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„Ich habe Angst vor den Mitgefangenen, ich habe Angst vor den Beamten.“: Alaa S. wird nach dem Urteilsspruch abgeführt. 

Chemnitz

Neuneinhalb Jahre Haft für Alaa S.

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Das Landgericht Chemnitz sieht es als erwiesen an, dass der 24-jährige Syrer Alaa S. mitschuldig am Tod von Daniel H. ist. Die Verteidigung legt Revision ein.

Der 24-jährige Alaa S. ist mitschuldig am Tod von Daniel H. in Chemnitz vor einem Jahr. Zu diesem Schluss kam das Landgericht Chemnitz nach einem sechsmonatigen Prozess. Wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verurteilte es den Angeklagten am Donnerstag zu neuneinhalb Jahren Haft. Der Syrer soll Ende August 2018 am Rande des Chemnitzer Stadtfests den 35-jährigen H. erstochen haben. Die Staatsanwaltschaft hatte zehn Jahre Haft wegen gemeinschaftlichen Totschlags gefordert. Verteidigerin Ricarda Lang hatte auf Freispruch plädiert. Ein wichtiger Mann aber fehlte beim Prozess: Farhad A., der mutmaßliche Haupttäter. Er hat sich einige Tage nach der Tat abgesetzt, wird im Irak vermutet.

Kurz nach der Verurteilung ihres Mandanten legten die Verteidiger Rechtsmittel ein. Das erklärte Rechtsanwältin Ricarda Lang am Donnerstag nach der Urteilsverkündung. Anwalt Frank Wilhelm Drücke bezeichnete das Urteil als „falsch“. Wegen der Revision der Verteidiger wird der Schuldspruch der Chemnitzer Richter zunächst nicht rechtskräftig. Bereits zu Prozessbeginn im März hatte Lang die Anklageschrift kritisiert: Sie erkannte „eklatante Ungereimtheiten“, die Ermittler hätten „an sorgfältiger Aufklärung gespart“. Lang forderte damals, das Verfahren wegen fehlenden Tatverdachts einzustellen. Ihr Fazit lautete: „Es mangelt an handfesten Beweisen. Für eine Verurteilung bedarf es der Substanz, die für uns aktuell nicht ersichtlich ist.“ Zudem betonte sie, dass ihr Mandant unschuldig sei. Von Alaa S. haben sich weder am mutmaßlichen Tatwerkzeug, einem Messer, noch an der Kleidung des getöteten Daniel H. DNA-Spuren finden lassen.

S. hat im Prozess geschwiegen. Diese Woche aber führte er ein Telefoninterview aus der Justizvollzugsanstalt Waldheim – dort sitzt er seit einem Jahr in Untersuchungshaft – mit der ZDF-Sendung „Frontal 21“. Darin wies er jede Beteiligung von sich. In seinem „Letzten Wort“ zum Abschluss der Hauptverhandlung hatte S. betont, er hoffe auf ein gerechtes Urteil des Gerichts. Seine Hoffnung sei auch, dass er nicht das zweite Opfer des Täters und für ihn stellvertretend verurteilt werde. Zudem bedauerte der Angeklagte, was der Familie des Opfers widerfahren sei.

Zeuge hatte einen Streit gehört und Schreie

„Ich schwöre bei meiner Mutter, ich habe ihn nicht angefasst. Ich habe überhaupt nicht das Messer angefasst“, sagte S. im Interview. Er sei aus einem Döner-Imbiss hinausgelaufen, weil er Rufe gehört habe. Alaa S. sagte im Gespräch mit Frontal 21, dass er nach einem Jahr Untersuchungshaft kaum noch an ein faires Urteil glaube. „Ich habe Angst vor jedem hier, ich habe Angst vor den Mitgefangenen, ich habe Angst vor den Beamten. Ich habe sogar Angst vor dem Gericht.“

Entscheidend für die Urteilsfindung war die Aussage des Zeugen Younis al N. Was hat der Koch in der Nacht zum 26. August 2018 sehen können, als er gegen 3.15 Uhr aus dem Straßenverkaufsfenster des Dönerladens in der Brückenstraße sah? Er hatte einen Streit gehört und Schreie. In einem nächtlichen Vor-Ort-Termin hatte das Gericht sogar begutachtet, was al N. aus dem Fenster hätte sehen können. Interessant dabei: Einen Tatablauf – Schlag- oder Stichbewegungen – stellten die Statisten bei diesem Termin nicht nach, so unklar war der Tatablauf.

Der Zeuge al N. gab an, zwei Männer gesehen zu haben, die mit Stichbewegungen von vorne und hinten Daniel H. angegriffen hätten. Ein Messer habe er nicht erkennen können. Die beiden Männer aber identifizierte er auf Polizeifotos als Alaa S. und Farhad A. Vor Gericht blieben seine Aussagen vage.

„Der Geschädigte H. verstarb unmittelbar nach der Tat an seinen schweren Stichverletzungen in den Brustbereich mit Eröffnung des Herzbeutels und der Lunge“, so steht es in den Gerichtsakten. Nach seinem Tod war es in der Stadt zu rassistisch motivierten Übergriffen gekommen, die mehr als das Verbrechen selbst auch auf internationaler Ebene ein Schlaglicht auf Chemnitz warfen. Bilder von rechten Demonstrationen, Aufmärschen von Neonazis und Fußball-Hooligans, von Übergriffen sowie dem Zeigen des Hitlergrußes in zahlreichen Fällen gingen um die Welt.

Der Streit um die Frage, ob es „Hetzjagden“ gegeben habe, wurde auf Bundesebene zur Zerreißprobe für die große Koalition aus Union und SPD – und führte letztlich dazu, dass der damalige Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, seinen Posten verlor.

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