Und wenn’s nicht so gut geht, auch  mal die Schnute.“

Das ist immerhin neu und angesichts der zentralen Bedeutung des Kanzlerhandys in Merkels täglicher Kommunikation sogar interessant.

In welchem Spannungsfeld die Youtuber stehen, zeigt sich jedoch sogleich in den Reaktionen auf Twitter: „Was interessiert mich, welches Lieblingsemoji Merkel hat“, unkt Userin Keksgöttin. Jemand anders schimpft auf Merkels Antwort, wonach sie sie sich etwa über Facebook und Instagram an die Jugend wende: „Wie wäre es mal mit Inhalten für die Jugend?“

Die Anliegen, die die Videoblogger aus ihren „Communities“ eingesammelt haben, entsprechen allerdings denen der Bundespressekonferenz: Beauty-Bloggerin Isik fragt nach Gleichberechtigung der Frau und „MrWissen2Go“ nach der Angst vor einer Islamisierung. Merkel sagt einmal, dass sie sich auch in der Politik „gegen anzügliche Äußerungen“ einsetze und das andere Mal, dass man mit dem Islam selbstbewusst umgehen kann, weil Recht und Gesetz für alle gelten und wenn die Deutschen ihren eigenen Glauben und Überzeugungen leben.

Nach der Show findet „AlexiBexi“ trotzdem, dass es sowas noch nie im Fernsehen gegeben habe. Und  dass er „das Format als authentische Chance empfindet, etwas zu etablieren, das diesen leidenschaftlichen Ansatz mit sich bringt“. Er sagt das wortwörtlich so. Und das sagt eigentlich auch schon alles.

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