+
Söder habe sich in der letzten Zeit mehrfach mit CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer abgestimmt, heißt es in München.

Kabinett

Neue Querschüsse aus München

  • schließen

CSU-Chef Söder will offenbar noch im laufenden Halbjahr Scheuer und Seehofer austauschen

Die Atmosphäre war friedlich-heimelig. Unter den Leuchtern des noblen Lambertisaals im oberbayerischen Kloster Seeon lauschten diese Woche die CSU-Landtagsabgeordneten der Grundsatzrede ihres Parteichefs. Das einzige, was nicht so recht in die Stimmung passte, war Markus Söders Laune.

Intern, so berichten Zuhörer, machte Söder seinem Zorn über die eigenen Minister in Berlin so deutlich Luft wie nie zuvor. Er kreidet der Bundespolitik die schwachen CSU-Umfragewerte in Bayern – 36 Prozent – an. Im Freistaat sei die Resonanz gut, Berlin schwäche die CSU. Vor allem hadert Söder mit Verkehrsminister Andreas Scheuer und dessen endlosem Ärger mit der Pkw-Maut. Die Maut sei „ein Mühlstein, der uns weiter runterzieht“, schimpft er.

Die Mühlstein-Wortwahl ist hart. Söder sieht sich aber bestätigt durch inzwischen mehrere Umfragen in Bayern, die quer durch alle Parteien verheerend schlechte Vertrauenswerte für Scheuer ermittelten. Er lässt deshalb in Seeon sogar vor laufenden Kameras einen Satz fallen, der wie ein Messerstich klingt. „Umfrage- und Akzeptanzwerte einzelner Personen sind ein Gradmesser für die Zukunft.“ Das klingt nach einer kurzen Zukunft.

Ähnlich schroffe Sätze über Horst Seehofer sind in der jüngeren Zeit nicht bekannt. Aus Söders Umfeld ist aber klar zu erfahren: Der Parteichef will bei einer Kabinettsumbildung in Berlin Verkehrs- und Innenminister ersetzen. Nicht sofort, aber im ersten Halbjahr 2020, vor Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft. Jüngere, unbelastete Kräfte sollen ran.

Söder wäre ein gemeinsamer Umbau-Plan der Union am liebsten. Erstens, weil der CSU-Chef die CDU-Minister Peter Altmaier (Wirtschaft) und Anja Karliczek (Forschung) fachlich für eine Belastung in der großen Koalition hält. Zweitens, weil Söder mit der CDU gern einen Ministeriumstausch aushandeln würde. Er wolle das Agrarministerium für die CSU zurückholen, sagte er bereits vor Landwirten.

Auch an Verteidigung und Forschung soll er Interesse haben. Den Ressorts Innen, Verkehr und Entwicklung würde Söder jedenfalls keine Träne nachweinen. Er schlägt vor, die Personalien bis Sommer in einer Paketlösung zu klären – inklusive Kanzlerkandidatur.

Eine Rochade bei der CSU werde auch den Druck auf die CDU erhöhen, heißt es in Kreisen der Christdemokraten. Auch in deren Reihen gilt Wirtschaftsminister Altmaier als stark gefährdet. Man könne „nicht mit ihm“ in die Bundestagswahl 2021 ziehen, sagen Parteifreunde.

Klärung Ende des Jahres

Söder habe sich in der letzten Zeit mehrfach mit CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer abgestimmt, heißt es in München. Sie wollte bisher die K-Frage allerdings erst Ende 2020 klären. Sein Ziel ist nicht das Unruhestiften an sich. Ihn treibt die Sorge um, mit der alten Mannschaft bei der Bundestagswahl 2021 baden zu gehen und als Parteichef dafür auch noch die Verantwortung übernehmen zu müssen. Die Union müsse unbedingt zeigen, „dass unser Anspruch über 2021 hinausgehen wird“, sagt er.

Für wie schwierig er die kommende Wahl hält, machte er ebenfalls in interner Runde in Seeon deutlich. Drei Optionen gebe es nur noch, zitieren ihn die Abgeordneten. Entweder gebe es Grün-Rot-Rot mit der Union in der Opposition, das ungünstigste Szenario. Oder „eine wenig gute Option Schwarz-Grün und eine ganz schlechte Grün-Schwarz“.

Auf wen Söder in Berlin künftig setzt, ist noch unklar. Innenstaatssekretär Stephan Mayer (46) traut er ein sicherheitspolitisches Ressort zu. Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (41) zählt zur Führungsreserve, ebenso Vize-Generalsekretär Florian Hahn (45). Ein Joker aus München ist Generalsekretär Markus Blume (44). Und außerhalb der Generation 40 Gerd Müller (64), der als möglicher Agrarminister gilt. Offen ist noch, wie lange die amtierenden Minister die Querschüsse aus München hinnehmen. Seehofer wird zugetraut, mit einem Rumms zurückzutreten. Bisher reagierte er aber gelassen. „In meinem Alter“, sagte er vor einigen Tagen, „müssen Sie täglich nach dem Aufstehen prüfen, ob Sie noch im Amt sind“. mit mdc

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion