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Jacinda Ardern befürwortete beide Vorhaben.

Referendum

Neuseeland stimmt für Sterbehilfe

  • vonBarbara Barkhausen
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Volksentscheide in Neuseeland: Assistiertes Sterben wird legal, Marihuana bleibt verboten.

Die Bevölkerung Neuseelands hat mit großer Mehrheit dafür gestimmt, Sterbehilfe für Menschen mit einer unheilbaren Krankheit zu legalisieren. Die vorläufigen Ergebnisse, die am Freitag von der Wahlkommission veröffentlicht wurden, zeigen, dass 65,2 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe stimmten. Neuseeland ist damit das siebte Land der Welt, das assistiertes Sterben legalisiert. Auch die Schweiz, die Niederlande, Luxemburg, Kanada, Kolumbien und Belgien erlauben Sterbehilfe.

Das Referendum war teilweise vom Leben, Kampf und Tod der Neuseeländerin Lecretia Seales inspiriert, die 2015 im Alter von 42 Jahren an einem Gehirntumor starb. Die Anwältin hatte bis zu ihrem Lebensende um ihr Recht zu sterben gekämpft und eine emotionale Debatte ausgelöst. Neuseeland hatte über 25 Jahre mit sich gerungen, das Thema gesetzlich zu regeln.

Matt Vickers, der Mann der verstorbenen Lecretia Seales, sagte lokalen Medien, er sei nach der Entscheidung voller „Erleichterung und Dankbarkeit“. Die Ergebnisse des Volksentscheids sind bindend und müssen von der neuen sozialdemokratischen Regierung nun innerhalb eines Jahres implementiert werden. Auch die Aktivistin Mary Panko, die für das selbstbestimmte Sterben gekämpft hatte, sagte, es sei ein „bedeutsamer Tag“ für ihr Land.

Das zweite Referendum über die Legalisierung von Marihuana scheiterte hingegen. Nur 46,1 Prozent der Bevölkerung befürwortete diesen Schritt. Noch fehlt zwar die Auswertung von fast einer halben Million Sonderstimmen, doch es gilt als unwahrscheinlich, dass diese Stimmen das Endergebnis noch wesentlich verändern werden. Ein Aktivist, der sich gegen die Legalisierung ausgesprochen hatte, sagte vor Medienleuten, es sei „das richtige Ergebnis“ und „das Ergebnis des gesunden Menschenverstandes“. „Gewöhnliche Kiwis haben erkannt, dass eine Legalisierung den Cannabis-Konsum auf keinen Fall verringern kann“, sagte Aaron Ironside von „Say Nope to Dope NZ“.

Neuseeland fragt seine Bevölkerung immer wieder nach ihrer Meinung. So stand 2016 zur Abstimmung, ob der Pazifikstaat eine neue Flagge bekommen sollte. Vor allem der damalige neuseeländische Premierminister John Key wollte sich vom Union Jack verabschieden, der seiner Meinung nach an die einstige Kolonialmacht Großbritannien erinnerte. Außerdem störte sich Key daran, dass die neuseeländische Flagge ständig mit der australischen verwechselt wird. Doch die Alternative – eine schwarz-weiß-blaue Flagge mit Silberfarn und Sternen – konnte sich bei der letztendlichen Abstimmung im Volk nicht durchsetzen.

Neben der Abstimmung über die Volksentscheide hatte das neuseeländische Volk auch ein neues Parlament gewählt. Diese Wahl endete mit einem Erdrutschsieg der sozialdemokratischen Partei und bestätigte die amtierende Regierungschefin Jacinda Ardern in ihrem Amt.

Die Wahl bescherte dem Pazifikstaat zudem sein bisher vielfältigstes Parlament: Fast 50 Prozent der neuen Abgeordneten sind Frauen, rund zehn Prozent stammen aus der LGBTQ-Community. Außerdem sitzen 16 Maori im Parlament. Zudem ziehen erstmals Abgeordnete mit afrikanischem und lateinamerikanischem Hintergrund ein.

Arderns historischer Sieg war nicht völlig überraschend gewesen, da die Politikerin sich in ihrer dreijährigen Amtszeit als fähige Krisenmanagerin erwiesen hatte. So bewältigte sie eine Terrorattacke, einen Vulkanausbruch und die Pandemie mit Bravour. Ardern meisterte die Tragödien mit viel Empathie, die die Menschen einte, und ihr weltweites Lob einbrachte.

Auch die Corona-Krise handhabte Neuseeland bis auf einen Rückschlag in Auckland so gut wie kaum ein anderes Land der Erde. Ardern führte ihr Volk mit täglichen Briefings und viel mentaler Unterstützung durch einen der strengsten Lockdowns der Welt. Seit Anfang Oktober gilt das Land – das weniger als 2000 Infektionen und 25 Todesfälle meldete – als Corona-frei. Laut einer Umfrage von Bloomberg Media war Neuseelands Reaktion auf die Coronavirus-Pandemie die beste der Welt – noch vor Japan und Taiwan.

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