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Ein Krieg, der zehn Jahre dauern könnte

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Von: Lukas Zigo

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Ukraine-Konflikt - Kiew
Ukrainische Soldaten beziehen Stellung in einem Schützengraben am Stadtrand von Kiew. Die russischen Streitkräfte haben ihre Angriffe auf weitere Städte ausgeweitet. © Emilio Morenatti/AP/dpa

US-Sicherheitsanalystin geht von einem langen Krieg in der Ukraine aus – sofern der Westen mitspielt.

Kiew – Der Ukraine-Konflikt* ist nun schon länger in Gange, als manch einer vor dem Einmarsch der russischen Truppen gedacht hatte. Emily Harding, die stellvertretende Direktorin des Programms für internationale Sicherheit der USA*, geht von einem langen Krieg aus.

Hardings Prognose geht von einem Konflikt aus, der zehn Jahre lang wüten könnte. Für sie ist ein solcher Zeitplan angesichts der Lage in der Ukraine* weder unmöglich noch pessimistisch. Vielmehr sei dies der wahrscheinlichste Weg für die Ukraine, einen Krieg mit Russland* zu gewinnen. Dieser, so setzt sie voraus, ist nur möglich, sofern die Nato-Mitglieder* den Widerstand gegen eine russische Besatzung kontinuierlich unterstützten.

Ukraine-Krieg: Ukrainisches Militär kämpft härter, als von Moskau erwartet

Das ukrainische Militär kämpft dieser Tage hart, um sein Land gegen die russische Aggression zu verteidigen* – härter, als von Moskau erwartet. In den ersten Tagen schossen ukrainische Streitkräfte mehrere russische Hubschrauber und Flugzeuge ab, Bürgersoldaten wehrten Angriffe auf Kiew ab und ukrainische Grenzsoldaten auf der Schlangeninsel im Schwarzen Meer wurden durch ihren Widerstand unter Beschuss zu Helden.

Vereinzelte Berichte von der Front waren zu lesen, wonach russische Truppen dächten, es handele sich nur um eine militärische Übung und dass sie sich weigerten, auf Ukrainerinnen und Ukrainer zu schießen.

US-Analystin: Ukrainisches Militär könnte vor schreckliche Wahl gestellt werden

Harding ist sich sicher, dank ukrainischer Tapferkeit und Moskaus riskanter Angriffsstrategie ist ein schneller Sieg von Russland alles andere als sicher. Sollte es Russland schaffen, einen konventionellen Sieg zu erringen und Kiew in den nächsten Tagen einzunehmen, wird Moskau aller Voraussicht nach versuchen, eine ihr genehme Führung zu installieren und zu behaupten, das neue Regime sei nun für alle Elemente der Staatsmacht verantwortlich.

In Hardings Szenario könnten die ukrainischen Militäreinheiten dann vor eine schreckliche Wahl gestellt werden: Sie könne sich entweder der Marionettenregierung ergeben, ohne zu wissen, ob sie auf einer angeblichen Liste von Ukrainer stehen, die getötet oder gefangen genommen werden sollen; oder aber sie können versuchen, mit Tausenden von anderen Flüchtlingen zu fliehen; oder sie können sich Verstecken und den Kampf als Aufständische fortsetzen.

Ukraine-Krieg: Aufständische könnten viel Unterstützung erhalten

Die Strategie-Expertin sähe die ukrainischen Aufständischen im Vorteil. Sie haben eine Bevölkerung, die mehr als bereit ist, sie zu unterstützen und Weltmächte, die darauf erpicht sind, Moskau einen möglichst hohen Preis für seine Aggression zahlen zu lassen. Wenn sich ein Aufstand entwickelt, sollten die Nato-Mitglieder den Kämpfern entscheidende Unterstützung in Form von Waffen, Ausbildung, sicheren Kommunikationsmitteln und sicheren Zufluchtsorten zukommen lassen.

Sofern Moskaus Kontrolle am Dnjepr endet, könnte dieser Aufstand von einer geschützten Enklave in der Westukraine aus geführt werden. Würde jedoch das ganze Land fallen, müssten die Nato-Mitglieder an den Grenzen der Ukraine sichere Fluchtwege für Menschen und Zugangswege für Waffen schaffen.

Aufstand in der Ukraine könnte den Kriegs-Preis für Putin in die Höhe treiben

Ziel eines solchen Aufstandes wäre es, die Kosten eines Krieges für Putin in die Höhe zu treiben. Dies könnte den Druck innerhalb des Kremls erhöhen, so Harding. In Russland regt sich bereits Widerstand, im ganzen Land finden Proteste statt. Am ersten Tag der Kämpfe gab es mehr verhaftete Demonstranten in Russland als Tote in der Ukraine.

Die Unzufriedenheit der Moskauer Bevölkerung wird mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und der steigenden Zahl russischer Todesopfer weiter zunehmen. Harding geht davon aus, dass Putin mit dem Fortschreiten des Konflikts versuchen wird, sein Marionettenregime zum Gesicht der Kämpfe zu machen. Dabei müsse die internationale Gemeinde sich stets daran erinnern und deutlich machen, dass es die russische Regierung ist, die den Krieg verursacht hat und Kriegsverbrechen begeht.

Ukraine-Krieg: Nato muss Ziel haben, russische Aggression am Dnjepr zu stoppen

Die Nato-Mitglieder müssten deshalb zum Ziel haben, die russische Aggression am Dnjepr zu stoppen und sich auf einen langen Kampf vorzubereiten. Die entsprechende Strategie erfordere Offensive, Defensive und vor allem Geduld, so Harding.

Zu dieser Offensive würden die Aufrechterhaltung verheerender Sanktionen gehören, um in Russland den Widerstand gegen Putins Abenteurertum zu verstärken. Ebenso wie die Aufrechterhaltung einer funktionierenden ukrainischen Regierung mit finanzieller – und militärischer – Unterstützung sowie eine Reihe von Maßnahmen, die die Solidarität und das Engagement der Nato deutlich machen. Die Defensive werde eventuell noch wichtiger sein, insbesondere die Schaffung von Widerstandsfähigkeit im Cyberbereich. Putin werde versuchen, die Unterstützung der Nato für die Ukraine auf vertretbare Weise zu unterbinden, dies waren für ihn in letzter Zeit Cybermaßnahmen.

Ukraine-Krieg: Kann die Nato ihre Rhetorik auch unter Druck untermauern?

Geduld wird natürlich die schwerste Herausforderung sein, so Harding. In diesen ersten Tagen der Krise habe sich die Aufmerksamkeit der Welt auf die Kämpfe um Leben und Tod in den Straßen von Kiew konzentriert und die Empörung über den russischen Einmarsch ist groß. Doch schon bald könnte von der internationalen Gemeinde viel mehr verlangt werden, um ihre aktuelle Rhetorik zu untermauern: Die Ölpreise werden steigen, Flüchtlinge werden ein Zuhause brauchen und Cyberangriffe werden zu Störungen führen.

Laut Harding sei es wichtig, sich daran zu erinnern, dass die meisten Aufstände schätzungsweise acht bis 10 Jahre andauern. Trotz der 24-Stunden Nachrichten und der kurzfristigen Wahlzyklen müssten die Nato-Mitglieder eine Strategie zur Unterstützung des ukrainischen Volkes verfolgen, die auf zehn Jahre angelegt ist. Geschieht dies nicht, sieht Harding düstere Aussichten für die Ukraine. (lz) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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