Neue Herren

Die Leibwache Kadyrows versetzt auch tschetschenische Zivilisten in Angst und Schrecken

Von Florian Hassel (Argun)

Wahrscheinlich wäre Abdul Batschajew besser hungrig zur Arbeit gefahren. Doch Batschajew, Wachmann in einer Großbäckerei im tschetschenischen Städtchen Argun, hat eine lange Nachtschicht vor sich, und deshalb fährt er am Nachmittag dieses 4. März noch schnell auf den Markt. Er kauft ein, verstaut die Lebensmittel im Auto und muss warten. Mit hohem Tempo passieren Limousinen den Markt. In ihnen sind Leibwächter von Interimspräsident Achmed Kadyrow unterwegs. Ein ruppiger Kerl geht auf Batschajews Wagen zu und zerschlägt den Rückspiegel, weil das Auto angeblich im Weg steht. Batschajew springt aus dem Wagen. Der Leibwächter pfeift Verstärkung herbei. Batschajew ist ein kräftiger Mann. Doch gegen die Übermacht hat er keine Chance.

Mindestens sechs Kadyrow-Leibwächter schlagen ihn zusammen und treten auf den am Boden Liegenden ein, berichten mehrere Augenzeugen der Frankfurter Rundschau und der Süddeutschen Zeitung bei einer gemeinsamen Recherche. Schließlich werfen sie den Wachmann in den Kofferraum eines ihrer Wagen und brausen davon. Batschajew kommt in einer knapp zehn Quadratmeter großen Zelle wieder zu sich. Er begreift, im Gefängnis der Kadyrows in deren Heimatort Zenteroj gelandet zu sein. Batschajew fürchtet um sein Leben.

Achmed Kadyrow ist der Statthalter des Kreml. Im ersten Tschetschenienkrieg rief er als Mufti die Tschetschenen zum Heiligen Krieg gegen die Russen auf. Später zerstritt er sich mit Präsident Aslan Maschadow wegen des wachsenden Einflusses islamistischer Fanatiker. Als im Herbst 1999 der zweite Tschetschenienkrieg begann, übergab Kadyrow die Stadt Gudermes kampflos der russischen Armee. Deren General Gennadij Troschew präsentierte Kadyrow wenig später als "den einzigen Mann, der heute fähig ist, die Republik zu führen".

Mitte Juni 2000 ernannte Präsident Wladimir Putin Kadyrow zum Chef einer Übergangsverwaltung. Nach dem von offensichtlichen Fälschungen begleiteten Referendum in diesem März ist Kadyrow amtierender Präsident und Favorit für die im Herbst anstehenden Präsidentschaftswahlen. Er brüstete sich bereits Ende 1999 damit, seine von seinem Sohn Ramsan kommandierte Leibwache umfasse "700 bis 800 Bewaffnete". Seitdem sind Hunderte ehemaliger Rebellen hinzugekommen. Wie das gelang, schilderte kürzlich die Tageszeitung Kommersant: Ein von Ramsan Kadyrow geführter Stoßtrupp überrumpelt nachts Rebellen in ihren Häusern und macht ihnen schließlich folgendes Angebot: "Komm zu uns, und Du lebst normal. Wenn Du ablehnst, stirbst Du."

Die Leibwache kämpfe für "Frieden, Ordnung, die Verfassung und das Gesetz", betonte Ramsan Kadyrow neulich im russischen Fernsehen. Doch tatsächlich "sind die Leute Kadyrows und mit ihm verbündeter Kommandeure wie der Jamadajews aus Gudermes seit langem außer Kontrolle", sagt ein hoher Beamter der tschetschenischen Verwaltung. "Es sind mindestens 1500 Schwerbewaffnete, die sich niemandem unterordnen." Regelmäßig werden die Leibwächter vom Militärgeheimdienst GRU trainiert, der Russlands Generalstabschef Anatoli Kwaschnin untersteht.

"Früher haben wir gekämpft. Jetzt sind wir die Herren der Republik", hörte eine Marktfrau Mitglieder der Leibwache durch Argun rufen. Einem anderen Augenzeugen zufolge hielten Kadyrows Männer einem zwölfjährigen Jungen eine Pistole an den Kopf und forderten ihn auf: "Sag uns, wo die Rebellen sind!" Dem hohen Beamten der tschetschenischen Verwaltung zufolge machen Kadyrows Leibwächter keineswegs allen Rebellen Angebote zur "Rückkehr ins friedliche Leben", vielmehr machen sie Jagd auf die Widerständler.

Anna Politkowskaja von der Wochenzeitung Nowaja Gaseta berichtete im vergangenen September, Gegner Kadyrows würden in illegalen Gefängnissen festgehalten oder ermordet. Doch neben Rebellen fallen der Leibwache offenbar auch Unschuldige zum Opfer. Die Menschenrechtsorganisation Memorial führt allein für Februar 2003 zwei Entführungen an, für die Kadyrows Leibwächter verantwortlich seien. "Das", sagt eine Memorial-Mitarbeiterin, "ist nur die Spitze eines Eisbergs."

Wachar Jussupow ist 21 Jahre alt und Polizist in Argun. Am 4. März, berichtet er im Gespräch mit FR und SZ, sei er wie gewöhnlich auf Streife gegangen: "Als ich zum Markt komme, sehe ich, dass Kadyrows Männer einen am Boden Liegenden wie einen Hund zusammenschlagen. Ich erkenne meinen Bekannten Abdul Batschajew. Hört auf, was prügelt Ihr auf einen Wehrlosen ein, Ihr schlagt ihn noch tot, versuche ich sie zur Vernunft zu bringen." Daraufhin stürzen sich Kadyrows Männer auf den Polizisten. Als Jussupow Hilfe rufen will, werfen sie ihn zusammen mit Batschajew in einen Kofferraum. Auch der Polizist weiß am Ende der Fahrt, dass sie ihn nach Zenteroj gebracht haben. In ein einstöckiges, aus Ziegelsteinen errichtetes Haus mit großzügigem Innenhof, der mit einer hohen Mauer gegen neugierige Blicke abgeschirmt ist. Autos stehen dort. Im Hintergrund sieht Jussupow einen Sportsaal mit Trainingsgeräten, an denen sich die Leibwächter fit halten.

Dann wird er mit Batschajew in eine Zelle geworfen. Sie sind nicht die einzigen Gefangenen: Zwei andere Tschetschenen hält man dort schon seit fast zwei Wochen fest. Jussupow glaubt heute: "Ohne unsere Freunde und Verwandten wären wir umgebracht und irgendwo verscharrt worden."

Die Freunde und Verwandten, selbst schwer bewaffnet, gehörten zur Leibwache des kurz zuvor abgelösten Bürgermeisters von Argun. "Als wir von der Entführung erfuhren, fuhren wir in Kadyrows Dorf und sagten seinen Leuten: Entweder gebt Ihr unsere Jungs lebend heraus. Oder wir kommen und schießen Euer schönes Haus in Stücke", berichtet einer der Freunde des Polizisten. Auch Jussupows Vorgesetzte schlagen beim Innenministerium in Grosny und in Moskau Alarm. Dem Polizisten zufolge lässt Russlands Innenminister Boris Gryslow schließlich Kadyrow ultimativ auffordern, seinen Untergebenen unverzüglich freizulassen.

In der Zwischenzeit schlagen Kadyrows Schergen vor allem Wachmann Batschajew den Schilderungen zufolge gnadenlos weiter. Dann hören Batschajew und Jussupow die Warnung anderer Gefangener: "Ruhe! Dostum kommt!" Der da kommt, ist natürlich nicht der echte Dostum: Abdul Raschid Dostum ist ein wegen seiner legendären Grausamkeit berüchtigter Warlord in Afghanistan. Ramsan Kadyrow, der Chef der Leibwache, wird von seinen Männern Dostum genannt. "Ihr wisst, wer ich bin", sagt er, als er die Zelle betritt. "Dann wisst Ihr auch, gegen wen Ihr antretet. Ich bin hier das Gesetz." Dann geht er. Wachmann Batschajew unterschreibt, dass er "die Kolonne des Oberhaupts der tschetschenischen Republik" behindert und keinen Grund zur Klage habe. Jussupow aber bleibt standhaft. Nachdem Kadyrows Männer tags darauf beide Gefangene freilassen, erstattet der Polizist Anzeige. Ein Justizbeamter bestätigt das. Die Staatsanwaltschaft von Argun ermittele wegen "Anwendung von Gewalt gegen einen Vertreter der Staatsgewalt".

Für das russische Publikum ist das Thema Leibwache tabu. Sergej Jasterschembskij, Tschetschenien-Sprecher des Kreml, lässt auf die Fragen, wem die Leibwache Kadyrows unterstehe und ob ihm Meldungen über Entführungen in diesem Zusammenhang bekannt seien, ausrichten: "Für solche Fragen bin ich die falsche Adresse." Das Büro von Generalstabschef Anatoli Kwaschin erklärt, die vor mehreren Tagen gemachte schriftliche Anfrage sei "in Bearbeitung". Achmed Kadyrow selbst sagt: "Alles Gerede über ein Gefängnis ist Unsinn. Mein Sohn ist Leiter einer Spezialabteilung. Deren Aufgabe ist es, Banditen aufzuspüren, festzunehmen und zu vernichten."

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