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Keine Versorgung mehr: Eine ältere Frau vor einem durch das Erdbeben zerstörten Krankenhaus in Fleurant.
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Keine Versorgung mehr: Eine ältere Frau vor einem durch das Erdbeben zerstörten Krankenhaus in Fleurant.

Fachleute üben Kritik

Erdbeben in Haiti: Nichts gelernt, nichts getan

  • Klaus Ehringfeld
    VonKlaus Ehringfeld
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Fachleute kritisieren: Haiti hat keine Lehren aus dem Beben von 2010 gezogen. Das neuerliche Unglück trifft den Karibikstaat erneut ungehindert hart.

Les Cayes – Mit Entsetzen haben die Menschen in Haiti am Wochenende auf den Südwesten ihres Landes geschaut und die Zerstörungen gesehen, die das Beben der Stärke 7,2 verursachte. Mindestens 1941 Menschen kamen ums Leben, mehr als 9900 Menschen sind verletzt, rund 60.000 Häuser sind zerstört, mehr als 76.000 beschädigt.

Es ist, als wiederhole sich 2010, sagt Arnold Antonin, Filmemacher und Aktivist der Zivilgesellschaft, der sich seit vielen Jahren für ein erdbebensicheres Haiti einsetzt. „Ich bin schockiert, aber ich habe nichts anders erwartet.“ Haiti sei noch verletzlicher als vor elf Jahren, es wurde alles versäumt, was die Zivilgesellschaft und Fachleute nach dem Jahrhundertbeben empfohlen haben. „Kein Umweltschutz, keine bessere Bauplanung, gar nichts“, sagt Antonin im Gespräch. Am Nachmittag des 12. Januar 2010 wurden in nur 37 Sekunden weite Teile der haitianischen Drei-Millionen-Hauptstadt durch ein Erdbeben pulverisiert, 220.000 Menschen starben, 2,3 Millionen Haitianerinnen und Haitianer wurden obdachlos.

Erdbeben im Karibikstaat Haiti: Krankenhäuser sind „völlig überfordert“

Aus dem dieses Mal sicheren Port-au-Prince schaut dieser Tage auch die Menschenrechtsaktivistin Rosy Auguste in den Südwesten und auch bei ihr kommen die traurigen Erinnerungen an das, was damals passierte, zurück. „Noch immer ist die Regierung nicht in der Lage, schnell und effektiv Hilfe zu leisten, weil alles aus der Hauptstadt organisiert wird“, sagt die Anwältin. „Die versprochene Dezentralisierung ist ausgeblieben, ebenso wie der Aufbau einer sanitären Infrastruktur“, sagt sie der FR. „Die Krankenhäuser in den betroffenen Departements im Südwesten sind völlig überfordert.“

Das karibische Armenhaus Haiti sei nicht nur wegen seiner geografischen Lage sehr gefährdet für Naturkatastrophen wie Erdbeben und jetzt gerade wieder einen Hurrikan. Aber auch Umweltsünden wie die Abholzung der Wälder und die fehlende Infrastruktur tragen dazu bei. „Hinzu kommt das politische Chaos“, sagt Auguste und nennt vor allem den Mord an Präsident Jovenel Moïse vor gut einem Monat und das nicht funktionierende Parlament. All das habe zu einem temporären Machtvakuum geführt.

So bleibt Haiti ein internationaler Sozialfall, der seine Dramen und Krisen nicht ohne die Hilfe der zahlreichen kirchlichen, staatlichen und nichtstaatlichen Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt lösen kann. Am Dienstag gab die Europäische Union drei Millionen Euro Soforthilfe für Haiti frei. Um die schnelle Wirksamkeit der Hilfe zu gewährleisten, sollten die Mittel an in dem Karibikstaat tätige Hilfsorganisationen verteilt werden, kündigte die EU-Kommission an. Die Hilfen sollen vor allem für die Ausstattung der Krankenhäuser, die Trinkwasserversorgung und Notunterkünfte verwendet werden.

Das Wasser wird knapp

Vier Tage nach dem schweren Beben wird trotz anhaltender Regenfälle in Teilen des Landes das Trinkwasser knapp. Die Regierung verhängte in den vier vom Erdbeben stark betroffenen Provinzen für einen Monat den Ausnahmezustand.

Die Behörden riefen die Menschen zu höchster Vorsicht auf, da beschädigte Häuser durch die aktuell starken Regenfälle zum Einsturz gebracht werden könnten. Innerhalb von 48 Stunden konnten 34 Überlebende aus den Trümmern geborgen werden. afp

Erdbeben in Haiti: Hilfsgelder internationaler Organisationen kommt nicht komplett an

Dabei war gerade nach 2010 die Kritik am „NGO-Staat“ Haiti riesig, als die globalen Helferinnen und Helfer und ihre Organisationen faktisch jede Unterstützung allein koordinierten, was hinterher zu massiver Kritik seitens der haitianischen Politik und Gesellschaft führte. Allerdings sei daran erinnert, dass der damalige Präsident René Préval nach dem Beben für mehrere Tage unauffindbar blieb und Haiti im wörtlichen und übertragenen Sinne ohne Führung dastand.

Aber zur Wahrheit gehört auch, dass damals 13 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern für den Wiederaufbau des Inselstaates von ausländischen Regierungen und internationalen Organisationen versprochen, aber nur weniger als die Hälfte ausgezahlt wurde. Vieles davon floss zudem in die Taschen korrupter Menschen.

Der noch sehr frische Premierminister Ariel Henry ist jetzt immerhin präsent und versucht so gut es geht die Hilfe zu organisieren und den Eindruck zu erwecken, als sei der Staat zumindest aktiv, auch wenn ihm die politischen und wirtschaftlichen Mittel fehlen. Henry verspricht, „die Energien zu verzehnfachen“, um möglichst viel Leben zu retten.

Nach Erdbeben in Haiti: Wiederaufbau sollte „nachhaltig, gerecht und erdbebensicher“ ablaufen

Menschenrechtsaktivistin Auguste kann angesichts dieses Versprechens nur den Kopf schütteln. Denn gerade die drei vom Beben betroffenen Departements liegen auf der Halbinsel Tiburon, die durch Bandengewalt praktisch vom Rest des Landes abgeschnitten ist. Der Südausgang von Port-au-Prince werde in Martissant von den bewaffneten und brutalen Banden kontrolliert, die niemanden durchließen, Wegzoll kassierten oder die Hilfsgüter an sich rissen. So könne den betroffenen Menschen eigentlich nur aus der Luft geholfen werden.

Erdbeben in Haiti.

Arnold Antonin denkt schon einen Schritt weiter. Er macht sich erneut vehement dafür stark, die zerstörten Regionen im Südwesten „nachhaltig, gerecht, ökologisch und erdbebensicher“, aufzubauen. Der Filmemacher, der zugleich eine der wichtigsten Stimmen der haitianischen Zivilgesellschaft ist, hat aber wenig Hoffnung: Damals war das Jahrhundertbeben auch eine Jahrhundertchance, das chaotische Land neu zu denken und zu konstruieren.

„Haiti hätte sozialen Wohnungsbau gebraucht. Bekommen hat es stattdessen architektonische Anarchie und Verslumung.“ Antonin ist sich sicher: Würde die Hauptstadtregion heute noch einmal von einem Beben getroffen, würden noch mehr Menschen sterben als damals ums Leben kamen. (Klaus Ehringfeld)

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