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Global Carbon Budget: Die Emissionen steigen weiter

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Von: Joachim Wille, Jörg Staude

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Protest gegen neue Gasprojekte in Brunsbüttel
Protest gegen neue Gasprojekte in Brunsbüttel © dpa

Die Emissionen steigen laut einem Bericht weiter an. Haupttreiber der CO2-Emissionen ist neben der Kohle auch eine steigende Ölverbrennung.

Das ist eine der schlechtesten Klimanachrichten der jüngeren Vergangenheit. Laut dem heute auf der Klimakonferenz in Ägypten veröffentlichten Bericht „Global Carbon Budget 2022“ wird das aktuelle Jahr einen neuen Höchststand bei den CO2-Emissionen aus der Kohleverbrennung mit sich bringen.

Der Kohletrend stellt selbst für Judith Hauck, Wissenschaftlerin am Alfred-Wegener-Institut und Mitautorin des Berichts, eine Überraschung dar. „Lange Zeit war man davon ausgegangen, dass wir den Peak bei der Kohle schon überschritten hätten“, erklärte sie bei der Vorstellung des Berichts. Er ist von mehr als 100 Forscher:innen aus 18 Ländern verfasst worden.

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Insgesamt werden die fossilen CO2-Emissionen im Jahr 2022 weltweit bei 36,6 Milliarden Tonnen liegen. Zusammen mit sogenannten Emissionen aus Landnutzung – das sind unter anderem trockengelegte Moore – von 3,9 Milliarden Tonnen erreichen die Gesamtemissionen 40,6 Milliarden Tonnen. Mit einberechnet werden hier wirklich nur die „reinen“ CO2-Emissionen und keine anderen Treibhausgase wie etwa Methan.

Haupttreiber ist – neben der Kohle – auch die steigende Ölverbrennung. Diese hat wiederum ihren Grund im Wiedererstarken des Flugverkehrs nach dem Ende der strengen Pandemie-Regeln.

Bleibt es bei den berechneten Mengen bis Jahresende, steigen die globalen CO2-Emissionen 2022 um etwa ein Prozent – gegenüber 2021, aber auch gegenüber 2019, dem Jahr vor der Pandemie. „2022 haben wir damit den zweithöchsten Wert der Emissionen in der Geschichte der Menschheit“, sagt Mitautorin Julia Pongratz von der Ludwig-Maximilians-Universität München

Wie in der Klimapolitik inzwischen üblich, gibt es neben der schlechten auch eine verkappt gute Nachricht. Das Emissionsplus von einem Prozent bedeutet, dass sich gegenüber der 2000er Dekade der Anstieg der Emissionen verlangsamt hat. In dem Zeitraum hatte das jährliche Plus bei drei Prozent gelegen.

Auf keinem guten Weg

Die Erwärmungsprognosen des Projekts „Climate Action Tracker“ zeigen derweil, dass die Staaten, die das Paris-Abkommen unterschrieben haben, insgesamt praktisch keine Fortschritte in Richtung auf das 1,5-Grad-Ziel gemacht haben.

Die Erhitzung im Jahr 2100 würde danach beim derzeitigen Politikpfad, der die tatsächlich ergriffenen Klimaschutzschritte widerspiegelt, bei 2,7 Grad liegen. Werden die nationalen Ziele für 2030 eingerechnet, drückt das diesen Wert auf 2,4 Grad.

Unter Einbeziehung der langfristigen Netto-Null-Ansagen, die Staaten wie die EU-Gruppe, die USA und China abgegeben haben, könnten 1,8 Grad erreicht werden – allerdings sind diese noch unverbindlich. jw

Von 2010 bis 2020 hatte das Emissionsplus allerdings nur bei 0,5 Prozent gelegen. Da bedeutet das eine Prozent jetzt wiederum einen deutlichen Anstieg. Der Bericht zum „Global Carbon Budget“ erfasst auch den Verbleib der anthropogenen Emissionen. Zum Glück für die Menschheit nehmen die beiden natürlichen Senken Ozeane und Wälder weiter große Mengen an CO2 auf.

Für 2022 schätzen die Wissenschaftler:innen die CO2-Aufnahme des Ozeans auf 10,5 Milliarden Tonnen, die auf dem Land auf 12,4 Milliarden Tonnen. Diese natürlichen Senken nehmen also weiterhin 26, beziehungsweise 29 Prozent des menschgemachten CO2 auf. Die verbleibende knappe Hälfte lässt die atmosphärische CO2-Konzentration steigen – und heizt den Planeten weiter auf. Um die 1,5-Grad-Grenze mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit einzuhalten, darf die Menschheit nach den Angaben der Forscher:innen nur noch 380 Milliarden Tonnen CO2 emittieren.

Soll dieses Budget nicht in den nächsten neun Jahren aufgebracht sein, müssten die Emissionen jetzt in jedem Jahr um etwa 1,4 Milliarden Tonnen sinken. „Das ist so viel, wie wir im ersten Jahr des Covid-Lockdowns an Einsparung hatten“, beschreibt Pongratz die immense Aufgabe.

Gasprojekte gefährden die Klimaziele

Auch die Gasprojekte, die in Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine entstanden sind, gefährden die Klimaziele: Die Forschungsinitiative „Climate Action Tracker“ hat die CO2-Emissionen berechnet, die durch alle im Bau befindlichen, genehmigten und vorgeschlagenen Projekte zur Förderung von verflüssigtem Erdgas zwischen 2021 und 2050 entstehen würden.

Ergebnis: Sie alleine könnten sich bis 2050 auf rund zehn Prozent des noch verbleibenden globalen CO2-Budgets für die 1,5-Grad-Erwärmung summieren. Bereits 2030 droht ein Überangebot an LNG von 500 Milliarden Tonnen, was laut CAT fast dem Fünffachen der russischen Gaseinfuhren der EU im Jahr 2021 und dem Doppelten der gesamten russischen Exporte weltweit entspricht.

CAT-Experte Bill Hare kommentierte: „Die Energiekrise hat die Klimakrise übernommen“. Die vorgelegte Analyse zeige, dass das neue LNG-Volumen weit über das hinausgehe, was benötigt werde, um russisches Gas zu ersetzen. Eine zunehmende Abhängigkeit von fossilem Gas könne aber nicht die Lösung für die heutigen Klima- und Energiekrisen sein.

Klimaschützer:innen kritisieren in diesem Kontext gerade auch die Erdgas- und LNG-Pläne der deutschen Regierung. Deutschland will sich unter anderem am Neuaufschluss von Gasquellen in Senegal beteiligen und plant Gaslieferverträge mit dem Emirat Katar, außerdem sollen an den Nord- und Ostseeküsten bis zu zwölf LNG-Terminals gebaut werden. Die Kritiker:innen halten dies für überdimensioniert, dadurch werde eine zu hohe Erdgas-Nutzung für die Zukunft programmiert.

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