Chlöe Swarbrick (l.) vertritt sie Neuseelands größte Stadt Auckland im Parlament.
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Chlöe Swarbrick (l.) vertritt sie Neuseelands größte Stadt Auckland im Parlament.

Wahl in Neuseeland

Parlament in Neuseeland so divers wie nie - Fast 50 Prozent Frauen

  • vonBarbara Barkhausen
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In der neuen, vielfältigen Volksvertretung Neuseeland ist die Grüne Swarbrick der Star. Die junge Politikerin hat schon für viel Aufsehen gesorgt.

  • Premierministerin Jacinda Ardern hat die Wahl in Neuseeland mit absoluter Mehrheit gewonnen.
  • Das Parlament in Neuseeland ist so divers wie nie.
  • 10 Prozent des Parlaments stammen aus der LGBTQ+-Gemeinde.

Jacinda Arderns historischer Sieg ging am Wochenende um die Welt. Nachdem Ardern Neuseeland mit Bravour durch einen Terroranschlag und die Covid-19-Pandemie geführt hatte, feierte ihre sozialdemokratische Partei einen überwältigenden Wahlsieg.

Doch die Wahl am Wochenende beschert Neuseeland auch sein bisher vielfältigstes Parlament: Fast 50 Prozent der neuen Abgeordneten sind Frauen, rund zehn Prozent stammen aus der LGBTQ+-Gemeinde und 16 Mandate gingen an Maori. Außerdem ziehen erstmals Abgeordnete mit afrikanischem und lateinamerikanischem Hintergrund ins Parlament ein.

Neuseeland: Parlament wird so divers wie nie

Ibrahim Omer beispielsweise ist ein ehemaliger Flüchtling aus Eritrea. Er verbrachte laut eines Berichts des „Guardian“ Jahre in einem sudanesischen Flüchtlingslager, wo er als Übersetzer arbeitete und wegen des Verdachts, ein Spion zu sein, inhaftiert wurde. Die Vereinten Nationen halfen ihm schließlich, sich in Neuseeland niederzulassen. Omer sagte, er sei in die Politik gegangen, „um Gemeinschaften zu vertreten, denen es oft schwerfällt, Gehör zu finden“. Nachdem er sich an der Universität, an der er Politik und internationale Beziehungen studierte, auch als Putzkraft für den Mindestlohn verdingte, wurde Omer Gewerkschaftsvertreter und engagierte sich für andere schlecht bezahlte Arbeitnehmer.

Ein weiterer neuer Abgeordneter ist Glen Bennett, ein schwuler Politiker, der seit Jahren Pflegekinder aufnimmt und sich um benachteiligte Jugendliche kümmert. Auch die neue Parlamentarierin und Covid-19-Expertin Ayesha Verrall ist homosexuell. Die Ärztin für Infektionskrankheiten gilt augenblicklich als Favoritin für die Position der Gesundheitsministerin. Neuseeland hat sich seit längerem offen für Wandel in Bezug auf die LGBTQ+-Gemeinde gezeigt: So legalisierte das Land die gleichgeschlechtliche Ehe bereits im August 2013. Selbst der damalige konservative Premierminister John Key war für das Gesetz.

Ungewöhnlich ist der „Bienenkorb“ schon an sich. Jetzt wird es in dem Parlamentsbau in Wellington noch interessanter.

10 Prozent des Parlaments in Neuseeland Teil der LGBTQ+-Gemeinde

Auch der neue grüne Star des Landes, Chlöe Swarbrick, gehört der LGBTQ+-Gemeinde an. Swarbrick machte erstmals Schlagzeilen, als sie mit 22 – noch erfolglos – für das Bürgermeisteramt in Auckland kandidierte. Mit 26 vertritt sie nun Neuseelands größte Stadt im Parlament. Die Grünen-Politikerin wurde bereits vom US-Magazin „Fortune“ unter den „40 unter 40“ geführt, die dem Medium „besonders“ ins Auge gestochen waren. Die junge Unternehmerin und Politikerin, die auch zuvor schon für die Grüne Partei im Parlament saß, engagiert sich besonders für mentale Gesundheit, will Cannabis legalisieren (ein entsprechendes Referendum war Teil der Wahl, ein Ergebnis steht aber noch aus) und kämpft gegen den Klimawandel.

Eine ihrer Parlamentsreden zu dem Thema ging 2019 um die Welt. Der Oppositionspolitiker Todd Muller hatte die junge Frau unterbrochen, doch Swarbrick ließ sich nicht aus dem Konzept bringen und stellte ihn mit den Worten „Ok, Boomer“ ruhig („Boomer“ ist als Anspielung auf die Nachkriegsgeneration zu verstehen). Die Szene wurde zum Internethit. Später schrieb die Politikerin im „Guardian“, die Bemerkung sei eher „spontan“ gewesen. Sie sei aber „symbolisch für die kollektive Ermüdung zahlreicher Generationen“.

Swarbrick zur Wahl in Neuseeland: „Demokratie funktioniert“

Wie wichtig ihr das Thema ist, macht die Politikerin immer wieder deutlich. „Nicht nur während meines gesamten Lebens, ja sogar nur in den vergangenen vier Jahren, seit ich in der Politik bin, sind die Klimakrise und die soziale Ungleichheit eskaliert“, sagte sie vor der Wahl. „Dies sind keine natürlichen Phänomene, dies sind politische Entscheidungen.“

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We did it. We did what everybody said was impossible. This is what politics can be. Community. In June of this year we were given the Green light to run an historic two tick campaign in Auckland Central. We built a team of over 1,000 volunteers, we knocked on doors and called 10,000 people. We held a drag show and hosted stand up comedy, we made a cookbook and I made burgers, we held street corner meetings and small businesses hosted my big head in their window. We talked about the change that was possible and we reminded people of their power to make those ideas real. Democracy works. I wish there was a more dignified documentation of the moment I realised what was happening last night, but this was the reality. We ran the campaign we always wanted to run. We made friends. We got more @nzgreenparty MPs into Parliament. We had fun. And we turned a blue seat *Green*. There’s still special votes to come, and the outcome of the referendums to be learnt. Nothing can be taken for granted, and even after those final results come in, the work doesn’t stop. If we want truly progressive change, we gotta realise this isn’t a moment; it’s a movement. I am privileged to have the opportunity to represent my home, including those who did not vote for me. I will work hard to gain your trust. Thank you to my fellow candidates Helen and Emma for stiff competition and challenging ideas. I am grateful for my campaign whānau. You all know who you are, and we will laugh and cry as we process this. A special mention to my campaign manager @leroybeckett for holding me up in moments of exhaustion, feeding me between debates, being an encyclopaedia of bus routes and a god damn lucky charm. We did it.

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Nach ihrem Sieg (eine kleinere Anzahl Stimmen muss noch ausgezählt werden) über eine sozialdemokratische und eine konservative Politikerin postete Swarbrick auf Instagram: „Wir haben es geschafft. Wir haben geschafft, was alle unmöglich genannt haben.“ Das zeige, was Politik sein könne – nämlich „eine Gemeinschaft“. In unzähligen Veranstaltungen hätten sie und ihr Team – rund tausend Freiwillige, darunter viele Teenager, die selbst nicht wählen durften – über den Wandel gesprochen, der möglich sei. „Wir haben die Leute daran erinnert, dass sie die Macht haben, diese Ideen in Wirklichkeit zu verwandeln.“ Die Grassroot-Kampagne der jungen Politikerin ging auf – sie selbst zog das Fazit. „Demokratie funktioniert.“ (Barbara Barkhausen)

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