EU-Beitritt Kroatien

Der neue Feind heißt Arbeitslosigkeit

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Eigentlich wollen die verbliebenen Serben in Kroatien bleiben. Doch das neue Mitglied der Europäischen Union bietet ihnen kaum Perspektiven.

Eigentlich wollen die verbliebenen Serben in Kroatien bleiben. Doch das neue Mitglied der Europäischen Union bietet ihnen kaum Perspektiven.

Hinter Petrinja drängen die üppigen Linden und Holundersträuche immer dichter an die immer engere Straße heran. Vom gleißenden Arena-Zentrum an der Autobahn mit seiner Shopping Mall, seinen Autosalons und seinem riesigen Kino sind es zu den Serben nur 50 Autominuten. Nach einem Abzweig führt der Weg über eine löchrige Makadam-Fahrbahn an Häuserresten vorbei. Wenn man schon umkehren möchte, kommt doch noch Jo?avica. Man erkennt es zuerst an den Blumen an den Toren, dass die Häuser dahinter vielleicht doch keine Ruine sind.

Etwa siebzig Menschen leben hier, die meisten vereinzelt auf kleinen, notdürftig hergerichteten Höfen. Mit viel Platz, viel Vergangenheit – und einer gehörigen Dosis an Trotz. Jo?avica ist, wie alle Dörfer in der Gegend, serbisch. Man erkennt das an einem Auto mit dem Kennzeichen von Novi Sad in Serbien. „Etliche kommen ab und zu noch her“, sagt Ortsvorsteher Mile Zubanovic, „und schauen in der alten Heimat nach dem Rechten.“ Sie kämen sicher gerne zurück, meint er. „Aber es gibt ja keine Arbeit.“

Selber hat der 55-Jährige es irgendwie noch mal geschafft. Immerhin sechzehn Kühe grasen auf der Wiese vor seinem großen Haus. Früher war hier das Ortszentrum. „Die meisten hier hatten einmal sogar noch eine Zweitwohnung in der Stadt“, erinnert er sich. Daran ist nicht mehr zu denken.

Wer zurückgekehrt ist, kommt halbwegs durch, mehr nicht. Einen Bus, mit dem man in die Stadt zur Arbeit fahren könnte, gibt es nicht, und auch kein fließendes Wasser. „Ohne Fernsehen“, meint die 58-jährige Danica Ranic, „würden wir hier leben wie in den 40er Jahren.“
Vor dem Krieg Anfang der 90er Jahre machten die Serben in Kroatien zwölf Prozent der Bevölkerung aus, heute sind es wahrscheinlich knapp vier. Seit dem großen Exodus der Serben im August 1995 hat Kroatien kein Minderheitenproblem mehr. Dafür hat es jetzt ein großes Strukturproblem.

Nicht nur in Jo?avica und im Nachbarort Blinja – überall in den alten Siedlungsgebieten der Serben sieht es noch aus wie im Krieg. Überall, wo einst die Serben lebten, herrschen heute Leere und Gestrüpp. „Gute Reise“ wünschte damals der erste Staatspräsident Franjo Tudjman den 200.000 Flüchtlingen, die in endlosen Traktorkolonnen über Bosnien nach Serbien zogen, und spottete, sie hätten „nur ihr schmutziges Geld und ihre dreckigen Unterhosen zurückgelassen“. Aber als die Serben weg waren, achtete erst die OSZE und später die EU peinlich darauf, dass kroatische Behörden den rückkehrwilligen Flüchtlingen keine administrativen Hürden in den Weg legten.

In Zagreb bauten sie für die Serben dann eben wirtschaftliche Hürden auf – eine fatale Strategie. Nicht nur die Banija, sondern auch die Gegend um Vukovar, woher die Serben nie flüchten mussten und wo sie heute ein Drittel der Bevölkerung ausmachen, gehört heute zu den wirtschaftlichen Problemzonen.

Petrinja, vor dem Krieg zur Hälfte serbisch, hat heute die höchste Arbeitslosigkeit im Land. Investiert wird hier nichts; von den 3000 Arbeitsplätzen in der Lebensmittelfabrik Gavrilovic blieben 600.

Die Serben blieben weg, die Kroaten zogen fort. „etrinja“ steht in großen roten Leuchtbuchstaben an der bröckelnden Fassade des Kaufhauses. Das fehlende P am Anfang ist heruntergefallen. Unter großen Sonnenschirmen sitzen alte Leute, halten sich an den Kaffeetassen fest und schauen dem Schwerverkehr nach, der sich zwischen den Ruinen an der Hauptstraße in Richtung Bosnien wälzt. „Die meisten, die da sitzen, sind bosnische Kroaten“, sagt Mile Zubanovic, Menschen, die auch 18 Jahre nach dem Krieg noch immer herkommen, weil sie in ihrer Heimat noch weniger Zukunft haben.

Fragt man nach dem Grund für die Trostlosigkeit hier, geht es gleich um Geschichte und um Moral – auf beiden Seiten. Als Kroatien 1991 unabhängig wurde, packte nicht wenige Serben hier die Furcht. Andere setzten 1991 Hoffnungen, vielleicht auch in Jo?avica, auf das große, mächtige Reich, das im fernen Belgrad Slobodan Milo?evic den Serben versprach.

Aber man musste kein Nationalist sein, um einen Grund zur Furcht zu haben. Als Kroatien 50 Jahre zuvor schon einmal unabhängig geworden war – damals mit Hilfe von Hitlers Wehrmacht –, verschleppten Männer in Schwarzhemden die meisten der knapp tausend Einwohner von Jo?avica in Lager. Gezählte 272 Menschen kamen um.

1991 liefen wieder Schwarzhemden herum. Serben wurden von ihren Arbeitsplätzen entlassen, weil sie „Unruhe ins Kollektiv“ brachten, in den Städten wurden ihnen Wohnungen gekündigt. Mancherorts, wie in Gospic, wurden Serben zu Dutzenden verschleppt und ermordet. Ein serbischer Polizeikommandant in Zadar, der sich nicht absetzen lassen wollte, stellte eine Miliz auf. In der abtrünnigen „Republik Serbische Krajina“ wurden dann ihrerseits Kroaten gemobbt, bedrängt, vertrieben – wenn auch nicht in Jo?avica, wo keine Kroaten lebten.

Als die kroatische Armee 1995 in die Gegend einrückte, flüchteten bis auf zwei alte Männer alle 480 Einwohner des Dorfes. Danica Ranic und ihr Mann Damjan waren die Ersten, die zwei Jahre später die Rückkehr wagten. „Es gab keinen Strom, die Haustür stand offen, alles war geplündert“, erzählt sie. „Sogar die Lichtschalter hatte jemand abmontiert.“ Seither hat die Familie nur notdürftig Fuß gefasst.

Die beiden Enkelinnen bekamen noch eine Schwester. Milana, acht Jahre alt, ist in Kroatien geboren und muss jeden Tag den Schulbus nehmen. Wenn sie nach Hause kommt, ist ihr meistens langweilig; das einzige andere Kind im Ort ist noch ein Baby.

Von der offenen Feindschaft, die den ersten Rückkehrern noch entgegenschlug, ist heute kaum mehr etwas zu spüren. „Meinen Mitstudenten ist es egal, dass ich Serbin bin“, sagt die 25-jährige Milijana No?inic, die in Zagreb Betriebswirtschaft studiert und nur am Wochenende nach Jo?avica kommt. Sie weiß aber aus der Schulzeit von einer Lehrerin zu berichten, bei der immer die serbischen Schüler an allem schuld waren und die auch einmal fragte, warum sie überhaupt zurückgekommen seien.

Vom Zufluchtsort in Serbien aus hatte der Vater sich vorsichtig bei den kroatischen Behörden erkundigt, ob etwas gegen ihn vorliege. Ja, hieß es; drohende Gerichtsverfahren hielten damals viele Serben vor einer Rückkehr ab. Erst als der Vater mit Hilfe der norwegischen Botschaft nachhakte, kam Entwarnung: Die falsche Auskunft sei ein Computerfehler gewesen. „Falschmeldungen und Gerüchte gab es damals genug“, erinnert sich Mutter Nada. „Sie taten ihre Wirkung.“

Miljana will „ins Ausland“, wenn sie mit dem Studium fertig ist. Ihr Vater verdingt sich seit Jahren als Saisonarbeiter in der Nähe von Darmstadt in Hessen. Was die kleine Milana in der Schule lernt, heißt „Kroatisch“; die kyrillische Schrift des Serbischen kennt sie nicht.
Die Kirche, der andere wichtige Unterschied zwischen Serben und Kroaten, ist noch immer eine Ruine. „Das wäre schön“, sagt Miljana, „wenn wir hier wieder eine Kirche hätten.“ Aber für so einen Anspruch gibt es am wenigsten Geld. Die Kirche ist auch ein Symbol von Serbentum und serbischer Präsenz, und so etwas zu finanzieren ist auch großzügigen internationalen Geldgebern zu viel.

Ob es wohl besser wäre, wenn die Serben von Jo?avica gar keine Serben mehr sein wollten? Schwerfallen würde es ihnen nicht; man sieht ihnen die Nationalität nicht an, und sie sprechen wie alle anderen auch. Mile Zubanovic, der Ortsvorsteher, zuckt mit den Schultern. Da stehen dann doch die Reste des Denkmals im Wege, das die Einwohner von Jo?avica irgendwann in den 60er Jahren für ihre getöteten Mitbürger aus dem Zweiten Weltkrieg gebaut haben und das jemand zerstört hat, als sie weg waren. Wenn die Kroaten die Sieger der Geschichte sein wollen, dann muss es eben auch Verlierer geben. Auf der Terrasse seines Hauses sitzen nach getaner Arbeit die Männer von Jo?avica, trinken einen Birnenschnaps und blinzeln gegen die Abendsonne hinaus in das grüne Land mit seinen sanften Hügeln, von dem sie nicht mehr wissen, ob es ihnen gehört.

Feinde sind die Kroaten schon lange nicht mehr, wenn sie es denn je waren. „Es gibt mehr Spannungen zwischen den eingesessenen und den zugewanderten bosnischen Kroaten als zwischen Kroaten und Serben“, sagt Mile Zubanovic. Er hat sich einer kroatischen Partei angeschlossen und setzt ganz auf den neuen, kroatischen Bürgermeister von Petrinja, der „wirklich etwas erreichen“ wolle. Das Kämpfen haben beide gelernt. Die Feinde heißen Nezaposlenost und Pustinja, Arbeitslosigkeit und Kulturwüste. Auf Kroatisch wie auf Serbisch.

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