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Alice Weidel und Alexander Gauland ziehen für die Partei in den Bundestagswahlkampf.

AfD

Neues Team, alte Parolen

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Mit dem Abtritt von Frauke Petry rückt die AfD-Führung noch weiter nach rechts. Unklar ist, wie es mit Petry politisch weitergeht.

Am Ende klatschen sie wieder, skandieren „Frauke, Frauke“, jubeln der Frau zu, die sie zuvor ins Leere haben laufen lassen. Am Ende des zweitägigen Parteitags der AfD in Köln bleibt es Alexander Gauland vorbehalten, auf Frauke Petry zuzugehen; um sie zu werben. „Ich weiß, dass Sie gestern einen schweren Tag hatten. Aber wir brauchen Sie in der Partei.“

Es ist das erste Mal, das er überhaupt spricht in diesen zwei Tagen. Der Saal mit rund 600 Delegierten im von der Polizei abgeriegelten Maritim Hotel tobt, gerade haben sie Gauland, den rechtsnationalen 76-Jährigen aus Potsdam und die junge badenwürttembergische Ökonomin Alice Weidel zum Spitzenduo für die Bundestagswahl gekürt. Und plötzlich sind sich alle ganz einig.

Dabei haben sie kaum 24 Stunden zuvor Frauke Petry zutiefst gedemütigt, sie mit ihrem Zukunftsantrag nicht nur durchfallen lassen, sondern ihn schlicht aus der Tagesordnung gekippt. Zuvor ist Petry noch einmal zum Angriff übergegangen, hat abgerechnet mit der Diskussionskultur ihrer Partei – so wie sie es auch schon in ihrer Videobotschaft vom vergangenen Mittwoch getan hat, in der sie zur Überraschung vieler verkündete, dass sie nicht als Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl im September zur Verfügung stehen werde. Seither wird gerätselt, ob das nur eine taktische Finte war – oder der Anfang eines Rückzugs der 41-Jährigen.

In Köln kämpft Petry am Samstag noch einmal, in einem hautengen knallroten Kleid, das ihre fortgeschrittene Schwangerschaft betont. Zwar äußert sie Verständnis dafür, dass viele lieber keine Debatte führen wollen über die strategische Neuausrichtung, wie sie es in ihrem Zukunftsantrag fordert. Sie will die Partei aus der rechten Ecke holen, zu einer bürgerlichen Volkspartei machen.

Der Antrag hat im Vorfeld für riesigen Wirbel gesorgt, hatte sie doch Gauland namentlich scharf angegriffen – und mit ihm den gesamten rechten Flügel der Partei. Die Diskussion zu vermeiden, sei zwar emotional verständlich, aber nicht hilfreich, beschwört sie jetzt die Delegierten. „Vor allem ist es nicht mutig.“ Erneut wirbt Petry dafür, bürgerliche Schichten anzusprechen und die Partei regierungsfähig zu machen.

Dann zeigt sie sich kompromissbereit, gesteht ein, dass es ein Fehler war, Gauland derart anzugreifen, entschuldigt sich sogar bei ihm. Und erklärt sich bereit, den Antrag zu überarbeiten, mit ihm zusammen. Es hilft alles nichts. Nichtbefassung, schwerer kann eine Strafe nicht sein. Petry ist von da an fast weiß im Gesicht. Auf dem Vorstandspodium sitzt sie ganz außen, wie auf einem anderen Stern. Sie ist vollkommen isoliert, ihr Ko-Vorsitzender Jörg Meuthen neben ihr spricht kein Wort mit ihr, vermeidet jeden Blickkontakt. Petry tippt immer wieder in ihr Handy, liest scheinbar konzentriert in ihren Papieren. Es sei eine folgenschwere Entscheidung, sich nicht mit ihrem Antrag zu befassen, sagt sie später. „Der Parteitag hat damit einen Fehler gemacht.“ Und dass sie sich vorbehält, sich die Entwicklung in den nächsten Monaten sehr genau anzuschauen. Aufgeben? Eine wie Petry doch nicht.

Während sich die Delegierten nun der Kärrnerarbeit zuwenden, der Debatte des Wahlprogramms, rauscht Petry aus dem Hotel, mit ihrem Mann, dem nordrhein-westfälischen Landeschef Marcus Pretzell. Aber noch gibt sie sich nicht geschlagen, sie kommt wieder, versichert, dass sie keineswegs aus Enttäuschung nicht mehr präsent sein werde. Ihre Anhänger aber befürchten nun, dass sie sich nun doch zurückziehen wird. „Ob sie das durchhalten kann, ist offen“, sagt einer gegenüber der FR.

Derweil genießt Jörg Meuthen, der Professor aus Baden-Württemberg, seinen Triumph. Vor zwei Jahren hat ihn Petry in den Vorstand geholt, nachdem sie mit Hilfe des rechten Flügels Gründer Bernd Lucke gestürzt hatte. Dann ließ sie Meuthen am langen Arm verhungern, er schlug sich dafür auf die Seite des rechten Flügels. Jetzt ist seine große Stunde gekommen. Die von Petry angestoßene Debatte sei überflüssig und trügerisch, wettert er. Er sieht die Partei in den nächsten Jahren in der Rolle der Opposition. Der Saal jubelt, auch dann, als er ein düsteres Bild Deutschlands zeichnet, davor warnt, dass Muslime bald in der Mehrheit sein werden, das sei mathematisch erwiesen. Scharf greift er die SPD, die Grünen, Kanzlerin Angela Merkel an. „Mit solchen Figuren werden wir keine Koalition eingehen“, ruft er. „Nicht heute, nicht morgen, niemals.“ Meuthen wird bejubelt, dabei will er gar nicht in den Bundestag. Petry klatscht nicht, sie ist wie versteinert. Auch am Sonntag sitzt sie wieder auf ihrem einsamen Platz, diesmal ist das Kleid AfD-blau.

Die Delegierten arbeiten unterdessen brav die Anträge ab, von der Außenpolitik bis zur Einwanderung, von Klimafragen bis zur Rolle der Familie, auch den gesamten Sonntagvormittag. Man will den Eindruck erwecken, eine geordnete, disziplinierte Partei zu sein. „Das ist ein ganz normaler Parteitag, und das ist gut so“, sagt Georg Pazderski, der Berliner Landes- und Fraktionschef, im Gespräch mit der FR. Auch er will die AfD zu einer Volkspartei machen, doch fordert er eine scharfe Abgrenzung nach rechts. „Wer die freiheitlich-demokratische Grundordnung nicht anerkennt, hat in der Partei nichts zu suchen.“ Ist das mehrheitsfähig? Der einstige Offizier lächelt fein.

Es ist eine Männerveranstaltung, Frauen kann man fast mit der Lupe suchen. Auf dem Vorstandspodium sitzen drei, neben Petry die Berlinerin Beatrix von Storch und Alice Weidel. Die 38-Jährige wartet auf ihren Einsatz. Erst nach ihrer Wahl ins Spitzenduo am Sonntag ergreift sie das Wort, aus allen Debatten hat sie sich herausgehalten. Sie ist jung, sie ist attraktiv, sie lebt mit einer Frau zusammen, sie wird nun das weibliche Gesicht der AfD werden.

„Wir haben es allen gezeigt, den Medien, den Altparteien, den Bildungsbomben von der Antifa da draußen“, hebt sie mit schneidender Stimme an. Ihre Rede ist nicht minder scharf, schließt sich nahtlos an die von Meuthen am Tag zuvor an. „Für unser Deutschland werde ich kämpfen, so wahr mir Gott helfe“, ruft Weidel am Ende in den Saal. Er liegt ihr zu Füßen. Sogar Frauke Petry klatscht, ihre Augenbrauen sind spöttisch erhoben dabei.

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