Mehdorn-Rücktritt

Neuer Zugführer gesucht

Bei der Nachfolge für Bahnchef Hartmut Mehdorn hat die Koalition die Qual der Wahl. Von Thomas Wüpper

Von THOMAS WÜPPER

Berlin. Wegen des Schnüffelskandals gibt Bahnchef Hartmut Mehdorn auf. Das bringt die Koalition in eine schwierige Lage. Denn die Suche nach dem Nachfolger könnte einen erneuten Richtungsstreit über die Privatisierung des Staatskonzerns auslösen.

Klar ist: Der Chefposten bei der Bahn wird politisch besetzt. Das Berliner Verkehrsressort liegt in den Händen der SPD. Damit hat die Partei nach ungeschriebenen Koalitionsregeln das Recht, die Bahnspitze zu besetzen. Das heißt: Minister Wolfgang Tiefensee könnte einen Nachfolger mit sozialdemokratischem Stallgeruch auswählen - und einen, der seine Sicht der Dinge teilt: Von einer Privatisierung hält Tiefensee inzwischen nichts mehr.

Die Kanzlerin und die Union sehen das anders. Deshalb stützte Angela Merkel den Bahnchef bis zuletzt, trotz aller schlimmen Spitzelvorwürfe. Doch diese fragwürdige Strategie des Aussitzens hat sich nun erledigt. Jetzt ist die Frage: Wer wird neuer Herr über 240 000 Bahnbeschäftigte? Eine Lösung, die für beide Seiten gangbar wäre, könnte ein Übergangskandidat bieten, der bis nach der Wahl das Ruder übernimmt. Im Gespräch ist etwa der Aufsichtsratschef der Bahn und frühere Wirtschaftsminister Werner Müller. Doch bei der Bahngewerkschaft Transnet hält man davon wenig: "Wir wollen keine Übergangslösung", sagt ein Sprecher.

Als ein Kandidat von Union und FDP gilt der CDU-nahe Nikolaus Breuel, Sohn der ehemaligen Präsidentin der Treuhandanstalt und früheren CDU-Wirtschaftsministerin in Niedersachsen,Birgit Breuel. Der Manager leitet derzeit die Sparte Fernverkehr der Bahn, die aber zuletzt einige skandalträchtige Probleme hatte, darunter ICE-Unfälle aufgrund von Achsbrüchen und Schafherden im Tunnel.

Als möglicher Kandidat wird auch Norbert Bensel genannt, Chef der Logistiksparte der Bahn. Der 62-Jährige gilt als Vertrauter Mehdorns und steht für den massiven, aber teuren Ausbau der Transportsparte rund um den Globus.

Breuel wie Bensel haben allerdings das Problem, dass sie als Topmanager ebenfalls vom tiefen Misstrauen betroffen sind, das Belegschaft, Betriebsrat und Gewerkschaften seit der Schnüffel-Affäre gegen die Bahnspitze hegen.

Kritiker wie SPD-Vorstand Hermann Scheer fordern daher einen Neuanfang. Als Kandidaten für den Bahnvorstand empfiehlt Scheer Männer vom Fach, zum Beispiel die Chefs großer Verkehrsverbünde wie Hans-Werner Franz (VV Berlin Brandenburg) und Witgar Weber, früherer Chef des Verkehrsverbundes Stuttgart.

Eine Kompromisslösung für die Koalition könnte die Tatsache bieten, dass Mehdorn zwei vakante Stellen hinterlässt: den Vorsitz in der Konzernholding und in der für den Börsengang gegründeten Transporttochter DB ML AG, die Fern-, Nah- und Güterverkehr umfasst. Oben ein CDU-Kandidat, fürs operative Geschäft ein SPD-Genosse - oder auch andersherum. Das könnte die Lösung sein.

Unterdessen machen weitere Namen die Runde. Der bisherige Fraport-Chef Wilhelm Bender und der Chef der Schweizer Bundesbahn, Andreas Meyer, werden genannt. Aber auch Thomas Enders, Chef des Luftfahrtkonzerns EADS. Von dort kam einst auch Hartmut Mehdorn.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare