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Es gibt genauso viele Frauen wie Männer, die rechtsextrem orientiert sind, so Köttig.
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Es gibt genauso viele Frauen wie Männer, die rechtsextrem orientiert sind, so Köttig.

Rechtsextremismus

Völkische Familien: Betroffene berichtet über Ausstieg aus Neonazi-Szene

  • VonAndreas Förster
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Schon mit 13 Jahren rutschte Tanja Privenau in die rechtsextreme Szene ab. Nun hat sie den Ausstieg geschafft. Sie erzählt vom Leben in der völkischen Welt.

  • Tanja Privenau war viele Jahre rege in der rechtsextremen Szene in Deutschland aktiv.
  • Der Ausstieg aus der rechtsextremen Szene gelang ihr, weil sie weiter Kontakt nach „Außen“ hatte. Ihr Sohn spielte dabei eine besondere Rolle, wie sie berichtet.
  • Alle News zum Thema Rechtsextremismus auf der Themenseite der FR.

Frankfurt/Hannover – Tanja Privenau ist 2008 aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen. Eine Sensation war das damals, Polizei und Verfassungsschutz wollten das kaum glauben. Für sie zählte die Frau aus Norddeutschland zu den überzeugten Nationalsozialistinnen. Sie war Kameradschaftsführerin, gehörte der später verbotenen Wiking-Jugend an, koordinierte die Frauenarbeit in der rechten Szene, hielt Schulungen ab und organisierte Neonaziaufmärsche, bei denen sie auch mal mit Pflastersteinen warf, wie sie zugibt. „Ich war 20 Jahre lang Neonazi von Beruf“, sagte sie vor einigen Jahren bei einem Gespräch.

Privenau ist nahe Hannover aufgewachsen. Mit 13 Jahren schon rutschte sie in die rechte Szene. Sie wurde überzeugte Nationalsozialistin und verschaffte sich Respekt unter ihren meist männlichen Kameraden. Sie trank mit, grölte rechte Parolen, schlug mit zu. Und stieg auf in der Szene: Sie trat der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei und der Wiking-Jugend bei, engagierte sich mit anderen Nazifrauen in der „Deutschen Frauenfront“ und übernahm schließlich sogar als Anführerin die Neonazikameradschaft Hannover. „Ich verstand mich als politischer Soldat“, sagte sie nach ihrem Ausstieg.

Familienleben in der rechtsextremen Szene: „Gegenentwurf zum staatlichen Familienbild“

An den Wochenenden traf sie sich mit rechten Bekannten in Hetendorf, dem Schulungszentrum des mittlerweile verstorbenen Neonazis Jürgen Rieger. Zur „Ausbildung im Funktionieren“, wie Privenau es später nannte. „Von Freitag bis Sonntag lief da das volle Programm ab: Marschiertraining, Befehle ausführen, Fahnenappell, Gemeinschaftsküche, Wehrsportübungen. Und Gehirnwäsche, denn es gab Schulungen mit alten SS-Männern und anderer Naziprominenz. Wir kochten in unserer braunen Soße.“

In dieser Szene lernte Tanja Privenau ihren ersten Mann kennen. Sie zogen zusammen auf seinen Bauernhof. Sie war noch keine 20 Jahre alt, da hatte sie schon zwei Kinder. Ende der 1990er-Jahre ließ sich scheiden, heiratete einen anderen Neonazi und zog mit ihm auf einen Bauernhof in der Nähe von Bremen. Sie brachte ihre beiden Kinder mit in die Ehe und bekam mit ihrem neuen Mann noch weitere drei Söhne.

Im Familienleben änderte sich zunächst nicht viel. „Wir haben uns, auch schon in meiner ersten Beziehung, immer als nationale, als völkische Familien verstanden“, erzählte Tanja Privenau nach ihrem Ausstieg. „Wir wollten einen Gegenentwurf zum staatlichen Familienbild leben.“

Mit völkischem Gedankengut groß geworden: Kindererziehung unter Rechtsextremen

Konkret hieß das, dass die Kinder so weit wie möglich ihr Leben innerhalb der rechten Szene leben mussten. Gerade mal der Besuch einer staatlichen Schule wurde geduldet, wenn auch zähneknirschend. Gleich nach dem Unterricht mussten die Kinder nach Hause kommen. Freund:innen aus der Schule durften sie nicht treffen. Dafür arbeiteten sie auf dem Hof mit. Von klein auf sei es um Pflichten und Disziplin gegangen, um Gemeinschaft und Unterordnung, erzählte Tanja Privenau. Ihr Mann schlug auch mal zu, wenn sich die Kinder nicht an die Regeln hielten.

Wie die anderen völkischen Familien waren auch sie bemüht, so viel Einfluss wie möglich auf ihre Kinder auszuüben und sie von der „bösen Außenwelt“ abzuschotten. „Wir trafen uns ja regelmäßig mit den anderen Familien, und aus den Gesprächen ergab sich, dass es überall gleich ablief“, erzählte sie. „Wie in einer Sekte.“ Die Kinder durften keine Jeans tragen oder bedruckte T-Shirts. Stattdessen gab es selbst genähte Kleider und Röcke für die Zöpfe tragenden Mädchen sowie Stoffhosen und Hemden für die Jungs. Gemeinsam sang man deutsches Liedgut, vor jedem Essen wurde ein Tischspruch aufgesagt, die Kinderbücher erzählten von der heilen völkischen Welt.

„Am Anfang meiner zweiten Ehe war ich noch eine überzeugte Nationalsozialistin“, erinnerte sie sich. Aber dann seien die Zweifel gewachsen. Privenau führte zusammen mit ihrer Mutter zwei Einzelhandelsgeschäfte mit mehreren Angestellten. Außerdem begann sie in dieser Zeit eine Ausbildung zur Heilpraktikerin. „So abgeschottet war meine Welt also nicht, ich war keine dieser für völkische Familien so typische Hausfrau und Mutter. Und das öffnete mir auch die Augen.“

Rückzug aus der rechten Szene: Umgang mit Sohn öffnete Aussteigerin die Augen

Ihr Mann kam mit der selbstbewusster werdenden Ehefrau nicht klar. Immer wieder kam es zu Reibereien, wenn Arbeit auf dem Hof oder im Haushalt liegenblieb. „Er wurde immer unbeherrschter, brüllte die Kleinen an und fing an, meinen ältesten Sohn zu schlagen“, erzählte sie.

Der älteste Sohn von Tanja Privenau ist behindert. Ihr Ehemann kam damit nicht klar, in seinem Weltbild haben Krankheit und Behinderung keinen Platz. „Wie oft musste ich mir von ihm anhören, das sei doch unwertes Leben, ich solle den Jungen ins Heim geben, wie würden wir denn dastehen gegenüber den anderen, ‚gesunden‘ Familien“, erzählte sie. „In diesen Debatten begann ich, mich aus der Szene, aus dieser rechten Gedankenwelt zu lösen.“ Als der Sohn in einem Zeltlager der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ von den rechten Aufpassern misshandelt wurde, stand ihr Entschluss fest: „Ich wollte raus aus der Szene und endlich ein normales Leben führen.“

Tanja Privenau, heute 52 Jahre alt, lebt inzwischen unter einer neuen Identität an einem unbekannten Ort. Das ist notwendig, denn in der rechten Szene gilt sie als Verräterin, lange Zeit gab es Drohungen gegen sie. Auch deshalb, weil sie nach ihrer von der Aussteigerinitiative Exit unterstützten Abkehr von rechts bei Polizei und Verfassungsschutz ihr Wissen über die einstigen Kameraden preisgab und bei Exit mithalf, Neonaziaussteiger:innen zu betreuen. (Andreas Förster)

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