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"U2"-Frontmann Bono mit dem leukämiekranken Luseane Peseap aus Hawaii.

Engagement für öffentliche Interessen

Die neuen Weltbürger

Bill Clinton, George Soros, Bob Geldof setzen ihre Ideen, ihre Prominenz oder ihr Geld politisch ein, um den Wandel voranzutreiben. Welche Rolle bleibt den Staaten?

Von TINE STEIN

Ehemalige Politiker wie Bill Clinton und Al Gore, Wirtschaftstycoons wie Bill Gates und George Soros, Wissenschaftler wie Muhammad Yunus, Manager wie der ehemalige Microsoft-Mitarbeiter John Wood oder der Ebay-Gründer Jeff Skoll, Künstler wie Bob Geldof, Bono oder Mia Farrow und andere, unbekannte Weltbürger - sie alle eint, dass sie einen Beitrag zur Lösung weltgesellschaftlicher Probleme leisten wollen. Sie möchten eine weltweite Geltung der Menschenrechte, die Überwindung sozialer Ungleichheit und den Schutz globaler Gemeinschaftsgüter.

So betreibt Clinton mit seiner "Clinton Global Initiative" eine Kontaktbörse, bei der er als Broker Menschen mit Ideen, Geld oder politischem Einfluss einmal im Jahr zusammenbringt. Bill und Melinda Gates haben den größten Teil ihres Privatkapitals in eine Stiftung eingebracht, aus deren Erträgen neben Bildungsprojekten in den USA weltweit Entwicklungs- und Gesundheitsprojekte finanziert werden. 2007 schüttete die Gates-Stiftung rund zwei Milliarden Dollar aus und ist damit längst ein Global Player geworden. Die von Muhammad Yunus gegründete Grameen-Bank schüttet mittlerweile Mikrokredite in Höhe von rund 60 Millionen Dollar im monatlichen Durchschnitt aus, vornehmlich an Frauen. In Anerkennung dieses über Bangladesch hinausreichenden Engagements als Beitrag für den Frieden in der Welt wurde Yunus und der Grameen-Bank 2006 der Friedensnobelpreis verliehen.

Wie ist dieses Phänomen eines transnationalen Engagements für öffentliche Interessen in der Weltgesellschaft empirisch-analytisch zu erfassen, und welche Bedeutung kommt ihm für die politische Ordnung jenseits des Nationalstaats zu?

Hinsichtlich der Ressourcen sind in den genannten Beispielen Prominenz und der damit verbundene Zugang zur Öffentlichkeit sowie zu gesellschaftlichen Eliten (Clinton), Kapital (Gates) und Ideen und Wissen sowie die Fähigkeit, die Idee in die Tat umzusetzen (Yunus), besonders relevant. Jenseits des gemeinsamen Willens, die Welt zu verbessern, besteht das Ziel darin, einen Rahmen zu schaffen, in dem die Akteure des gesellschaftlichen Wandels sich austauschen und Verabredungen treffen können. Auch soll in globalem Maßstab ein Problembewusstsein geschaffen werden, das als Basis einer Verhaltensänderung dient, wofür als sinnfälliges Beispiel der Film "Inconvenient Truth" von Al Gore angeführt werden kann.

Ein weiteres Ziel besteht in einer unmittelbaren Verbesserung der Lebensbedingungen armer Menschen. Die Gates-Stiftung konzentriert sich dabei auf Projekte, von denen sie sich einen großen Wirkungsgrad (gemessen an der Sterblichkeitsrate) verspricht. Deswegen investiert sie insbesondere in die Entwicklung und Verteilung von Impfstoffen gegen massenhaft auftretende Krankheiten in armen Ländern.

Schließlich kann das Ziel in einer Änderung der Handlungsbedingungen für die Mitglieder einer Gesellschaft gesehen werden. Wenn die Grameen-Bank, wie die genossenschaftlichen Volks- und Raiffeisenbanken im ausgehenden 19. Jahrhundert Deutschlands, Klein- und Kleinstkredite ausgibt, verschafft sie damit den Kreditnehmern die Chance zu wirtschaftlicher Selbstständigkeit.

Diese drei Typen können, in Übernahme und Weiterentwicklung der in der vornehmlich angloamerikanischen Fachliteratur gebräuchlichen Begriffe, als "social entrepreneur", als "civil entrepreneur" und als "Philanthropen" bezeichnet werden. Der Typus des Philanthropen steht für das uneigennützige und freigiebige Engagement wohlhabender Individuen, die ihr privates Vermögen für die Verbesserung der Lebensbedingungen anderer Menschen und für gemeinnützige Zwecke einsetzen. Auch für sie ist ein gesellschaftlicher Wandel das Ziel des Handelns.

Im Unterschied zu karitativ wirkenden privaten Anbietern sozialer Leistungen nimmt der Typus des "social entrepreneur" stärker die Rolle des Schrittmachers für einen strukturellen sozialen Wandel wahr. Wie ein Wirtschaftsunternehmer eine Gelegenheit erkennt, so sieht auch der Sozialunternehmer eine Änderungschance für jenen unbefriedigenden Zustand, in dem Menschen aufgrund mangelnder Ressourcen oder ungenügender Rahmenbedingungen nicht in der Lage sind, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, und entwickelt ein Angebot, mit dem ein "sozialer Mehrwert" erreicht werden kann? der einer sozial benachteiligten Gruppe oder der Gesellschaft insgesamt zugutekommt. Bei der Realisierung setzt er seine persönlichen Fähigkeiten ein: Ideenpotenzial, Kreativität, Risikobereitschaft, Wissen und Engagement. Die Idee des "social entrepreneurs" soll sich durch Nachahmung gesellschaftlich verbreiten, auch indem politische Institutionen die Idee in ihren Programmen aufnehmen, und im Idealfall sollen sich soziale Verhaltensweisen so grundlegend ändern, dass eine kollektiv verbindliche Regulierung durch eine öffentliche Hoheitsgewalt überflüssig wird.

Die unternehmerische Haltung findet sich auch bei dem dritten Typus wieder, dem "civil entrepreneur", der ein öffentlich wirksamer oder anderweitig einflussreicher Politiker ohne Amt ist und der sich erfolgreich für gesellschaftlichen Wandel einsetzt. Seine Handlungsformen sind im Spektrum des klassischen politisch-bürgerschaftlichen Engagements angesiedelt: Aufklärung und Lobby-Arbeit für nachhaltige Lösungen. Der gesellschaftliche Wandel wird indirekt erreicht, indem andere beeinflusst werden: Regierungen und internationale Organisationen, Wähler und Politiker, Verbraucher und Firmen.

Die unterschiedenen Tätigkeitsformen können sich auch bei einem Individuum vereinigt wiederfinden. So hat Bill Clinton mit seiner Clinton Foundation soziale Dienstleistungen angeboten, er hat weiterhin mit seiner Clinton Global Initiative die Idee einer globalen Kontaktbörse realisiert, auf der es zu ventures zwischen "social" entrepreneurs und Geldgebern kommt, und schließlich versucht er mit seiner Clinton Climate Initiative wichtige Akteure wie Großstädte für ein CO2-Reduktionsprogramm zu gewinnen.

Die neuen Weltbürger reagieren auf die aus ihrer Sicht unzureichende Leistung der Staaten und der Internationalen Organisationen, die nicht hinreichend für den Schutz der global common goods und die Sicherstellung der Rechte des Einzelnen sorgen. Die Reaktion auf das erkannte Defizit ist aber nicht Opposition gegen die zunehmende Verflechtung der Welt, sondern der Versuch, sie im Sinne eines sozialen Wandels für die eigenen Ziele zu gestalten. Die neuen Weltbürger leisten damit durchaus einen Beitrag zu transnationaler Governance, versteht man unter Governance eine Form sozialer Handlungskoordination, die nicht nur auf kollektiv verbindliche Regelungen, sondern auch auf die Bereitstellung kollektiver Güter abzielt und dies zudem mit dem gemeinsamen Interesse des Kollektivs gerechtfertigt wird.

Hier gilt es allerdings kritisch zu fragen, ob eine solche Bereitstellung von Gemeinschaftsgütern dazu führt, dass Staaten aus ihrer Verantwortung, elementare Schutz- und Versorgungsleistungen für die Bevölkerung zur Verfügung zu stellen, entlassen werden. Auch ist die Frage der Legitimität und Kontrollierbarkeit eines solchen machtvollen Handelns von Individuen aufgeworfen, die nicht den demokratischen Rechenschaftspflichten gewählter Amtsinhaber unterliegen.

Wenn die neuen Weltbürger mit ihrem besonderen Zugang zur Öffentlichkeit ein Bewusstsein für globale Probleme schaffen, können sie auf die sozialen Normen der Weltgesellschaft einwirken. Dem weltbürgerlichen Engagement kann hier eine Komplementärfunktion zur Staatenwelt zuerkannt werden. Die Akteure der Gesellschaftswelt nehmen Aufgaben wahr, zu denen die Institutionen der Staatenwelt aus strukturellen Gründen nur unzureichend oder gar nicht in der Lage sind.

Daneben kommt dem weltbürgerlichen Handeln aber auch eine Pilotfunktion für die Politik zu. Ein gutes Beispiel dafür ist die Übernahme der gesellschaftlich entwickelten und erprobten Idee der Mikrokredite durch die Weltbank.

Für das Bild der politischen Ordnung jenseits des Nationalstaates fügen die neuen Weltbürger einen weiteren Mosaikstein in der transnationalen Ebene hinzu, nämlich die horizontalen Beziehungen zwischen den Mitmenschen, die einander jene transnationale Solidarität erweisen, die in der Erklärung der Menschenrechte als Fundament der normativen Integration der Weltgesellschaft angesprochen ist: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen." (Art. 1 AEMR) Die Solidarität gründet in dem Bewusstsein, Angehörige der einen Menschheit zu sein, die als moralische und politische Gemeinschaft verstanden wird, deren Mitglieder Rechte und wechselseitige Pflichten haben.

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