Für das Recht auf Privatsphäre: Protest in Berlin.

Netzaktivistin Anne Roth

„Digitale Gewalt betrifft alle“

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Netzaktivistin Anne Roth über die Lehren aus Datenskandalen und die Chance auf Selbstverteidigung.

Frau Roth, in den vergangenen Wochen wurde viel über „Cybersicherheit“ diskutiert. Sie kritisieren den Begriff. Warum?
Weil es ein Begriff ist, der vernebelt, was konkret gemeint ist. Geht es um Angriffe auf Atomkraftwerke oder die digitale Sicherheit von Nutzerinnen und Nutzern? Mich stört auch diese geheimnisvoll-gefährliche Aura, die mit sich bringt, dass viele Menschen sich nicht zutrauen, sich ein bestimmtes Wissen anzueignen. Vielleicht ist das auch zusätzlich so, weil das ein sehr technisches und stark männlich besetztes Thema ist. Und weil unheimlich viel Bluff seitens einiger „Cyberexperten“ dabei ist.

Nachdem bekannt wurde, dass mutmaßlich ein junger Mann aus Hessen massenhaft persönliche Daten von Prominenten veröffentlicht hatte, konzentrierte sich die Debatte auf die Sicherheitsbehörden. Was halten Sie von Vorschlägen aus dem Innenministerium, etwa personell aufzustocken?
Die neuen Stellen im Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) waren ja bereits beschlossen. Ich finde es sinnvoll, wenn es mehr Leute gibt, die sich mit digitaler Sicherheit beschäftigen, auch beim BSI – wenn es dort einen Schwenk gibt, sich mehr um Verbraucher zu kümmern. Wir (die Bundestagsfraktion der Linken, Anm. der Redaktion) haben im November eine Kleine Anfrage dazu gestellt, da hieß es noch: Nein, das BSI ist nur zuständig für Netze und Infrastrukturen. Die restlichen Vorschläge aus dem Innenministerium halte ich für Augenwischerei, die übliche Folklore: mehr Überwachung, Hackbacks, Staatstrojaner. Das ist höchst problematisch, weil damit Grundrechte eingeschränkt werden.

Es gibt zudem Zweifel an deren Wirksamkeit.
Ja, nur als Beispiel: Hackbacks, also Gegenangriffe von Behörden auf die Systeme mutmaßlicher Täter, sind eher eine Gefahr für die IT-Sicherheit. Und wie sie in dem konkreten Fall hätten helfen sollen, dafür gibt es keine sinnvolle Erklärung. Es gab in der Debatte aber auch einen zweiten Strang.

Und zwar?
Der Fokus auf die Abgeordneten und die Gefährdung der Demokratie. Das ist tatsächlich nicht zu vernachlässigen. Die Erpressbarkeit von Abgeordneten ist ein Problem, wenn es sie gibt. Aber untergegangen ist das viel größere Problem, das Doxing und digitale Gewalt für alle Menschen darstellt. Dass darüber kaum geredet wird, das finde ich schwierig.

Sie haben bereits Ende Dezember über digitale Gewalt gegen Frauen referiert, auch über Doxing, das Veröffentlichen von privaten Daten gegen den Willen der Betroffenen, um ihnen zu schaden. Sie haben kritisiert, dass Behörden das Phänomen nicht ernst nähmen. Wenig später war klar, es sind viele Abgeordnete betroffen. Ändert sich jetzt etwas?
Ein kleines bisschen. Die Debatte der letzten Wochen hat auf jeden Fall zu mehr Bewusstsein geführt. Der Fokus muss sein, den Betroffenen zu helfen. Ich fürchte aber, dass der Leak, der als „Collection #1“ kurz danach bekannt wurde und sehr viel mehr Menschen betrifft, aber nicht so sehr Prominente, nicht so bekannt wird. Ich glaube, wir sind drei Schritte vorgegangen, aber werden auch wieder zwei zurückgehen. Es wird noch lange dauern, bis die notwendigen Dinge getan werden, damit solche Angriffe weniger dramatisch ausfallen.

Woran mangelt es besonders?
Es fehlt auf allen Ebenen ein Bewusstsein für das das Problem. Es fehlen Zahlen, es fehlen die entsprechenden Gesetze, es fehlen Fachleute, die Betroffenen helfen. Es fehlt an Druck aus der Politik auf die Anbieter und Plattformen. Es fehlt massiv an digitaler Bildung, damit Menschen lernen, sich selber zu schützen.

Was verstehen Sie überhaupt unter digitaler Gewalt?
Ein anderer Begriff dafür ist technikbasierte Gewalt. Gemeint sind alle Formen von Gewalt, bei denen IT-Geräte, zum Beispiel Smartphones, genutzt werden, oder die im Internet, etwa in sozialen Medien, stattfinden.

Wie viele Menschen sind betroffen?
Das ist schwer zu beantworten. Es ist ein Teil des Problems, dass es keine repräsentativen Studien gibt. Aber das Problem ist riesig und es wächst, das sagen alle, die sich damit beschäftigen. Laut einer Studie hat jede zehnte Frau ab 15 Jahren bereits digitale Gewalt erlebt. Auch das Problem Online-Harassment, das im öffentlichen oder halböffentlichen Bereich gerade auch unter Jugendlichen stattfindet, ist massiv. Statistiken über den strafrechtlich relevanten Teil des Phänomens werden nicht geführt. Das muss sich ändern. Denn erst wenn man belegen kann, wie groß das Problem ist, wächst der Druck, etwas dagegen zu tun.

An wen können sich Betroffene wenden, wenn private Bilder oder die Adresse im Internet verbreitet werden?
Der erste Schritt ist, selbst ernst zu nehmen, dass das ein Problem ist, und nicht zu fürchten, dass man einen Fehler gemacht hat und jetzt alleine klarkommen muss. Wichtig ist, sich Hilfe zu suchen. Wenn Frauen betroffen sind, wie in der Mehrzahl der Fälle, dann sind Frauenberatungsstellen eine Möglichkeit oder das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen. Wenn es strafrechtlich relevant wird, sollte man Anwälte kontaktieren. Das fängt bei Beleidigung, Stalking, Doxing oder der Androhung, Daten zu veröffentlichen, an – was gerade im privaten Bereich nicht selten vorkommt. Klar ist: Das passiert nicht nur Prominenten, das passiert in Beziehungen oder unter Kollegen. Und das muss man nicht hinnehmen.

Werden Frauen und Männer gleichermaßen zum Ziel?
Das Pew Research Center hat herausgefunden, bei den „leichteren Formen“ digitaler Gewalt, wie Beschimpfungen und Bedrohungen, sind Männer häufiger betroffen, etwa bei öffentlichen Auseinandersetzungen, zum Beispiel auf Twitter. Bei allem was nicht so sichtbar ist, aber noch stärker ans Eingemachte geht, sind Frauen stärker betroffen und dort besonders die Jüngeren. Zudem sind sichtbare Frauen massiv im Fokus: Feministinnen, Bloggerinnen, Journalistinnen, Politikerinnen. Und solche, die von verschiedenen Formen von Diskriminierung betroffen sind.

Was können Menschen für ihre digitale Selbstverteidigung tun?
Der erste wichtige Schritt ist, sich selber klarzumachen, dass das nichts Schambeladenes ist, wenn man bestimmte Dinge nicht weiß. Auch viele, die sehr digital und klug daherkommen, wissen einiges nicht – und denen fällt es dann besonders schwer, Fragen zu stellen. Wir brauchen eine Kultur, in der es auch möglich ist, zu fragen und sich gegenseitig zu helfen.

Wie kann man dazu beitragen?
Was niemandem Spaß macht, ist alleine zu Hause vor einer Anleitung zu sitzen. Was viel besser funktioniert ist, wenn man sich mit drei, vier Leuten in der Mittagspause an den Tisch setzt und das gemeinsam ausprobiert – und sich zum Beispiel einen Passwortmanager einrichtet.

Und technisch?
Ganz banale Dinge: Passwörter ändern, nirgendwo dasselbe benutzen, Zwei-Faktor-Authentifizierung. Damit ist schon viel geholfen. Dann kann man noch darauf achten, wo sind Daten von mir einsehbar, die vielleicht einmal genutzt oder zusammengeführt werden könnten mit anderen Informationen. Wenn man die paar Schritte gegangen ist, ist schon viel gewonnen.

Sie fordern, ganz grundsätzlich die „neoliberale Perspektive ‚Unternehmen first, Menschen second’“ auf Digitalisierung abzulegen. Was ist damit gemeint?
Ich glaube, dass wir zurzeit zu wenig regulieren, auch was IT-Sicherheit angeht. Zum Beispiel könnte man vorschreiben, dass Plattformen keine einfachen Passwörter wie 12345 mehr akzeptieren dürfen. Was mir grundsätzlich fehlt, ist eine öffentliche Diskussion darüber, was der Umgang mit digitalen Medien und Plattformen im Alltag für Nutzer an Gefahren mit sich bringt. Aber nicht in abschreckender Weise, sondern als Angebot, das Lust macht zu lernen, etwas besser zu beherrschen, sich sicherer zu fühlen. Da sind bestimmte Ministerien gefordert. Aber das gehört auch in die Schule und die Universität. Meine eigenen Kinder lernen auf dem Gymnasium ganz viel über bestimmte Excel-Funktionen, aber nicht wie man sichere Passwörter generiert. Das finde ich viel wichtiger, wenn die sich in Youtube-Kanälen und mit eigenen Accounts auf Instagram herumtreiben.

Interview: Martín Steinhagen

Zur Person

Anne Roth arbeitet als Referentin für Netzpolitik der Linksfraktion im Bundestag. Zuvor war sie dort für den NSA-Untersuchungsausschuss zuständig.

Die Netzaktivistin und Feministin lebt in Berlin und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen Überwachung und Grundrechte, etwa auf ihrem Blog annalist.noblogs.org.

Zur Sache

Zwei-Faktor-Authentifizierung: Statt sich nur mit einem Passwort zu identifizieren, ist hier zusätzlich ein zum Beispiel per App generierter Code nötig. Damit müsste ein Angreifer sowohl das Passwort kennen als auch Zugang zu diesem „zweiten Faktor“ haben.

Passwortmanager: Mit Passwortmanagern lassen sich Kennwörter verschlüsselt verwalten oder auch im Programm per Zufallsgenerator erzeugen. So kann für jeden Einsatzzweck ein anderes und ausreichend langes Passwort verwendet werden, ohne sich jedes merken zu müssen. (mas)

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