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In der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen liegt ein Kondolenzbuch für Kremlkritiker Boris Nemzow aus.

Nemzow-Begräbnis

Nemzows Lebensgefährtin darf Russland nicht verlassen

Nach dem Mord an Kreml-Kritiker Nemzow darf dessen ukrainische Lebensgefährtin Russland nicht verlassen. Eine polnische Delegation, die an der Trauerfeier für den Oppositionellen teilnehmen wollte, darf nicht einreisen.

Drei Tage nach dem Mord am russischen Kremlkritiker Boris Nemzow in Moskau wird dessen ukrainische Lebensgefährtin dort gegen ihren Willen weiter festgehalten. Die 23-jährige Ganna Durizka, die Augenzeugin des Verbrechens wurde, sagte am Montag, sie habe der Polizei bereits alles gesagt, was sie wisse. Zwei zu den Trauerfeierlichkeiten angereisten Politikern aus Lettland und Polen wurde die Einreise nach Russland verweigert.

Durizka sagte dem russischen Oppositionssender Doschd, sie sei nicht verdächtig und habe deshalb "das Recht, Russland zu verlassen". Das Model war dabei, als Nemzow am späten Freitagabend in unmittelbarer Nähe des Kreml durch Schüsse in den Rücken getötet wurde. Die junge Frau befand sich nach eigenen Angaben derzeit in der Wohnung eines Freundes in Moskau, die sie nicht verlassen dürfe. Laut einem Bericht der "Bild"-Zeitung (Dienstagsausgabe) soll sie einen Test mit dem Lügendetektor absolvieren.

Durizkas Mutter appellierte an den ukrainischen Präsidenten und das Außenministerium, sich für die Rückkehr ihrer Tochter einzusetzen. "Sie ist unschuldig", sagte Inna Durizka dem ukrainischen Sender 1+1. "Ich habe Angst, dass man sie des Mordes beschuldigt, einfach weil sie eine ukrainische Spur benötigen." Die russischen Behörden könnten "alles erfinden".

Der 55-jährige Nemzow war ein entschiedener Kritiker der russischen Ukraine-Politik. Er soll an einem Bericht über die Beteiligung Russlands am Krieg in der Ostukraine gearbeitet haben. Nach Angaben seines Freundes Ilja Jaschin von der Oppositionsbewegung Solidarnost verfügte er über "Beweise" für die Präsenz russischer Soldaten in der Ukraine.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete Nemzows Ermordung als "abscheuliches Verbrechen" und versprach "vollständige Ermittlungen". Es werde alles getan, damit "die Täter" überführt würden, sagte er zum Auftakt der Tagung des UN-Menschenrechtsrats in Genf. Der russische Präsident Wladimir Putin selbst überwache die Ermittlungen. Für Hinweise auf die Täter wurde eine Belohnung von drei Millionen Rubel (knapp 43.000 Euro) ausgesetzt - der monatliche Durchschnittslohn in Russland liegt bei 60.000 Rubel.

Nemzow wird am Dienstag beigesetzt. Moskau verweigerte dem polnischen Senatspräsidenten und ehemaligem Solidarnosc-Mitglied, Bogdan Borusewicz, die Einreise als Reaktion auf die von der Europäischen Union verfügten Strafmaßnahmen gegen die Sprecherin des russischen Oberhauses (Föderationsrat), Valentina Matwijenko. Auch die lettische Abgeordnete des Europaparlaments für die konservative Europäische Volkspartei (EVP), Sandra Kalniete, wurde am Moskauer Scheremetjewo-Flughafen abgewiesen. Sie selbst führte das auf ihre scharfe Kritik an Russlands Ukraine-Politik und ihre Rolle als "Feindin Russlands" zurück, auf die sie "stolz" sei.

An der Trauerfeier für Nemzow nehmen auch Vertreter der Bundesregierung teil. Der deutsche Botschafter in Moskau will nach Angaben aus Berliner Regierungskreisen der Zeremonie gemeinsam mit Kollegen aus anderen europäischen Staaten beiwohnen, ebenso der Russlandkoordinator der Bundesregierung, Gernot Erler (SPD). Nemzows Leichnam soll zunächst im Moskauer Andrej-Sacharow-Zentrum für Menschenrechte aufgebahrt werden. Danach ist die Beisetzung auf einem Friedhof der russischen Hauptstadt geplant.

Der Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament, Elmar Brok (CDU) sieht das Leben weiterer russischer Oppositioneller wie Alexej Nawalny, Michail Kasjanow und Gari Kasparow "akut bedroht". Brok sagte der "Welt" (Dienstagsausgabe), dass "der Mord an Nemzow zeigt, dass diese mutigen Männer die nächsten Opfer sein können". Kasjanow werde nach der Ermordung Nemzows vermutlich die Führung der Partei der Volksfreiheit (Parnass) übernehmen und sei dann "natürlich in besonderer Gefahr", sagte der EVP-Politiker. (afp)

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