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Russland: „Im Prinzip kriegsmüde“

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Von: Stefan Scholl

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Im trüben Licht: Spaziergang im Sarjadje-Park in Moskau.
Im trüben Licht: Spaziergang im Sarjadje-Park in Moskau. © Imago

Hurra-Propaganda verpufft: Russische Umfragen zeigen, dass die Laune im Land sinkt

Die ukrainische Armee sei am Ende, hätte keine Soldaten mehr. „Gegen uns kämpfen nur noch ausländische Söldner, zum größten Teil Schwarze oder Australier“, erklärt Kolja, 51, ein Moskauer Popmusiker. Wie er, geben sich sehr viele Russ:innen weiter als patriotische Optimist:innen. Für sie scheint die Ukraine auch militärisch nicht mehr zu existieren.

Aber ein Dreivierteljahr nach dem Beginn von Wladimir Putins „Kriegsspezialoperation“ gegen das Nachbarland hat die verbale Siegesgewissheit, die viele Russ:innen demonstrieren, häufig etwas von Durchhalteparolen. Laut dem Exilportal meduza.io ergab eine nicht öffentliche Umfrage des Kremls von Anfang November, dass sich „Gleichgültigkeit und Apathie“ breitmachen. Danach spüren die Russ:innen Optimismus weder was ihre eigene Zukunft angeht noch für die ihres Landes. Auch neue Untersuchungen staatlicher und unabhängiger Meinungsforscher:innen bestätigen: Die Laune im Land wird zusehends schlechter.

Nach Aussagen von zwei anonymen Kremlbeamten beschwerten sich die Teilnehmer:innen geschlossener Fokus-Gruppen aus mehreren russischen Regionen vor allem über die Mobilmachung, wirtschaftliche Probleme und überraschenderweise auch über die Blockade des Sozialnetzes Instagram. „Sie gehen nicht in die Opposition oder lehnen die Kriegsspezialoperation völlig ab“, sagte einer der Kremlmänner meduza.io. Ihre schlechte Stimmung sei auch keine Folge des kürzlichen Rückzugs der eigenen Truppen aus der ukrainischen Großstadt Cherson. Die Russ:innen seien im Prinzip kriegsmüde. „Nichts begeistert, nichts treibt voran. Sie wollen nur, dass man sie in Ruhe lässt.“

Eine Straßenumfrage der Forschungsgruppe Russian Field in Moskau von Anfang November bestätigt die gemischte Stimmungslage. 61 Prozent der Befragten bezeichnen den Ukraine-Feldzug weiter als notwendig, 51 Prozent glauben, er verlaufe mehr oder weniger erfolgreich.

Der Soziologe Lew Gudkow vom Lewada-Meinungsforschungszentrum erklärt diese positiven Aussagen mit dem Konformismus vieler Russ:innen, sie wollten gegenüber einem fremden Interviewer keinen Zweifel an ihrer Treue zur Obrigkeit aufkommen lassen.

Aber gleichzeitig fühlen sich 57 Prozent von den Frontnachrichten ermüdet, nur 42 Prozent glauben den offiziellen Lageberichten, nur 30 Prozent den offiziellen Verlustmeldungen. 54 Prozent befürworten die Teilmobilmachung. Aber nur 14 Prozent verbinden positive Emotionen mit ihr, Was die allgemeine Lage angeht, glauben lediglich 19 Prozent der Befragten, ihr Leben werde sich verbessern, 29 Prozent befürchten eine Verschlechterung.

Diese Verschlechterung ist im Alltag schon im vollen Gange. Viele wohlhabende Großstadtruss:innen müssen angesichts geschlossener europäischer Lufträume und mehrfach gestiegener Flugpreise auf Auslandsurlaub verzichten. Das Gleiche gilt für westliche Automarken, seit Jahrzehnten das zentrale Statussymbol der Russen. Ein neuer VW Touareg, in Deutschland ab 60 000 Euro zu haben, kostet in Moskau inzwischen umgerechnet 150 000 Euro, dazu kommen monatelange Wartezeiten.

Am anderen Ende der Einkommensskala herrschen richtige Nöte. Das Portal verstka.media schreibt unter Berufung auf eine Statistik des Obersten Gerichtes, die Zahl der Kleindiebstähle sei im ersten Halbjahr 2022 gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum um 17 Prozent gestiegen, es handele sich um Delikte mit nicht mehr als umgerechnet 40 Euro Beute – meist Lebensmittel.

Russland fühlt sich unwohl. Laut einer Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM haben jetzt 35 Prozent der Russ:innen zwischen 18 und 24 Jahren und 20 Prozent zwischen 25 und 34 Jahren das Bedürfnis nach psychologischem Rat. Dabei betrachtet die russische Gesellschaft Psychologen oder Psychiater im Alltag eigentlich als überflüssig.

Aber gerade die 18- bis 34-Jährigen laufen Gefahr, in die Armee und an die Front zu geraten. Laut WZIOM strapaziert die Lage vor allem die Nerven der Moskauer:innen und Petersburger:innen sowie jener Russ:innen, die sich vorwiegend übers Internet informieren. Und laut Russian Field fürchten 71 Prozent aller Moskauer:innen, dass ihre Verwandten oder Freunde eingezogen werden könnten. Obwohl die Teilmobilmachung für beendet erklärt wurde, produziert sie in den Exilmedien, auf Telegram-Kanälen und in den sozialen Netzen weiter Negativberichte über schlecht ausgerüstete und unvorbereitete Mobilisierte.

Die Kremlbeamten, die meduza.io zitiert, glauben für die nahe Zukunft an keine größeren Friedensproteste. „Die Leute gewöhnen sich an alles.“ Allerdings könne sich die Lage ändern, wenn es eine zweite, umfassendere Mobilmachungswelle gäbe. „Natürlich begreifen sie das auch im Kreml“, sagt der Politologe Juri Korgonjuk. „Jetzt versuchen sie, die Ukraine mit Raketenangriffen fertig zu machen. Aber wenn das nicht gelingt, bleiben ihnen keine anderen Möglichkeiten mehr.“

Emotional haftet auch den Siegen, die die staatlichen Medien präsentieren, etwas eher Düsteres an: Seit Wochen geht es um zerschossene ukrainische Kraftwerke und um ukrainische Städte ohne Strom oder Heizwärme. Nationale Glücksmomente, die mit wehenden Flaggen oder strahlenden Gesichtern illustriert werden können, bleiben dem Feind vorbehalten, etwa als die ersten ukrainischen Soldaten in Cherson als Befreier gefeiert wurden.

Für die Erzeuger:innen der russischen Propaganda, aber auch für deren Empfänger wird es mühsamer, Hurra-Gefühle zu verbreiten. Oder wie die Kriegsjournalistin Anna Dolgarjowa nach dem Rückzug aus Cherson schrieb: „Die einzige gute Nachricht ist, dass mein Kamerad es noch geschafft hat, einen Waschbären aus dem Chersoner Zoo mitgehen zu lassen.“ (Stefan Scholl)

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