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New York und der Klimawandel: „Es gibt kein langfristiges Denken“

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Von: Sebastian Moll

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Katastrophenexperte Klaus Jacobs. privat
Katastrophenexperte Klaus Jacobs. © Privat

Forscher Klaus Jacobs über bald unbewohnbare Teile New Yorks, den Rückzug in höher gelegene Viertel und die Folgen einer neoliberalen Stadtentwicklung

Herr Jacobs, Ihre Einschätzungen der Bewohnbarkeit von New York City in 30 Jahren sind ziemlich pessimistisch. Sie gehen davon aus, dass 25 Prozent der Stadtfläche unbewohnbar werden.

Ich bin kein Pessimist, ich bin Realist.

In Ihrer realistischen Einschätzung: Wie sieht New York im Jahr 2050 aus?

Das kommt darauf an, ob die Stadt die Kurve kriegt oder nicht. Bislang sieht es nicht danach aus. Die wenigen Entscheidungen, die getroffen wurden, bieten bislang einzig und allein kurzfristige Lösungen. Es gibt kein langfristiges Denken.

Sie haben in beratender Funktion versucht, mit der Stadt an langfristigen Lösungen zu arbeiten.

Ja, ich war mehr als zehn Jahre lang Mitglied des NYPCC (New York City Panel on Climate Change). Wir haben sehr präzise Modelle erstellt und Vorschläge für eine langfristige Bekämpfung der Folgen des Klimawandels gemacht. Aber als es an die harten Entscheidungen ging, hat man unsere Erkenntnisse ignoriert.

Zurück zu meiner ursprünglichen Frage: Wenn nichts Entscheidendes passiert, wie sieht New York in 30 Jahren aus?

Im Jahr 2050 wird es noch einigermaßen erträglich sein in der Stadt. Es wird wesentlich mehr Überschwemmungen geben, aber keine, die an der Existenz der Stadt rütteln. Die Überflutungen werden durch die jetzigen Maßnahmen abgemildert, also etwa die Flutwälle, die jetzt am East River gebaut werden. Aber jenseits des Jahres 2050 bringen diese Maßnahmen nichts, dann halten sie den steigenden Meerespegeln nicht mehr stand. Deshalb sind diese Investitionen im Grunde herausgeworfenes Geld.

Die Befestigungen, die jetzt gebaut werden, heißt es, würden auf 100 Jahre Überschwemmungen in der Folge von Stürmen, wie etwa dem Sturm Sandy im Jahr 2012, standhalten.

Ja, aber dabei werden die steigenden Meerespegel nicht mitgedacht. Wenn die Meerespegel um rund einen Meter ansteigen, dann benötigt es keinen Sturm der Stärke von Sandy mehr, um die Stadt zu überfluten. Und wir werden deutlich häufiger solche Stürme erleben. Das bedeutet, die Stadt wird immer häufiger geflutet, und das wird sich dramatisch auf die Wirtschaft auswirken sowie auf das Leben der Menschen, die in den gefährdeten Vierteln wohnen. Irgendwann muss man sich dann fragen, ob diese Viertel noch haltbar sind.

Zur Person

Klaus H. Jacobs ist Geophysiker an der New Yorker Columbia University. Sein Fachgebiet ist Katastrophen -Management mit einer Spezialisierung auf steigende Meeresspiegel und Klimawandel. Jacobs hat zehn Jahre lang die Stadt New York zum Schutz gegen die Folgen des Klimawandels beraten.

Was wäre nötig, um New York in der gegenwärtigen Größe und mit der derzeitigen Bevölkerung zu erhalten?

Zuerst müssen wir aufhören, weiter in Flutzonen zu bauen. Aber das passiert nicht. Es wird in Far Rockaway gebaut, es wird entlang des Gowanuskanal gebaut, da entstehen Tausende von Wohnungen, inklusive Sozialwohnungen. Und warum ist das so? Weil existierende Viertel keine neuen Sozialwohnungen haben wollen, also werden sie ans Wasser gebaut. Dabei müsste genau das passieren, man müsste sich systematisch alle Gegenden anschauen, die höher als 30 Meter liegen, und sich fragen, wo wir noch mehr Menschen unterbringen können. Dazu braucht man einen systematischen Masterplan, mit Zeithorizonten und Finanzierungsoptionen. Aber New York nimmt einen solchen Masterplan, um seine eigene Zukunft zu sichern, nicht in Angriff. Wir vermeiden es, den Realitäten des Klimawandels wirklich in die Augen zu schauen.

Sie befürworten einen ganzheitlichen Zugang ...

Es gibt dazu keine Alternative. Aber stattdessen geben wir die Zukunft der Stadt in die Hände von Immobilienentwicklern, die kurz- und mittelfristige Interessen haben. Das bedeutet, dass ihr Planungshorizont 20 bis 30 Jahre ist. Aber im Zusammenhang mit dem Klimawandel sind 30 Jahre nichts.

Sind die politischen Strukturen in New York den Aufgaben, die der Klimawandel an sie stellt, nicht gewachsen?

Es ist in den USA insgesamt sehr schwierig. Zentralisierte Städteplanung hat es in diesem Land schon immer schwer gehabt. Die Stadtentwicklung wird überall von privaten Interessen angetrieben. In Deutschland gibt es da eine ganz andere Einstellung. Ich habe eine Weile in Wiesbaden gelebt, dort wurde Infrastruktur zentral geplant, bevor man neue Gebiete überhaupt erschließt. Hier ist es umgekehrt.

Was ist denn dann eine langfristige Lösung?

Es gibt drei Arten, sich an den Klimawandel anzupassen. Erstens: Barrieren, also Seewälle, das ist eine mittelfristige Lösung, die uns etwas Zeit verschafft. Zweitens: Man lässt das Wasser dort, wo man kann, herein. Auch das ist aber im Grunde nur eine vorübergehende Lösung. Die einzige dauerhafte Lösung ist, sich auf höhergelegene Gegenden zurückzuziehen. New York hat genügend höherliegende Fläche. Es braucht nur den politischen Willen.

Der Fußabdruck der Stadt wird aber kleiner werden.

Ja, aber wir haben immer noch mehr Land als Wasser. Anders als zum Beispiel Florida. Der höchste Punkt des gesamten Staates liegt vier Meter über dem Meer.

Interview: Sebastian Moll

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