Franziska Giffey (vorn) mit Faduma Korn, 1. Vorsitzende von „Nala – Bildung statt Beschneidung“.
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Franziska Giffey (vorn) mit Faduma Korn, 1. Vorsitzende von „Nala – Bildung statt Beschneidung“.

Genitalverstümmelung

„Nichts kann diesen Schmerz beschreiben“

  • Tobias Peter
    vonTobias Peter
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Familienministerin Franziska Giffey legt neue Zahlen zu weiblicher Genitalverstümmelung vor.

Ich wurde mit sieben Jahren meiner Weiblichkeit beraubt“, sagt Fadumo Korn. In der Steppe Somalias wurde Korn, so berichtet sie es, von zwei Frauen festgehalten. Die weibliche Genitalverstümmelung, die ihr angetan wurde, habe „ohne jegliche Narkose, ohne Vorbereitung“ stattgefunden, sagt sie. „Es gibt kein Wort, das diesen Schmerz beschreiben kann.“

Korn lebt seit 40 Jahren in Deutschland und sie ist die erste Vorsitzende des Vereins „Nala – Bildung statt Beschneidung“. Während sie ihre Geschichte erzählt, steht Korn an der Seite von Familienministerin Franziska Giffey (SPD). Die Ministerin stellt neue Zahlen zu dem Thema vor. Fast 68 000 Frauen, die in Deutschland leben, hätten eine Genitalverstümmelung erleiden müssen, sagt Giffey. Im Vergleich zu Daten, die das Ministerium im Februar 2017 vorgestellt hat, ist dies ein Anstieg von 44 Prozent.

„Weibliche Genitalverstümmelung ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und eine archaische Straftat, die Mädchen und Frauen in ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit und sexuelle Selbstbestimmung verletzt“, sagt Giffey. Die Ministerin führt aus, das Geschehene habe lebenslange physische und psychische Folgen für die Betroffenen

Die meisten betroffenen Frauen stammen aus Eritrea, Somalia, Indonesien, Ägypten und Nigeria. Die deutliche Steigerung der Zahl der betroffenen Frauen lässt sich dadurch erklären, dass mehr Menschen aus Herkunftsländern, in denen weibliche Genitalverstümmelung praktiziert wird, nach Deutschland gekommen sind.

Ein Alarmsignal sieht Giffey insbesondere auch in einer Schätzung, dass zwischen 2800 und fast 15 000 Mädchen in Deutschland von weiblicher Genitalverstümmelung bedroht sind. Da es sich um einen Straftatbestand handelt, habe man es hier mit einer Dunkelfeldforschung zu tun, heißt es seitens des Ministeriums.

Der große Unterschied zwischen den Schätzzahlen erklärt sich demnach so: Im einen Szenario wird davon ausgegangen, dass in der zweiten Zuwanderergeneration aus den entsprechenden Ländern keine weiblichen Genitalverstümmelungen mehr vorgenommen werden. Das andere Szenario ist auf der Annahme aufgebaut, dass dies auch noch in zweiter Generation geschieht. Die Erhebung sei im Auftrag des Ministeriums nach einer vom Europäischen Institut für Gleichstellungsfragen entwickelten Methodik erstellt worden, hieß es.

Giffey weist darauf hin, viele sprachliche Bezeichnungen in den Kulturen spiegelten vor, den Mädchen widerfahre etwas vermeintlich Gutes. Da sei vom „Saubermachen“ die Rede oder von einem „Schritt ins Frausein“. Die Ministerin sagt, es sei weitere Aufklärung nötig, um solchen Mythen entgegenzutreten – auch mit Hilfe von Multiplikatoren mit dem entsprechenden kulturellen Hintergrund. Giffey hebt zudem hervor, dass das Thema seit Anfang des Jahres auch in der Ausbildung von Hebammen verankert sei.

„Das ist direkt unter uns“

Die SPD-Politikerin betont, Täterinnen und Täter könnten auch belangt werden, wenn die Tat im Ausland stattgefunden habe. Zudem bestehe die Möglichkeit des Passentzugs, wenn eine Person eine weibliche Beschneidung im Ausland plane. Gerade vor Ferienbeginn müsse pädagogisches Personal für dieses Thema sensibel sein. Giffey sagt, sie wisse nicht zuletzt aus ihrer Zeit als Bezirksbürgermeisterin in Berlin-Neukölln: „Das alles ist direkt unter uns.“

Fadumo Korn, die Vorsitzende des Vereins Nala – übersetzt heißt das „die Löwin“ –, sagt, sie habe die Genitalverstümmelung überlebt, weil sie eine Mission habe. Die Tradition sei noch immer mächtig. „Es ist wichtig, für die zu kämpfen, die keine Stimme haben.“

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