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Im Gasthaus „Goldener Löwe“ in Thüringen gibt es „Führerschnitzel“ für 8,88 Euro.

Rechtsextreme Szene

Wo die Neonazis leben

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Immer mehr Gebäude sind in der Hand von Rechtsextremisten - die meisten in Sachsen, Bayern und Thüringen.

Neonazis können in Deutschland über mindestens 146 Immobilien uneingeschränkt verfügen. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Linken hervor. Laut Bundesregierung nahm die Zahl der von Neonazis kontrollierten Häuser, Wohnungen und Grundstücke im Vergleich zum Vorjahr um insgesamt zehn Objekte zu. Besonders stark fiel der Anstieg in Baden-Württemberg (plus 7), Thüringen (plus 6) und Bayern (plus 4) aus. Im Januar 2018 hatte die Regierung die Gesamtzahl bundesweit mit 136 angegeben.

Die meisten von Rechtsextremisten kontrollierten Immobilien liegen in Sachsen (22), Bayern (21), Thüringen (16), Mecklenburg-Vorpommern (14) und Baden-Württemberg (13). Nach Angaben des Innenministeriums werden nur solche Wohnräume und Liegenschaften berücksichtigt, „bei denen Rechtsextremisten über eine uneingeschränkte grundsätzliche Zugriffsmöglichkeit verfügen, etwa in Form von Eigentum, Miete, Pacht oder durch ein Kenn- und Vertrauensverhältnis zum Objektverantwortlichen“.

In München residiert die Burschenschaft „Danubia“ in einer Villa im Szeneviertel Schwabing. Der bayerische Verfassungsschutzbericht bringt die Burschenschaft mit der rechtsextremen Szene in Verbindung. Kontakte zu „Danubia“ hatte laut Militärischem Abschirmdienst (MAD) auch Franco A., jener Bundeswehroffizier, dem die Bundesanwaltschaft vorwirft, unter falscher syrischer Identität einen rechtsextremistischen Terroranschlag geplant zu haben. Für zwei weitere Immobilien in Bayern, die Innenstaatssekretär Günter Krings auflistet, kassierten die NPD-Funktionäre Frank Rennicke und Patrick Schröder öffentliche Fördergelder für Umbaumaßnahmen.

"Anastasia"-Szene oder "Ein Prozent": „Vieles bleibt unerwähnt“, sagt Martina Renner von der Linken

Rennicke, 2009 und 2010 Kandidat von NPD und DVU für die Wahl zum Bundespräsidenten, lebt im oberfränkischen Feilitzsch. Sein Haus gilt als Dreh- und Angelpunkt der rechtsextremen Partei „Der III. Weg“, die am 1. Mai mit Transparenten und Fahnen durchs sächsische Plauen marschierte. Die Stadt im Vogtland liegt nur 60 Kilometer von Rennickes Zentrale entfernt. Schröder wohnt 90 Kilometer südlich im oberpfälzischen Mantel. Der bayerische Neonazi ist Betreiber des extrem rechten Labels FSN („frei, sozial, national“), Geschäftsführer der Neonazimodemarke „Ansgar Aryan“ und Radiomacher. Frenck bietet in seinem Gasthaus „Goldener Löwe“ im südthüringischen Kloster Veßra an manchen Tagen „Führerschnitzel“ für 8,88 Euro an. Die „8“ markiert in Neonazikreisen den achten Buchstaben im Alphabet. Zweimal „8“ bedeutet zweimal „H“ – das Kürzel für den Führergruß „Heil Hitler“. Festivalwiese und Neonazikneipe befinden sich auf der Liste des Bundesinnenministeriums.

Besonders im Fokus steht auch die Gruppe „Nordadler“. Der Staatsschutz sieht Kontakte zum Rechtsterrorismus. Die Gruppe plant nach eigener Aussage, Immobilien in Ostdeutschland zu kaufen, um Schulungszentren einzurichten und Wehrsportübungen abzuhalten. Zu ihr soll das Haus der „Identitären“ in Halle (Saale) zählen. „Nordadler“ zeige, „dass die Grenzen zwischen rechten Siedlern und mutmaßlichen Rechtsterroristen fließend sind“, sagte Linken-Innenexpertin Martina Renner. Es sei „unverantwortlich“, dass die Bundesregierung viele sogenannte Landsitze der rassistischen und antisemitischen „Anastasia“-Szene in ihrem Lagebild unberücksichtigt lasse. Auch Standorte des neurechten Vereins „Ein Prozent“ blieben unerwähnt. „Die tatsächliche Gesamtzahl der Szene-Objekte dürfte in der Bundesrepublik weit über 200 liegen“, so Renner.

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