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Bei den Grünen fließt am Wahlabend mutmaßlich viel Champagner.

Grüne

Das neue Heimatgefühl ist grün

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  • Marina Kormbaki
    Marina Kormbaki
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Die Grünen haben die Schwäche der CSU am besten für sich genutzt.

Der grüne Balken steigt und steigt, und als er bei der Marke von 18,5 Prozent halt macht, erfüllt triumphaler Jubel Saal eins im Bayerischen Landtag. Es knallt, und glitzernd-grüner Konfettiregen flattert umher. Wenige Minuten später spricht die Grünen-Spitzenkandidatin Katharina Schulze einen Satz, der so oder so ähnlich allen an diesem Abend im Landtag Versammelten durch den Kopf gehen dürfte: „Dieses Wahlergebnis hat Bayern jetzt schon verändert.“

Drei Ziele hatten sich die bayerischen Grünen gesetzt: Sie wollten endlich einmal zweistellig abschneiden. Sie wollten zweitstärkste Kraft im Land werden. Und sie wollten die absolute Mehrheit der CSU brechen. Alle drei Ziele haben sie am Sonntagabend erreicht. Da war aber auch noch ein viertes, sozusagen inoffizielles Ziel: die Regierungsbeteiligung. Ach dieses scheint am Sonntagabend, nach Bekanntgabe der ersten Prognosen, in greifbarer Nähe. 
Die Wahlkampfstrategie der Grünen ist aufgegangen. Eine Strategie, die zu gleichen Teilen aus Gefühl und einem klaren inhaltlichen Profil gespeist war. 

Lange Zeit war es allein der CSU vorbehalten, das „Bayern-Gefühl“ zu verkörpern – diese besondere Mischung aus Tradition und Fortschrittsgeist, gebündelt in dem Motto „Laptop und Lederhose“. Die Grünen haben den Christsozialen dieses Alleinstellungsmerkmal streitig gemacht. Hartmann gab den Verteidiger der hübschen bayerischen Landschaft, als er vor „Flächenfraß“ und „Betonflut“ warnte. Schulze forderte im Dirndl mehr Stellen für die Polizei. In Bayern ist über den Hitzesommer ein Wettbewerb um Heimatverbundenheit und Staatstreue entbrannt. Und ausgerechnet die Grünen sind daraus als Sieger hervorgegangen. 

Gute Laune und Zuversicht wurden zu den Markenzeichen von Katharina Schulze und ihrem Ko-Spitzenkandidaten Ludwig Hartmann. Lächeln, herzen, Mut zusprechen – Schulze, 33, und Hartmann, 40, erinnerten bei ihren Wahlkampfauftritten mitunter eher an Motivationscoachs als an Politiker. Ihr Feel-Good-Wahlkampf traf offenbar einen Nerv bei den Wählern: Woche für Woche stiegen die Umfragewerte der Partei – auf zuletzt 19 Prozent. Die Meinungsforscher lagen offenbar richtig. Die Beliebtheit der bayerischen Grünen hat Höhen erreicht, die diese nie zuvor erklommen haben. Ihr bisher bestes Wahlergebnis waren 9,4 Prozent im Jahr 2008.

In der Berliner Parteizentrale haben sie zuletzt oft auf Analysen und Grafiken mit Pfeilen geschaut – Pfeile, die vom Balken für die CSU weg zu jenem der Grünen verweisen. Ministerpräsident Markus Söder hat mit rechtspopulistischen Äußerungen so manchen liberalen Bürgerlichen verschreckt. Der von ihm befeuerte und von Parteichef Horst Seehofer in Berlin gegen die Kanzlerin ausgefochtene Asylstreit hat das Ansehen der CSU als staatstragende Partei beschädigt. So ist in der politischen Mitte eine Lücke entstanden, die weder SPD noch FDP zu füllen vermochten. Die Grünen hingegen konnten frühere CSU-Wähler für sich gewinnen. 

Einen Anteil daran hat gewiss auch die Bundespartei. In den Jamaika-Verhandlungen haben sich die Grünen den Respekt vieler Bürger erarbeitet. Annalena Baerbock und Robert Habeck, die neuen Parteichefs, sind auch für Bürger wählbar, die nicht auf Demonstrationen in Wackersdorf oder im Wendland politisch sozialisiert würden. Sie sind Vertreter einer neuen Generation von Grünen-Politikern, die weit über das umweltbewegte Kernmilieu hinaus überzeugen können – wie nun auch Bayern zeigt. Habeck ist denn auch an diesem Abend in München der erste Gratulant. 

Flügelkämpfe gibt's in Bayern nicht

Die bayerischen Grünen fremdeln nicht mit der Macht, sie streben sie an – an der Seite der CSU. Da sind die bayerischen Grünen recht pragmatisch. Flügelkämpfe zwischen Parteilinken und Realos sind ihnen ohnehin fremd. Die Vorstellung, Aufpasser der CSU zu sein, ein liberales Korrektiv zu nationalkonservativer Politik, behagt erstaunlich vielen Grünen im Süden. 

Im Ganzen aber brächte eine bayerische Regierungsoption die Grünen in eine schwierige Lage. Einerseits würde die Ökopartei, die ja längst an der Mehrzahl der 16 Landesregierungen beteiligt ist, noch einmal an Bedeutung gewinnen. Die Aussicht mitzugestalten, lockt. Andererseits ist die Spreizung zwischen rot-rot-grünen Regierungen wie in Berlin und Thüringen und einer schwarz-rot-grünen Koalition wie in Sachsen-Anhalt mit einer CDU, die in Teilen der AfD zuneigt, schon heute enorm. Im Übrigen gilt die CSU als schwierigster Partner. Eine schwarz-grüne Koalition, so heißt es in grünen Führungskreisen, könne es deshalb nur im Fall eines harten Politikwechsels geben. So müssten die erst vor Monaten errichteten Ankerzentren für Flüchtlinge ebenso weg wie das Polizeiaufgabengesetz und die bayerische Grenzpolizei. Bei der Europapolitik seien die Gegensätze hingegen nicht so wild, heißt es weiter. „Denn Bayern macht ja gar keine Europapolitik.“

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