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"Nicht reden - gleich schießen"

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Ulrike Meinhof und Baader seit Mai 1970 flüchtig

Die von der Polizei im gesamten Bundesgebiet und im Ausland gesuchte ehemalige 'konkret'-Kolumnistin Ulrike Meinhof und der am 14. Mai vergangenen Jahres bei einer Aktion im 'Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen' in Berlin-Dahlem befreite Frankfurter Kaufhaus-Brandstifter Andreas Baader haben sich möglicherweise in den vergangenen Tagen in Frankfurt aufgehalten. Darauf deutet der mißlungene Versuch der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamts hin, im Frankfurter Westend die Schwester des ebenfalls als Kaufhaus-Brandstifter verurteilten Thorwald Proll, Astrid Proll, und ihren Begleiter Jan Carl Raspe festzunehmen. Seit am 3. April 1968 in den beiden Frankfurter Kaufhäusern Schneider und Kaufhof vorsätzlich Brandsätze gelegt worden waren und die vier Beteiligten Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Thorwald Proll und Horst Söhnlein zu je drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden waren, haben die Zwischenfälle nie aufgehört.

Nachdem der hessische Justizminister Karl Hemfler das Gnadengesuch der vier Verurteilten abgelehnt hatte, verschwanden alle vier vor Antritt ihrer Strafen.

An der Befreiungsaktion des 27jährigen Andreas Baader in Berlin-Dahlem sind nach Ansicht der Berliner Staatsanwaltschaft die ehemalige Kolumnistin Ulrike Meinhof und der frühere Berliner APO-Anwalt Horst Mahler beteiligt gewesen. Nach der Befreiungsaktion, bei der drei Menschen verletzt worden waren, tauchten Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Horst Mahler und die ebenfalls an der Frankfurter Kaufhaus-Brandstiftung beteiligte Gudrun Ensslin im Juni des vergangenen Jahres in Beirut auf.

Daß Meinhof, Baader und möglicherweise auch Gudrun Ensslin jedoch inzwischen wieder in die Bundesrepublik zurückgekehrt sind, läßt sich auch daraus schließen, daß der 34jährige Berliner Rechtsanwalt Horst Mahler am 8. Oktober 1970 in einem Mietshaus in der Knesebeckstraße 89 in Berlin-Charlottenburg festgenommen wurde.

Die Vermutung, daß sich Ulrike Meinhof und Andreas Baader möglicherweise in Frankfurt aufhalten oder zumindest aufgehalten haben, stützt sich vor allem auf die Tatsache, daß bei der versuchten Festnahme im Frankfurter Westend rücksichtslos von der Waffe Gebrauch gemacht wurde. Ulrike Meinhof hatte vier Wochen nach der Befreiung Baaders bei einem Interview mit einer französischen Journalistin in einer Wohnung in West-Berlin erklärt: Es sei falsch, mit Polizisten überhaupt zu reden, und natürlich könne auf Polizisten geschossen werden. Das System müsse rücksichtslos bekämpft werden. Das gelte besonders für die Polizei.

FR vom 12. Februar 1971

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