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Alles in Ordnung? Offenbar überzeugen Trumps Worte nicht alle Menschen in den USA – hier vor einer Mall in Los Angeles.

USA

Nicht infiziert, aber angeschlagen

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Die Planlosigkeit von Trumps Krisenpolitik tritt immer deutlicher zutage – und könnte dem US-Präsidenten sogar schaden.

Der Friseur um die Ecke bittet, von einem Besuch abzusehen, wenn man sich nicht total fit fühlt. Der Lieblingsitaliener hat auf Lieferservice umgestellt. Viele Regale der Supermarktketten Trader Joe’s und Whole Foods sind leergeräumt: Auch die USA haben sich in der vergangenen Woche durch die Corona-Pandemie dramatisch verändert. Alle großen Sportveranstaltungen sind abgesagt, viele Museen geschlossen, und mehrere Vorwahlen werden verschoben.

Nur Donald Trump scheint unverändert. „Keine Nation der Welt ist besser vorbereitet als die USA“, protzte der Präsident am vorigen Mittwoch. Nachdem er das Thema anfangs gemieden hatte, scheint er inzwischen seine öffentlichen Auftritte zur Corona-Krise zu genießen. Zwar hatte er ursprünglich behauptet, das Ganze sei ein chinesisches und europäisches Problem, was sich angesichts von inzwischen mehr als 3000 Infizierten und 60 Toten in den USA nicht mehr behaupten lässt. Trotzdem inszeniert Trump seine Auftritte wie bizarre Wahlkampfauftritte. „Es ist unglaublich, was wir erreicht haben“, lobte er sich am Freitag im Rosengarten des Weißen Hauses selbst und rief den nationalen Notstand aus, der Hilfsmittel in Höhe von 50 Milliarden Dollar freisetzen soll. Als sich daraufhin die zuvor eingebrochenen Börsenkurse kurzfristig erholten, trat er am Samstag erneut vor die Presse und schwärmte: „Vielleicht sollte ich fünf Mal am Tag eine Pressekonferenz machen“.

Doch angesichts des rasanten Fortschreitens der Epidemie wirken die Erklärungen zunehmend realitätsfern. Tatsächlich ist der regierungsamtliche Umgang Washingtons mit dem Thema von widersprüchlichen und chaotischen Ad-hoc-Entscheidungen gezeichnet.

Das begann schon im Februar, als die zuständige Behörde im ganzen Land Test-Koffer ausliefern ließ, die sich als unbrauchbar erwiesen und dürfte mit dem abrupten Einreiseverbot für Menschen aus Europa, das am Flughafen von Chicago zu stundenlangen Warteschlangen möglicherweise infizierter Reisender führte, nicht vorbei sein.

Schon am 6. März hatte Trump erklärt: „Jeder, der einen Test braucht, kann ihn bekommen.“ Tatsächlich häufen sich die Berichte von Amerikanern, die trotz dringender Empfehlung ihres Hausarztes keine Chance auf einen Abstrich haben. Die nötigen Test-Sets sind schlicht nicht vorhanden. Das von Trump am Freitag großartig vorgestellte Selbstanalyse-Tool von Google ist eine Fiktion: Der Internetgigant hat nicht einmal sein Pilotprojekt in San Francisco gestartet.

Die Probleme der USA haben mehrere Ursachen: So wird seit langem am Gesundheitswesen gespart, und die städtischen und regionalen Gesundheitsbehörden im Land haben seit 2008 laut New York Times rund ein Viertel ihres Personals verloren. Trump hat außerdem die eigene Pandemie-Abteilung im Weißen Haus aufgelöst und wichtige Experten verloren. Auf der anderen Seite leben in den USA Millionen Menschen ohne Papiere, die sich selbst bei vorhandenen Test-Möglichkeiten kaum bei den Behörden melden dürften. Die Empfehlung, bei Fieber zuhause zu bleiben, klingt zudem für Geringverdiener im Handel oder Gastgewerbe, die meist keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall haben, zynisch.

Zu allem Überfluss regiert im Weißen Haus ein Mann, der mit der Wahrheit auf Kriegsfuß steht, der Wissenschaft misstraut und alleine an seinem persönlichen Erfolg interessiert ist. Mehrfach versprach Trump eine baldige Impfung, obwohl diese nach Aussage seiner Experten frühestens im nächsten Jahr verfügbar sein dürfte. Die organisatorischen Pannen bei der Krisenbekämpfung schiebt er seinem Vorgänger Barack Obama zu.

Nach der Zusammenkunft mit einer brasilianischen Regierungsdelegation, deren Mitglieder anschließend positiv auf das Coronavirus getestet wurden, weigerte sich Trump zunächst tagelang, einen Test vornehmen zu lassen. Am Samstag verkündete er plötzlich, er sei untersucht worden. Nach Angaben seines Leibarztes war das Ergebnis negativ. Gefährlich könnte das Coronavirus dem Präsidenten trotzdem werden. Nach aktuellen Umfragen ist eine Mehrheit der Amerikaner mit seinem Krisenmanagement unzufrieden.

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