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Migranten aus Myanmar schuften in Thailand auf einem Fischerboot.

Arbeitsmigration

Nichts geht ohne Fischer aus Myanmar

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  • Johannes Dieterich
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In vielen Teilen der Welt leben Arbeitsmigranten in prekären Lagen - Beispiele aus Thailand, Israel, Russland und Südafrika.

Den schummrigen Billardhallen am Fischereihafen von Paknamlangsuan, Thailand, fehlen oft die Kunden. Denn von den eigentlich rund 5000 bis 6000 Wanderarbeitern aus dem benachbarten Myanmar, die in der Kleinstadt seit Jahren zur Stammbesatzung der Kutter gehören, harren derzeit nur noch schätzungsweise 2000 in den einfachen Unterkünften entlang des Flusses aus. „Wer keine legalen Papiere hatte, ist zurückgekehrt“, sagt Muu, die 19-jährige Mutter eines drei Jahre alten Jungen. 

Rund ein Drittel der auf drei Millionen geschätzten Wanderarbeiter aus Myanmar, die seit Jahren die bei Thailändern ungeliebten Jobs erledigen, mussten Mitte des Jahres heimkehren. Das Militärregime in Bangkok versucht, die Lage der Migranten zu regulieren. „Mir gefallen die Generäle, jetzt gibt es wenigsten klare Regeln“, sagt ein Mann, der am Hafen gerade Fischnetze repariert. 

Es ist eine verkehrte Welt in Südostasien: Myanmar, das seit einigen Jahren eine demokratische Öffnung absolviert, gilt den Bewohnern wegen der Hungerlöhne als Arbeitshölle. Dagegen erscheint Thailand vielen mit einem Mindestlohn von 300 Baht (etwas mehr als acht Euro täglich) weiter als Paradies. Dabei werden die Myanmarer von vielen Thailändern missachtet und schikaniert. Misshandlungen sind an der Tagesordnung, die Arbeitsbedingungen sind mies. Doch ohne die eifrigen Migranten aus dem Nachbarland würde die Wirtschaft des Königreichs ordentlich in den Keller gehen. 

Experten glauben, dass die Wanderarbeiter, die jährlich etwa 300 Millionen Euro nach Hause schicken, zwischen fünf und sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukt Thailands beitragen. 

Vor allem die Fischerei und die Verarbeitungsindustrie von Meeresprodukten dürfte ohne die Migranten komplett zum Stillstand kommen. 

Israel: Harte Bedingungen für „Filipinas“

In Israel gibt es rund 60 000 Arbeitsmigranten, mehr als die Hälfte von ihnen kommt aus den Philippinen; Frauen, die fast ausschließlich in der Pflege arbeiten. Sie haben kein Recht auf Staatsbürgerschaft oder festen Wohnsitz, der offizielle Aufenthaltsstatus lautet: „Besucher“. 

Fünf Jahre und drei Monate dürfen sie sich im Land aufhalten. Die Vermittlungsgebühr – 8316 Dollar – müssen sie selbst zahlen, das Brutto-Monatsgehalt beträgt 1374 Dollar. Das entspricht ungefähr dem israelischen Mindestlohn, allerdings müssen „Filipinas“, wie sie in Israel heißen, rund um die Uhr einsatzbereit sein und dürfen sich als einzige Beschäftigungsgruppe im Land nicht auf das Gesetz zur Regelung der Arbeitszeit berufen.

Auch die anderen Bestimmungen sind streng: Bindung an einen bestimmten Bezirk, kein Nachzug von Familienangehörigen. Wer heiratet, wird mit Visaentzug bestraft. Nur Kinderbekommen ist inzwischen erlaubt. Bis 2011 wurden schwangere „Filipinas“ unverzüglich abgeschoben. Eine Besserung der Bedingungen ist nicht in Sicht: Die Nationalreligiösen der Likud- und Schas-Partei sehen die zumeist katholischen Frauen als Bedrohung für den jüdischen Staat an. 

Russland:  „Gastarbeiter“ ohne Rechtsschutz

Die mehr als zehn Millionen Arbeitsmigranten in Russland kommen meist aus Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan in Zentralasien. Die „Gastarbeiter“, wie sie der Volksmund ironisch nennt, arbeiten auf dem Bau, als Taxifahrer, fegen Straßen, frisieren oder putzen. Die fleißigen und billigen Arbeitskräfte verdrängen auch schon russische Kellner aus Moskauer Mittelklasse-Cafés.

Dabei laufen gerade Bauarbeiter Gefahr, um ihren Lohn geprellt zu werden. Viele wagen es nicht, zur Polizei zu gehen, weil sie dort riskieren, wegen falscher oder vermeintlich falscher Aufenthaltspapiere belangt zu werden. 

Und Polizisten in der Moskauer Metro kontrollieren mit Vorliebe Passanten, die „nicht europäisch“ aussehen. Sie sind zwar nicht visapflichtig, aber außer Pass und Arbeitserlaubnis müssen sie ständig Einwanderungskärtchen sowie einen Meldebescheid dabei haben, um Festnahmen zu vermeiden.

Aber auch „Gastarbeiter“ mit gültigen Aufenthaltsgenehmigungen genießen nur wenig Rechtssicherheit. Immer wieder werden auch sie wegen Ordnungswidrigkeiten wie Rauchen auf der Straße oder falschem Parken aus Russland deportiert, viel häufiger retten sie ihren rechtlichen Status mit Schmiergeld in Höhe von mehreren Hundert Euro.

Aufgrund der Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre wächst zudem bei ärmeren Russen die eigentlich stark gesunkene Xenophobie wieder – und die Zahl der Gewalttätigkeiten gegen Asiaten. Nach Angaben der Rechtsschutzgruppe Sowa wurden bei rassistischen Angriffen in den ersten elf Monaten 2018 vier Menschen getötet und 48 verletzt. 

Südafrika: Hohe Hürden für die Nachbarn

Ihre Zahl kennt keiner so genau. Schätzungen zufolge leben eine bis vier Millionen Simbabwer in Südafrika, die Wahrheit dürfte wohl bei zwei Millionen liegen. Zigtausende von ihnen kamen schon vor Jahrzehnten zur Arbeit in den Minen ins Nachbarland, doch die meisten machten 
sich nach dem wirtschaftlichen Kollaps Simbabwes in Folge der katastrophalen Politik Robert Mugabes nach der Jahrtausendwende auf den Weg über die Grenze.

Ein Teil von ihnen spricht Ndebele, was fast identisch mit Zulu ist: Sie fühlen sich in Südafrika deshalb schnell zu Hause. Im Umgang mit der Bürokratie hilft ihnen das allerdings nichts: Weil sie ohne die richtigen Papiere im Land sind, können sie die staatliche Gesundheitsversorgung, Altersrente, Kindergeld und Schulen eigentlich nicht in Anspruch nehmen. Einst mussten die Nachbarn wie alle anderen Flüchtlinge in Südafrika Asyl beantragen.

Doch angesichts  ihrer bloßen Zahl brach das Asyl-verfahren zusammen. Deshalb führte Pretoria 2010 eine Ausnahmeregelung für Simbabwer ein. Diese gilt allerdings nur für vier Jahre und konnte lediglich von 300.000 Migranten in Anspruch genommen werden, denn eine ihrer Voraussetzungen ist der Nachweis einer Beschäftigung. 

Die meisten Simbabwer müssen sich deshalb weiter durch den Alltag mogeln: mit gefälschtem Personalausweis oder Schmiergeld für die Ordnungshüter. Gelegentlichen Abschiebungen folgt alsbald eine Wiedereinreise über die grüne Grenze. 

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