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„Ich wollte endlich mein Leben in den eigenen Händen halten.“ Neda Soltani erzählt in ihrem Buch, wie sie unfreiwillig zu einer Märtyrerin der iranischen Opposition stilisiert wurde.

Iran

Neda Soltani - ein Bild von einer Frau

Vor drei Jahren ging Neda Soltanis Foto um die Welt – als Porträt einer Toten, erschossen bei einer Demonstration in Teheran. Wie eine tragische Verwechslung ein ganzes Leben verändert.

Von Rudolf Novotny

Eine Stunde lang darf Neda Soltani glauben, dass sie ihr Gesicht zurückgewonnen hat. Dann meldet sich im Publikum ein Mann mit sonorer Stimme: „Wurde Ihre Geschichte nie von einem unabhängigen Journalisten überprüft? Wurde sie immer nur aus Ihrer Sicht erzählt?“ Die Frau schaut ihn an, lächelt, legt ihre Hände in den Schoß, dorthin, wo ihr Buch liegt, ihre Geschichte.

Das Buch heißt „Mein gestohlenes Gesicht“, auf dem Cover ist das Porträt einer schönen, jungen Frau zu sehen. Ihr herzförmiges Gesicht wird von einem locker gebundenen Kopftuch umrahmt. Man erkennt Neda Soltani sofort, auch wenn sie ihr Haar nun in Berlin offen trägt. Das Foto wurde vor drei Jahren im Iran gemacht. Es war ihr Profilbild bei Facebook. Als die Menschen im Juni 2009 in Teheran auf die Straße gingen, um gegen den Wahlbetrug des Regimes zu demonstrieren, verwandelte es sich in das Bild einer Märtyrerin. Sie wurde zum Opfer, zum Opfer einer Verwechslung.

Neda Soltani erzählt diese Geschichte in ihrem Buch, deshalb sitzt sie heute Abend hier, in diesem Saal, mit Blick auf die Straße Unter den Linden, neben sich eine Moderatorin, vor sich Verlagsmitarbeiter und Journalisten. Neda Soltanis Hände liegen auf dem Buch, als wollte sie es vor Angriffen beschützen.

Der Tod auf Youtube

Bevor sie zur Märtyrerin gemacht wurde, war Neda Soltani Dozentin für Anglistik an der Azad Universität in Teheran. Sie war jung, erst 32, und sie war ehrgeizig, schrieb an ihrer Doktorarbeit. Ihre Familie gehörte zur liberalen iranischen Mittelschicht, an der Universität galt Soltani als Feministin. An den Demonstrationen nahm sie dennoch nicht teil. Und aus dem Iran weggehen wollte sie auch nicht. Neda Soltani mochte das Regime nicht – aber sie mochte ihr Leben.

Dann kam der 20. Juni 2009. Es war sieben Uhr abends, Neda Soltani feilte an der Universität gerade an einem Vortrag, als bei einer Kundgebung in Teheran jemand mit seinem Handy filmte, wie eine junge Frau erschossen wurde. Kurz darauf erschienen die Bilder bei Youtube. Man sah, wie die Frau plötzlich auf der Straße zusammenbrach, wie sich andere Demonstranten über sie beugten, wie sie voller Grauen in die Kamera starrte. Dann brach ihr Augenlicht, aus Mund und Nase quoll Blut. Einer der Demonstranten schrie einen Namen: „Neda, Neda.“

Die Tote hatte nicht nur denselben Vornamen wie Neda Soltani, sie studierte auch an derselben Universität. Sogar die Nachnamen ähnelten sich: Soltani und Agha-Soltan. Zwei Frauen. Beide jung, beide mit ebenmäßigen Gesichtszügen, beide mit Kopftuch. Irgendjemand suchte nach einem Foto der toten Neda und landete auf der Facebook-Seite von Neda Soltani, kopierte ihr Profilbild und verschickte es als das Porträt der Toten. Stunden später war das Bild überall zu sehen: In Blogs, auf Fernsehkanälen wie CNN, in Zeitungen wie dem Guardian.

Als Neda Soltani am nächsten Tag ihr Facebook-Profil öffnete, hatte sie Hunderte von Meldungen, im Fernsehen sah sie weinende Demonstranten, die ihr Bild durch die Straßen trugen. Neda Soltani war zu einer weltweiten Ikone des iranischen Freiheitskampfes geworden. Verzweifelt erklärte sie auf ihrer Facebook-Seite, dass es sich um eine Verwechslung handelte – und wurde daraufhin als Lügnerin beschimpft. Sie schickte E-Mails an Redaktionen in aller Welt, versuchte, den Fehler zu berichtigen. Doch niemand reagierte.

Niemand außer dem iranischen Regime, das sie zum Verhör vorlud. Sie sollte im Fernsehen erklären, dass die Revolution eine westliche Verschwörung sei. Neda Soltani weigerte sich. Sie wurde erneut vorgeladen. Als die Verhöre immer bedrohlicher wurden, entschloss sie sich zur Flucht. Nur mit einer Ledertasche voller Habseligkeiten flog sie nach Griechenland, reiste von dort weiter nach Deutschland. Hier lebte sie erst bei einem Cousin, dann zog sie in ein Asylantenheim in Gießen. Irgendwann in jener Zeit traf sie auf einen Journalisten, der sich ihrer Geschichte annahm und sie im Magazin der Süddeutschen Zeitung erzählte. Kurz danach kamen die ersten Angebote, ein Buch zu schreiben.

Im Publikum in Berlin, in einer der hinteren Reihen, sitzt eine schlanke Frau mit einem glücklichen Lächeln. Andrea Löhndorf ist Lektorin des Verlages, der Neda Soltanis Buch herausbringt. Sie blickt zu ihrer Autorin, die gerade noch ein paar weitere Journalistenfragen beantwortet. Löhndorf lauscht den akzentfreien englischen Antworten Soltanis und den deutschen, bei denen die Autorin ihre Grammatikfehler charmant weglächelt. „Es ist ein Wahnsinn, wie sie sich entwickelt hat“, sagt Andrea Löhndorf und blickt noch ein bisschen beseelter. Sie war dabei, als Neda Soltani ihren heutigen Verleger kennenlernte. „Neda war damals so zerbrechlich, so schutzbedürftig, dass er sie spontan in den Arm genommen hat.“

Die ersten, wenigen Artikel, die vor etwa zwei Jahren erscheinen und Neda Soltanis Geschichte erzählen, sind traurig. Sie beschreiben das Versagen der etablierten Medien und die unerbittliche Dynamik sozialer Netzwerke. Sie beschreiben auch Neda Soltani: als eine Frau, die den Kampf um die Wahrheit verloren hat. In den Artikel ist von grauen Strähnen die Rede und von Tränen. Neda Soltani lebt im Asylbewerberheim in einem winzigen Vierbett-Zimmer, sie ist einsam, hat Depressionen und weiß nicht, wie es weiter gehen soll. Wer nur diese Artikel liest, für den ist es nicht nur ein Wahnsinn, wie Neda Soltani sich entwickelt hat, sondern auch, dass sie sich nach all diesen Erfahrungen nun wieder den Medien aussetzt.

Denn die Artikel beschreiben das Bild der Neda Soltani nur aus einer Perspektive. Das ganze Bild zeigt eine Frau, die nicht Opfer sein will, nicht Objekt, weder einer Freiheitsbewegung, noch westlicher Medien. Es zeigt eine Frau, die frei ihre Entscheidungen trifft. Auch wenn diese Entscheidungen bedeuten, dass sie um ihr Leben kämpfen muss.

Die Suche nach dem ganzen Bild beginnt Mitte Mai in Frankfurt. Seit sie als Flüchtling anerkannt wurde, lebt Neda Soltani in einem kleinem Apartment in einem Vorort der Stadt. Sie schlägt vor, sich vor dem Bibliothekszentrum Geisteswissenschaften der Goethe-Universität zu treffen. Die Bibliothek liegt im alten Gebäude der IG Farben. Ein mächtiger Bürokomplex aus hellem Stein inmitten eines Parks. Die Sonne scheint. Vor dem Hauptportal steht in Jeans und schwarzem Hemd Neda Soltani. Sie sieht ein bisschen verloren aus. Die Türen des Baus sind verriegelt, aus Angst vor den Demonstranten der Blockupy-Bewegung. Neda Soltani zuckt mit den Schultern. „Gehen wir eben spazieren, Richtung Main.“

Eigentlich wollte sie sich an diesem Ort treffen, um das Gebäude auch von innen zu zeigen. Den Paternoster, die Leseräume. Die Bibliothek ist ihr Lieblingsort in Frankfurt. „Auch wenn die deutschen Studenten das Haus wegen seiner Geschichte natürlich hassen.“ Doch für Neda Soltani steht das Gebäude nicht für die nationalsozialistische Vergangenheit, sondern für die Zukunft.

Der Kauf der Aussteuer

Hier begann sie vor zwei Jahren, ihr Buch zu schreiben. Sechs Tage die Woche kam sie in die Bibliothek, schrieb sechs bis sieben Stunden an dem Manuskript. „Ich habe im ersten Stock angefangen, dann bin ich langsam aufgestiegen in den dritten und am Ende war ich im siebten.“

Neda Soltani schreibt über die Wochen im Frühsommer 2009 und die Zeit danach. Aber auch über ihre Kindheit. Sie schreibt über ihre Mutter, die einerseits viel Wert darauf legt, dass ihre beiden Töchter studieren, dann aber vor der Heirat der älteren Schwester gleich für beide eine Aussteuer kauft – gegen Nedas Willen. Sie erzählt von ihrem Vater, der die Familie erst mit Geschenken überhäuft und dann, als er pleite ist, vor der Verantwortung flüchtet und in eine andere Stadt zieht. Sie schreibt über ihren geliebten kleinen Bruder und die große Schwester, die ganz anders ist als sie, so viel traditioneller. Sie schreibt von Freunden und Lehrern und Professoren. Und sie schreibt über sich selbst, wie sie nicht heiraten, sondern Professorin werden wollte, wie sie angefeindet wurde, weil sie angeblich weibliche Studenten bevorzugt. Schließlich beschreibt sie auch, wie der Geheimdienst sie zu einer Stellungnahme vor den Kameras zwingen wollte und sie immer wieder den falschen Text aufsagt.

Der Iran ist in Soltanis Buch nicht nur ein Gottesstaat, der seine Bewohner unterdrückt. Er ist auch ein Land, in dem viele Menschen glücklich leben – anders, als der Westen es sich vorstellt.

Ihre Eltern und Geschwister wissen noch nicht einmal, dass sie dieses Buch geschrieben hat. Neda Soltani hat nur selten mit ihnen Kontakt. Und wenn, dann erwähnt sie das Buch nicht. Die Gefahr, dass das Gespräch abgehört wird, ist zu groß. Ihr Fall ist immer noch nicht vergessen bei den iranischen Behörden, manchmal tauchen sogar Artikel über sie im Iran auf, die offensichtlich vom Geheimdienst aus westlichen Medien übersetzt – und verfälscht – wurden.

Zehn Monate lang schreibt Neda Soltani an ihrem Buch. Nur manchmal nimmt sie sich einen Tag frei, wenn sie sich nicht gut fühlt, weil die Erinnerungen sie überkommen. Aber dann reißt sie sich wieder zusammen „Ich wollte endlich mein Leben in den eigenen Händen halten.“

Neda Soltani will ihr Gesicht zurück. Deshalb muss die Welt wissen, wer sie wirklich ist.

Sie hat unter der reflexartigen Berichterstattung der Medien gelitten, jetzt nutzt sie diese Reflexe für ihr eigenes Ziel. Eine junge Iranerin gegen die Medien dieser Welt. Auch das ist eine Geschichte. Aber eine, die zeigt, dass das Schicksal der Neda Soltani nicht nur traurig ist, sondern auch Hoffnung in sich trägt. Weil sich hier jemand weigert, länger instrumentalisiert zu werden.

Der Weg an den Main führt von der Bibliothek durch die Frankfurter Innerstadt. An diesem Tag gleicht sie einer Festung. In den Straßen stehen Einsatzwagen, auf den Plätzen versammeln sich Polizisten in Schutzausrüstung und um die Bankentürme sollen Absperrungen die Blockupy-Aktivisten auf Abstand halten. Vor der Alten Oper fotografieren Touristen den Aufmarsch. Neda Soltani, schaut nicht einmal hin. Stattdessen erzählt sie von ihrem Leben der letzten Monate. Neben dem Schreiben lernt sie Deutsch. Sie findet Freunde, verliebt sich, trennt sich wieder. Sie bekommt ein Stipendium an einer Universität in New Jersey. Bis Ende Dezember lehrt sie dort als Gastdozentin.

Neda Soltani bleibt an einer roten Ampel stehen. In New York, sagt sie, habe sie anfangs immer bei Rot gewartet. Als einzige. „New Yorker marschieren einfach los.“ Sie lacht laut, ein paar Polizisten drehen sich um. Es sieht so aus, als lebe sie nun das selbstbestimmte Leben, für das sie im Iran immer gekämpft hat.

Dunkle Tage

Neda Soltani nickt. „Stimmt. Aber zu welchem Preis? Ich habe meinen Traumjob verloren und meine Nichte habe ich zum letzten Mal gesehen, als sie elf Monate alt war. Für die bin ich nur ein Name. Sie weiß nicht, wie sehr ich sie liebe.“ Noch immer verfolgen Neda Soltani Alpträume von den Verhören durch den Geheimdienst, noch immer hat sie Tage, an denen alles schwerfällt, an denen sie kaum atmen kann. „Dunkle Tage“ nennt sie die. „Ich verstelle mich nicht, wenn ich lache und und lustig bin – aber es gibt da eben noch diese andere Seite.“ Sie überlegt kurz, beginnt zu kichern und sagt: „Mein nächster Freund muss ein Psychologe sein!“

Neda Soltani hätte es einfacher haben können. Einige böse Sätze über westliche Geheimdienste, und sie wäre wohl heute noch Dozentin an ihrer Universität. Sie hat sich anders entschieden. Für die Wahrheit. Freier kann ein Mensch nicht sein. Die Demonstranten in Teheran hatten nicht ganz Unrecht, als sie das Gesicht von Neda Soltani auf ihre Plakate druckten.

„Ach“, Neda Soltani winkt ab, „ich konnte mich gar nicht anders entscheiden. Es wäre gegen meine Prinzipien gewesen. Meine Eltern haben mir beigebracht, mich korrekt zu verhalten, auch wenn ich damit in Schwierigkeiten komme. Aber es gibt mir Kraft.“ Dann erzählt sie wie sie damals, im Asylantenheim manchmal so schlecht ging, dass sie dachte, sie müsse sterben. „Aber an Selbstmord dachte ich nie.“

Der Main ist jetzt nur noch zwei Häuserblocks entfernt. Ein paar Straßen überqueren, an ein paar Polizisten vorbei – plötzlich bleibt Neda Soltani stehen, irgendwo zwischen Hochhäusern, Polizeikontrollen und einer vierspurigen Straße. „Schauen Sie mal!“ Sie deutet auf die Auslage eines Blumenladens. Eine kleine Topfpflanze ist dort umgekippt. Neda Soltani geht in die Knie. Vorsichtig stellt sie die Pflanze auf, kratzt mit den Händen die verschüttete Erde vom Pflaster zusammen und füllt sie zurück in den Topf. Dann steht sie wieder auf, sie ist ein bisschen rot. Leise sagt sie: „Sieqwissen doch, Prinzipien.“

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