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Selbst der Himmel weint in Beslan, als die Opfer des Geiseldramas beigesetzt werden.

Nicht im "Namen des Islam"

Arabische Meinungsmacher distanzieren sich so klar wie selten von der Geiselnahme in Beslan wie von Entführungen in Irak

Von MICHAEL LÜDERS

Selten haben arabische Medien und Kommentatoren islamistischen Terror so klar und deutlich verurteilt wie die Geiselnahme in Beslan. Wohl auch deswegen, weil Terror und Gewalt im Namen des Islam mittlerweile ein solches Ausmaß angenommen haben, dass die Muslime insgesamt befürchten müssen, nur noch im Lichte von Mord und Totschlag wahrgenommen zu werden. Dieses gleichermaßen kulturelle wie politische Unbehagen führt zu einer scharfen Abgrenzung von islamistischen Gewalttätern, die auch in den arabischen Ländern selbst, von Riad bis Casablanca, immer wieder Menschen in den Tod reißen.

Das Maß ist voll - so lautet der Tenor der Meinungsmacher. Terror könne Politik nicht ersetzen, schreibt auch Abd al-Wahhab Badrachan im Leitartikel der wichtigsten arabischen Zeitung Al-Hayat. Den Ägypter schmerzen "die herzzerreißenden Bilder aus Beslan, die die Welt in Atem hielten". Ursache der dramatischen Ereignisse sei "ein Land namens Tschetschenien, das in die Knie zu zwingen Russland nach Kräften bemüht ist." Moskau wolle alle Aufmerksamkeit allein auf die Grausamkeit und Heimtücke der Geiselnehmer lenken, um die Manipulationen bei den Wahlen in Tschetschenien vergessen zu machen. Die russische Führung folge ausschließlich einer militärischen Logik, und die Welt "hüllt sich in Schweigen. Leider verweigert sich Moskau der Einsicht, dass es einen Zusammenhang zwischen seiner Politik der Unterdrückung in Tschetschenien und einer immer schlechter werdenden Sicherheitslage gibt", wie die zahlreichen Terroranschläge der jüngsten Zeit in Russland bewiesen.

Der Leitartikler Badrachan verweist auf die Erfahrung des libanesischen Bürgerkrieges in den achtziger Jahren, als Syrien, ähnlich wie Russland heute in Tschetschenien, Libanon seinen Willen aufzwingen wollte, sich am Ende jedoch nicht durchsetzen konnte - auch infolge des Drucks der Vereinten Nationen auf Damaskus nicht. Der Autor plädiert indirekt dafür, Moskau ebenfalls in die Pflicht zu nehmen, nicht zuletzt, um freie Wahlen in Tschetschenien abzuhalten. Die Vereinten Nationen seien kein Allheilmittel, aber ohne Druck von außen werde Moskau keine konstruktive Politik in Tschetschenien verfolgen.

Entführungen feige genannt

Eine weitere Geiselnahme, die zweier französischer Journalisten in Irak, beschäftigt ebenfalls die arabischen Medien - und wird durchweg verurteilt. "Entführungen sind ein feiger Akt und ein Verbrechen, wenn sie im Namen des Islam erfolgen", schreibt etwa die Libanesin Ronda Taki ad-Din im Leitartikel von Al-Hayat. Umso mehr, als der französische Präsident Jacques Chirac "am engagiertesten den Islam in seiner aufgeklärten Form verteidigt und die Probleme der Araber versteht. Frankreich war gegen den Krieg in Irak und fordert im Rahmen der Europäischen Union mit großem Nachdruck, dass die Rechte der Palästinenser anerkannt und die israelische Siedlungspolitik verurteilt werden."

Die Leitartiklerin kritisiert dann die Haltung des irakischen Ministerpräsidenten Ijad Allawi, der süffisant zu erkennen gab, dass die französische Regierung mit der Entführung der beiden Journalisten die Früchte ihrer Irak-Politik ernte. "Was also schwebt Herrn Allawi vor? Will er, dass französische Truppen ebenso im irakischen Sumpf versinken wie die amerikanische Armee?" Obwohl die US-Amerikaner über das modernste Kriegsgerät verfügten, seien sie nicht in der Lage, für Ruhe und Ordnung in Irak zu sorgen, "wo täglich Unschuldige von bewaffneten Banden und mafiösen Gruppen entführt werden, die im Schatten der Besatzung ungestört ihren Geschäften nachgehen."

Der ägyptische Anthropologe Ahmed Abu Zayd macht sich Gedanken über muslimische Einwanderer in westlichen Industriestaaten. Sie würden vielfach auf Misstrauen und Ablehnung stoßen, weil die westliche Öffentlichkeit die Bilder von Terror und Gewalt aus der arabisch-islamischen Welt bewusst oder unbewusst auf die muslimischen Einwanderer übertrage. Diese neigten dazu, auf die fremden und nicht immer erfreulichen Lebensbedingungen in ihrer neuen Heimat mit Abschottung zu reagieren. Insbesondere das Kopftuch sei in westlichen Gesellschaften ein Symbol der selbst gewählten Isolation muslimischer Einwanderer. Obwohl sie vielfach die Staatsbürgerschaft ihrer neuen Heimat angenommen hätten, stünden sie weiterhin unter dem Verdacht, deren "prägende Kultur" abzulehnen, schreibt Abu Zayd in einem Essay für Al-Hayat. Mit "prägender Kultur" meint er, was vor einigen Jahren in Deutschland als "Leitkultur" diskutiert wurde.

"Prägende Kultur" ja, Diktat nein

Diese "prägende Kultur" nun sei in einer pluralen Gesellschaft ein gegebener und legitimer Bezugsrahmen, der gleichermaßen für die Mehrheitsbevölkerung wie auch für die Minderheiten verbindlich sein müsse, meint Abu Zayd. Davon könne allerdings in den westlichen Ländern nur bedingt die Rede sein, weil die Minderheiten, insbesondere jene arabischer und islamischer Herkunft, zunehmend mit einem Diktat konfrontiert würden. Die Botschaft, som Abu Zayd, laute gewissermaßen: Gebt die religiösen, nationalen und ethnischen Identitäten eurer alten Heimat auf und werdet doch wie wir. Der Fremde werde nicht länger als Bereicherung gesehen, sondern nunmehr als Bedrohung. Darauf allerdings reagierten viele Araber und Muslime ihrerseits mit Angst und Misstrauen - und einer zunehmenden Abgrenzung. Ein Teufelskreis, der ständig neue Konflikte schaffe und die offene Gesellschaft perspektivisch insgesamt infrage stelle.

Dossiers:Tschetschenien - der vergessene Krieg Irak nach dem Krieg Terror gegen den Westen

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