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Von den politischen Ereignissen will sie ihr Schreiben freihalten: Zeruya Shalev.

Nur nicht hinschauen

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Die israelische Autorin Zeruya Shalev überlebte einen Anschlag

In Gedanken war Zeruya Shalev schon wieder bei ihrem neuen Buch, als die Wucht der Bombe ihr die Füße von der Straße riss. Und das allererste, was sie empfand, war der Ärger, "jetzt nicht sofort an meinen Computer zurückkehren zu können".

Noch vor den Schmerzen, dem Gefühl der Hilflosigkeit und dem Entsetzen. "Eine kindische Reaktion", sagt Zeruya Shalev von ihrem Bett im Krankenhaus aus und versucht es mit einem selbstironischen Lachen, obwohl ihr Bein noch fürchterlich wehtut. Die israelische Bestsellerautorin, die mit den Romanen Liebesleben und Mann und Frau (Berlin Verlag) auch in Deutschland bekannt geworden ist, will sich nicht unterkriegen lassen. Dabei ist ihr nur allzu bewusst, dass der Heilungsprozess für ihr mehrfach gebrochenes Kniegelenk langwierig sein wird und der eigentliche Schock über das Geschehene "vielleicht erst viel später kommt".

Es ist ein traumatisches Erlebnis, wenn in der unmittelbaren Nachbarschaft ein Selbstmordattentat geschieht. Zeruya Shalev macht diese Erfahrung nicht zum ersten Mal. Der Anschlag vor zwei Jahren auf den Szenetreff "Moment" im eher behäbig bürgerlichen Jerusalemer Stadtteil Rehavia - "mein Lieblingscafe" - ging ihr damals "persönlich besonders nahe". Aber welche Wirkung muss es auf einen haben, wenn es auf der Straße passiert, die man jeden Tag entlang läuft - und wenn man selbst zu den Opfern gehört.

Sie hatte an diesem Donnerstag ihren Sohn wie üblich in die Schule gebracht, wollte anschließend noch etwas in der Apotheke auf der Aza-Street besorgen. Der Linienbus Nummer 19 fuhr gerade an ihr vorbei. Dann plötzlich diese gewaltige Explosion, die auch sie durch die Luft schleuderte und auf den Boden warf. "Neben mir lag ein Mann, auf dessen Bein züngelten kleine Flammen." Sie wollte helfen und konnte sich, selbst blutüberströmt, nicht bewegen. "Ich sagte zu mir, schau nur nicht auf den Bus, das hältst du jetzt nicht aus." Jerusalems Bürger wie sie kennen die schrecklichen Details solcher Szenen, deren bloße Beschreibung das Zumutbare übersteigt. Zeruya Shalev denkt denn auch nicht daran, das eben Erlebte in einem ihrer Bücher zu verarbeiten. Sie sollen weiterhin von den täglichen Tragödien menschlicher Beziehungen handeln, nicht von den politischen. Auch, weil sie immer den Schreibprozess als Genuss empfand, als eine Fluchtmöglichkeit in ihre eigenen psychologischen Welten. Ihre Weigerung, sich die Themen von dem israelisch-palästinensischen Konflikt diktieren zu lassen, entspricht ihrem Widerstand gegen die elenden Verhältnisse.

"Das ist meine Art zu kämpfen", sagt sie. "Ich habe in diesen Jahren der Intifada mit der Bedrohung zu leben gelernt. Ich wusste, dass so etwas passieren konnte, aber das soll mein Denken nicht beeinflussen." Shalev hält sich für "realistisch genug", davon auszugehen, dass es zum Frieden noch ein sehr langer Weg ist. Eine Lösung setze noch so vieles voraus. "Wir Israelis brauchen eine andere Regierung und die Palästinenser auch."

Und ein neues Bewusstsein auf beiden Seiten erfordere ebenso eine Erziehung zum Frieden. Auf den setzt Zeruya Shalev nach wie vor, trotz ihres in mehrstündiger Operation vernagelten und geschienten Knies. "Aber ich weiß, dass Frieden nicht morgen kommt", lautet ihre nicht nur resignative Botschaft aus dem Krankenbett.

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