Warten auf Wasser und Nahrung in Äthiopien: Die 1992 in Rio beschlossene Agenda 21 hatte unter anderem das Ziel, den Hunger in der Welt zu bekämpfen.
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Warten auf Wasser und Nahrung in Äthiopien: Die 1992 in Rio beschlossene Agenda 21 hatte unter anderem das Ziel, den Hunger in der Welt zu bekämpfen.

25 Jahre Rio-Konferenz

Die Nebenwirkungen der Entwicklung

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Aller Euphorie zum Trotz hat die Menschheit den Treibhausgas-Ausstoß seit dem UN-"Erdgipfel" 1992 um 50 Prozent erhöht. Die ökologische Stabilität des Planeten scheint gefährdeter denn je.

Fidel Castro, George Bush sen. und Helmut Kohl an einem Tisch, vereint beim Festbankett, dazu noch 105 weitere Staats-und Regierungschefs aus aller Welt? Das hätte man sich ein paar Jahre vorher, in der letzten Hochrüstungsphase des Kalten Krieges, nicht vorstellen können. Doch anno 1992, auf dem „Erdgipfel“ der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro, gab es das.

Die deutsche Mauer war gefallen, der Ost-West-Konflikt schien zu Ende, viele Milliarden Dollar aus den Rüstungsetats wurden, zumindest theoretisch, frei – und die Delegationen von 172 Staaten kamen in der brasilianischen Metrtopole zusammen, um neue Pläne für den Planeten zu schmieden: die Unterentwicklung der armen Länder und den Raubbau an der Umwelt von der Erde zu verbannen. Heute, 25 Jahre danach, ist die Bilanz zwiespältig: Die Armut hat weltweit zwar abgenommen, doch um den Preis, dass die ökologische Stabilität des Planeten gefährdeter erscheint denn je.

Die Öko-Kennzahlen sind klar negativ. In dem Vierteljahrhundert seit Rio hat die Menschheit den jährlichen Treibhausgas-Ausstoß um 50 Prozent erhöht, Naturwald von fast der siebenfachen Fläche Deutschlands abgeholzt, das globale Artensterben beschleunigt und – damals noch unvorstellbar – fünf riesige Plastikmüll-Strudel auf den Weltmeeren erzeugt. Dabei hatten die Teilnehmer des Erdgipfels doch eine Trendumkehr in den zentralen Umwelt-Bereichen angepeilt. Sie unterzeichneten zwei Weltkonventionen, eine zum Schutz des Klimas, eine weitere zur Erhaltung der Artenvielfalt, und verabschiedeten eine 350 Seiten starke „Öko-Bibel“, die „Agenda 21“, Blaupause für eine globale nachhaltige Entwicklung.

„Wir waren so euphorisch“ – so erinnerte sich Klaus Töpfer (CDU) an die zwei Wochen in Rio. Der Ex-Bundesumweltminister erarbeitete sich damals den Titel als „Retter von Rio“, weil er als cleverer Verhandler maßgeblich dazu beitrug, die schwierigen Verhandlungen auf diesem Mega-Event zum Erfolg zu führen. „Die Teilnehmer aus Nord und Süd, Ost und West überwanden ihre Konflikte und Vorbehalte“, so Töpfer, der später Chef des UN-Umweltprogramms Unep in Nairobi wurde. „Sie schienen wirklich überzeugt von der Idee, nachhaltigen Wohlstand durch Entwicklung für alle zu schaffen, ohne die ökologischen Grundlagen des Planeten auszuplündern.“

Und es sei anerkannt worden, dass reiche und arme Länder eine „gemeinsame, aber unterschiedliche Verantwortung“ trügen. Will sagen: Die Industriestaaten, die weitaus mehr Schuld am Zustand des Planeten hatten als die Entwicklungsländer, sollten mit dem grünen Umbau bei sich anfangen und den armen Staaten mit Finanzmitteln und Technologie unter die Arme greifen. Ziel: ihnen den Umweg über eine schmutzige Industrialisierung zu ersparen. „Das war ein Meilenstein.“

Allerdings wurde dieser Meilenstein, bildlich gesprochen, schnell überwuchert, nämlich vom ökonomischen Neoliberalismus. Bereits 1994, zwei Jahre nach Rio, wurde in Marrakesch die Welthandelsorganisation (WTO) gegründet – die Antreiberin für eine grenzenlose Turbo-Globalisierung. „Rio war gut für die Rhetorik, doch Marrakesch wurde in die Tat umgesetzt“, kommentierte der Umweltforscher Wolfgang Sachs vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie. Der industrialisierte Norden habe das Rio-Versprechen platzen lassen. Die Entwicklungsexpertin Barbara Unmüßig, die in Rio dabei war und heute Vorstand bei der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung ist, kritisiert in der Rückschau: Die Rio-Themen seien an die Umwelt- und Entwicklungspolitiker delegiert worden, statt an die Wirtschaftspolitiker. Und: In Rio sei der Fehler gemacht worden, nicht auch sofort verbindliche Obergrenzen festzulegen, zum Beispiel für Treibhausgas-Ausstoß, Abholzung und Fischfang. „Heute sehen wir, dass wir Grenzen überschritten haben“, sagt Unmüßig.

Die unbestreitbaren Erfolge auf dem Sektor Entwicklung – Stichworte: Kampf gegen Armut, Hunger, Krankheiten – haben deswegen Nebenwirkungen, die die Umwelt nachhaltig zerstören. Trotz Zunahme der Weltbevölkerung seit „Rio“ von 5,4 auf 7,5 Milliarden Menschen sank die Zahl der „sehr Armen“ von 1,9 Milliarden auf knapp 850 Millionen, und der Anteil der Hungernden sowie die Rate der Mütter- und Kindersterblichkeit halbierte sich. Auch Krankheiten wie Malaria, Masern und Aids konnten stark zurückgedrängt werden. Allerdings ist das vor allem dem rasanten ökonomischen Aufstieg von Ländern in Asien zu verdanken, besonders China und Indien, die allerdings dafür das eigentlich überholte ressourcenintensive Modell der Industrieländer kopierten. Sie ließen die Schornsteine rauchen, und wie.

Der uneingelösten Versprechen von Rio zum Trotz: Die Experten wollen die Hoffnung nicht ganz fahren lassen. Vor zwei Jahren haben die Staaten der UN die „Agenda 2030“ mit 17 globalen Entwicklungszielen beschlossen, eine Art „Rio hoch zwei“. Danach sollen die extreme Armut und Hunger bis 2030 völlig verschwunden sein und zugleich die Natur geschützt werden. „Ich halte sie absolut für erreichbar, und ich halte sie vor allem auch für enorm wichtig“, sagt der Leiter des UN-Entwicklungsprogramms und frühere Unep-Chef, Achim Steiner. Die Felder Wirtschaft, Soziales, Umwelt und Nachhaltigkeit seien diesmal, anders als 1992, ganz neu verknüpft worden.

Und selbst von der Klima-Front gibt es endlich zumindest halbwegs positive Nachrichten: Seit drei Jahren steigen die globalen Emissionen aus dem Energiesektor nicht mehr. Könnte sein, dass die Trendwende Dank der immer billiger werdenden Öko-Energien, endlich erreicht ist. Und nicht einmal die Eskapaden eines US-Präsidenten Donald Trump würden daran etwas ändern.

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